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Muslime in Deutschland: Antisemitismus, nicht in meinem Namen

Der palästinensisch-deutschen Studentin Jenin Abend ist eines klar: So lange es Antisemitismus gibt, wird es auch Islamophobie geben. Eine Stimme gegen den Hass - auf beiden Seiten.

Ein Gastbeitrag von Jenin Abed

Kaum ein Thema in Deutschland ist so sensibel wie dieses: Antisemitismus. Das weiß ich. Das weiß ich besonders gut. Denn ich bin palästinensische Deutsche. Mein Vater kam Ende der 60er Jahre nach Deutschland. Meine Familie lebt überall auf der Welt verteilt. Auch im Gaza-Streifen. Das ist einfach so. Daran kann ich nichts ändern, das ist mein Hintergrund, meine Familie. Es gehört zu meiner Geschichte.

Wenn ich einen neuen Job annehme, wenn ich neue Menschen kennenlerne, dann muss ich das meistens erzählen, weil man danach fragt. Das bin ich. Und das bietet viel Redestoff. Das ist wohl klar. Das ist aber nicht immer ganz einfach. Man muss schon vorbereitet sein, auf jegliche Fragen:

Sind die Palästinenser alle streng religiös?


Nein.

Unterdrücken sie nicht alle ihre Frauen?


Nein.

Seid ihr alle Hamas?


Nein.

Aber ich glaube, das schlimmste Vorurteil, mit dem ich jemals konfrontiert wurde, war, dass ich eventuell voreingeschränkt gegenüber Juden sei. In einem Bewerbungsgespräch.

Sie kennen mich doch gar nicht

Diese Unterhaltung habe ich nicht so schnell vergessen. Wie kann man nur so etwas behaupten? Eine Unterstellung. Vielleicht hätte ich einfach sagen sollen, ich sei Jordanierin oder was auch immer. Dann hätte ich mir das Ganze erspart. Aber, wie kann man nur? Ich, die mit allem und jedem immer offen umgeht. Ich, die offen und ehrlich gegenüber jedem ist. Egal, welcher Hautfarbe, egal welcher Herkunft, egal welcher Religion! Ja, ich, die von ihren Eltern zu Gutherzigkeit gegenüber ALLEN Menschen erzogen wurde. Weil ich palästinensischer Herkunft bin, wäre ich also gegen Menschen voreingenommen, nur weil sie Juden sind?

Ich weiß, dass sich das aus der Außenperspektive wie eine selbstverständliche Vermutung anhört. Eine logische Folge aus dem Nahost-Konflikt. Aber aus meiner Innenperspektive hat dies einfach keinen Sinn gemacht. Ich verstehe, wo die Vermutung herkommt. Aber wie kann es sein, dass man immer versucht, dem anderen etwas zu unterstellen, was man gar nicht belegen kann?

Damals dachte ich: Sie kennen mich doch gar nicht. Muss ich mich jetzt wirklich beweisen? Soll ich das jetzt wirklich sagen? Dass ich schon mit jüdischen, christlichen und muslimischen Israelis zusammen gearbeitet habe. Dass ich vor allem in den USA viele junge Juden kennengelernt habe, und dass wir uns alles andere als böswillig gegenüberstanden. Dass sie Freunde von Freunden sind. Warum auch nicht? Nicht überall ist der Nahe Osten. Und sogar dort ist es oft anders, als man denkt: Als Kind war ich oft dabei, wenn wir die israelischen Geschäftspartner meines Onkels besucht haben. Ich kann mich bis heute noch gut an die Menschen und an Tel Aviv erinnern.

Antisemitismus, nicht in meinem Namen

Das alles habe ich damals nicht gesagt. Ich wollte mich nicht verteidigen. Ich fand es einfach zu banal. Wenn man dem anderen grundsätzlich unterstellt, rassistisch zu sein, und von einem Fall auf alle schließt, ist man dann selbst besser? Bei all dem, was zurzeit über Muslime, Palästinenser (nicht alle Palästinenser sind Muslime) und den Antisemitismus gesagt wird, sollte man darauf achten, nicht "Unschuldigen" Unrecht zu tun und ihnen Falsches zu unterstellen. Egal auf welcher Seite. Weder Antisemitismus, noch Islamophobie oder gar Palästinenser- oder Araberphobie werden den Menschen, die eine Lösung suchen, jetzt weiterhelfen.

Probleme kann man nur lösen, wenn man auf einer Ebene kommuniziert, auf der sich alle respektiert und gerecht behandelt fühlen. Vorurteile sind da kein guter Ratgeber.

Antisemitismus, nicht in meinem Namen. Denn so lange es ihn gibt, weiß ich, es gibt auch Islamophobie.