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Hans-Martin Tillack: Charta für Pressefreiheit

Journalisten von der taz bis zur Bild-Zeitung und von Rumänien bis Dänemark haben neuerdings etwas gemeinsam: Sie initiierten eine Europäische Charta für Pressefreiheit. Am Montag trafen sich 48 Kollegen, darunter der Autor dieses Blogs, in der Zentrale des Verlages Gruner + Jahr (der gibt auch den stern heraus) in Hamburg, um etwas zu beschließen, was es bisher nicht gab. Und zwar eine gemeinsame Charta, die das formuliert, was Journalisten brauchen, um ihre Arbeit tun zu können: Schutz vor Einschüchterung, Schutz ihrer Quellen, Schutz ihrer Unabhängigkeit.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender war ebenso dabei wie zwei Journalisten von der Moskauer Nowaja Gaseta, der Vizechef der Pariser Zeitung Libération und auch jemand wie Flemming Rose. Der Kulturchef der dänischen Jyllands-Posten hatte vor dreieinhalb Jahren heftige Proteste und eine weltweite Debatte über die Meinungsfreiheit ausgelöst, indem er Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlichte.

Ihnen allen geht es nicht um Privilegien für überkandidelte Reporter, sondern darum, dass sie unbehelligt ihre Arbeit machen können. Darum, dass Leser, Radiohörer und Fernsehzuschauer die Chance haben sich umfassend zu informieren - ohne dass deutsche Politiker über die Rundfunkräte parteipolitische Treue belohnen, Geheimdienste und Staatsanwälte Journalisten am Telefon belauschen und große Konzerne Zeitungen mit Anzeigenboykotts gefügig machen.

Solche Gefahren drohen der Pressefreiheit auch hierzulande - auch wenn missliebige Zeitungsleute hierzulande nicht um ihr Leib und Leben fürchten müssen wie in Russland.

Mir persönlich hat die vom stern-Kollegen Hans-Ulrich Jörges initiierte Chartaidee auch deshalb eingeleuchtet, weil ich selbst erlebt habe, wie wichtig die europaweite Solidarität unter Journalisten ist. Das war im März 2004, als die belgische Polizei, angestiftet von der EU-Betrugsbehörde Olaf, meine Wohnung und das Brüsseler stern-Büro durchsuchen ließ. Darauf gab es nicht nur Proteste und kritische Berichte von Kollegen aus Paris, London oder Kopenhagen, sondern auch von Medien in Bulgarien oder Serbien.

Jetzt haben die osteuropäischen Kollegen den Nutzen des Charta-Projekts besonders rasch begriffen. Sie brauchen die Unterstützung von uns Kollegen aus dem Westen, wenn ihre lokalen Politiker - eventuell sogar im Verein mit westeuropäischen Zeitungsverlagen - kritische Berichterstattung stoppen wollen. Und sie wissen manchmal besser als wir Westeuropäer, dass Freiheitsrechte nie gottgegeben sind, sondern jeden Tag verteidigt werden müssen.

Das klingt jetzt manchem vielleicht ein bisschen pathetisch. Stimmen tut es trotzdem.