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Urteil: "Sag, dass Du ein Jude bist"

Im Prozess um den brutalen Mord an einem 16-Jährigen im brandenburgischen Protzlow sind die Urteile gefällt worden. Die drei Angeklagten im Alter von 18 und 24 Jahren erhielten bis zu 15 Jahre Haft.

Reglos wie während der gesamten Verhandlung nahmen die drei Neonazis im Saal 2 des Landgerichtes Neuruppin am Freitag das Urteil entgegen. Zwischen zwei und 15 Jahren müssen die 18- und 24-jährigen Männer ins Gefängnis, weil sie im Juli 2002 im brandenburgischen Potzlow den 16-jährigen Marinus Schöberl ermordeten. Der Junge musste sterben, weil seine Peiniger sich an dessen blondierten Haaren und seinen weiten HipHop-Hosen störten.

Schwach intelligente Angeklagte

"Marinus gehörte mit seinem Aussehen zu einer Gruppe Jugendlicher, die Rechtsextreme in ihrem begrenzten Horizont verachten", sagte die Vorsitzende Richterin Ria Becker. Komplettiert hatten die laut Gutachten nur schwach intelligenten Angeklagten ihr Feindbild, in dem sie von Marinus forderten: "Sag, dass Du ein Jude bist!". Das Verbrechen selbst hatte wegen der außerordentlichen Brutalität Aufsehen erregt.

Nach stundenlanger Quälerei hatte der damals 17-jährige Marcel S. am frühen Morgen des 13. Juli 2002 in einem früheren Schweinestall den Jungen gezwungen, in die Steinkante eines Futtertroges zu beißen. Anschließend sprang er mit seinen stahlkappenbewährten Stiefeln auf den Kopf seines Opfers - um zu sehen, wie ein Mensch stirbt, und um seinem damals 23-jährigen Bruder zu imponieren, wie die Vorsitzende Richterin Ria Becker sagte. Dieser und der damals ebenfalls 17-jährige Sebastian Fink standen daneben.

Ein rückfälliger Neonazi

Wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung verurteilte das Gericht den zur Tat minderjährigen Marcel S. zu einer Jugendstrafe von acht Jahren und sechs Monaten, sein Bruder Marco erhielt wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung eine Gefängnisstrafe von 15 Jahren. Der bereits rückfällige Neonazi hatte nach Auffassung des Gerichts nach dem Sprung seinen Bruder aufgefordert, einen Gasbetonstein auf den Kopf des schwer verletzten Opfers zu werfen, damit dieser auch sicher tot sei. Marco selbst bestreitet dies.

Der bullige 24-Jährige hatte zudem in den Wochen nach dem Verbrechen einen afrikanischen Asylbewerber zusammengeschlagen und war deswegen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden, die in das jetzige Urteil einfloss. Erst sieben Tage vor dem Mord an Marinus war der Rechtsextreme aus der Haft entlassen worden, die er wegen einer früheren Körperverletzung abgesessen hatte.

Revision möglich

Staatsanwaltschaft und Nebenklage kritisierten nach dem Urteil die geringe Strafe für Sebastian F., der wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung zwei Jahre Jugendstrafe erhielt. Staatsanwältin Eva Hoffmeister erklärte, sie wolle in der Revision erneut die Beteiligung des 18-Jährigen an dem Mord klären. Sie war in der Anklage davon ausgegangen, dass alle drei Neonazis ihr Opfer gemeinsam ermordet hatten. Damit ist es möglich, dass der mit fünf Monaten und mehr als zwanzig Verhandlungstagen ungewöhnlich lange Prozess in eine weitere Runde geht.

Was wirklich in den jungen Männern vorging, blieb vor Gericht bis zuletzt verborgen. Stets stierten sie reglos nach unten, nachdem sie zu Beginn jeder Sitzung an Händen und Füßen gefesselt in den Verhandlungssaal geführt wurden. Marinus Schöberl dagegen war eher schmächtig, ein 16-jähriger Junge mit Lernschwäche und Sprachproblemen.

Er mutierte zum Neonazi

Wie die Angeklagten hatte er im kleinen uckermärkischen Potzlow gewohnt, bevor seine Eltern wenige Monate vor dem Verbrechen in ein Nachbardorf umgezogen waren. Häufig aber kehrte er zurück, traf sich mit den alten Bekannten. Mit Marcel S. bastelte er an Motoren, oder sie knackten gemeinsam fremde Mopeds, um mit ihnen Spritztouren zu unternehmen. Erst kurz bevor dessen Bruder Marco aus der Haft entlassen wurde, mutierte auch Marcel äußerlich zu einem Neonazi.

Das Verbrechen selbst bleibt für Prozessbeobachter genauso wie Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte unfassbar. "Es gab keinen Grund, Marinus zu töten. Er wurde willkürlich ausgewählt", sagte Richterin Becker.

Sven Kästner
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