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Weimers Woche: Krisengewinner Westerwelle

Von der "neoliberalen Kaltschnauze" zum "erfrischenden Querdenker": Guido Westerwelle hat in den letzten Wochen rasant an Zustimmung gewonnen, er sammelt immer mehr enttäuschte Wähler von CDU und SPD ein. Wolfram Weimer erklärt Westerwelles Comeback.

Guido Westerwelle ist der neue Liebling der deutschen Politik. Plötzlich finden ihn alle gut. Linksliberale, die ihn jahrelang als "neoliberale Kaltschnauze" niedergemacht haben, preisen ihn plötzlich als "erfrischenden Querdenker". Altkonservative, die ihn als "Leichtmatrosen" abkanzelten, rühmen ihn nun als "Verkörperung der neuen Bürgerlichkeit". Nonkonformisten, die ihn als "Streber" und "Karrieristen" kritisierten, entdecken jetzt den "homosexuellen Freigeist". Selten hat sich binnen kurzer Zeit ein derartiges politisches Comeback vollzogen, ohne dass jemand sein Amt gewechselt hat.

FDP-Chef ist "Vizekanzler Elect"

Gefühlt ist der Guido Westerwelle des Jahres 2009 kein nörgelnder Besserwisser-Oppositionspolitiker mehr, sondern "Vizekanzler Elect". In den Umfragen erreicht seine Partei Werte, die das einst verlachte "Projekt 18" fast Realität werden lassen. Monat für Monat wird klarer: Nicht an der Linkspartei, wie alle noch vor einem Jahr dachten, sondern an den Liberalen entscheidet sich das Machtgefüge der Republik.

Die FDP rückt in eine Schlüsselstellung, weil sie einerseits die von der nur moderierenden Merkel-Weichspülpolitik enttäuschten Bürger aufnimmt. Andererseits scheint sie für frustrierte Sozialliberale aus dem bürgerlichen Milieu der zerzausten SPD wieder attraktiv. Die FDP profitiert also von der doppelten Schwäche der Volksparteien und sammelt zum Ende der Großen Koalition in der Mitte beiderseitig die Enttäuschten auf.

Umworben, nicht bekämpft

Machtpolitisch wächst die FDP damit in einer Scharnierfunktion, die die Liberalen schon vor dreißig Jahren einmal stark gemacht hat. Westerwelle könnte nämlich einerseits mit der Union eine bürgerliche Mehrheit formieren. Andererseits tut sich über die Ampel auch ein links-liberales Modell für ihn auf. Er wird also von beiden Seiten nicht mehr bekämpft, sondern umworben.

Westerwelle kommt bei alledem dreierlei zugute: sein Alter, seine Sprache und die Wirtschaftskrise. Unter dem politischen Establishments der Berliner Republik ist er derzeit der jüngste, zumindest wirkt er noch wie eine Generation jünger als Angela Merkel und Franz-Walter Steinmeier. Damit zieht er eine implizite Zukunftsverheißung auf sich, die zum Beispiel bei der Linkspartei völlig fehlt. Dort steht mit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi die alt-ideologische Generation an der Spitze, umringt von ehemaligen Kadern, die den Mief der alten DDR verströmen. Um Westerwelle hingegen sammeln sich junge, weltoffene und ungewöhnliche Leute wie der neue Wirtschaftsminister Niedersachsens Philipp Rösler oder die Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin.

Rhetorische Magie

Zugleich hat Guido Westerwelle eine Begabung, wie man sie zuletzt bei Joschka Fischer beobachten konnte: rhetorische Magie. Beide pflegen eine jeweils eigene, vitale Sprache der Nonkonformität, die sich gegen das Technokratendeutsch der politischen Korrekten abhebt. Es ist wie mit Jürgen Klopp im Fußball. Die offene Verkörperung des freien Denkens und Redens mobilisiert Sympathien - selbst wenn man im Inhalt zuweilen anderer Meinung ist.

Denn das großkoalitionäre Animateursprech ist weit verbreitet in Deutschland. Ob auf Elternabenden oder im Rotary Club - immer häufiger verengen sich Debatten und Konflikte auf befriedende Gemeinplätze. Unechtes Reden breitet sich im Land wie Nebel aus, weil immer mehr Menschen nicht sagen, was sie denken, sondern sagen, was sie glauben, das man denken sollte. Wenn sich aber eine Gesellschaft zwanghaft auf einem Quadratmillimeter Meinungs-Mitte versammelt, dann wird es intellektuell und emotional ziemlich eng. Was bleibt ist das hohle Pathos der Selbstverständlichkeit.

Erneuerung der Mitte

Im Moment einer Bedrohung aber wirkt dieser Jargon der Uneigentlichkeit lächerlich. Darum profitiert Guido Westerwelle mit seiner offenen Sprache auch von der Wirtschaftskrise. Denn die entfesselt - anders als viele unkten - überhaupt keine zentrifugalen Kräfte in der Gesellschaft. Die politischen Ränder wachsen kein bisschen. Vielmehr vollzieht sich eine Erneuerung in der Mitte. Grüne wie Liberale bekommen Zulauf - nicht die Linke. Beide Parteien entstammen dem dichten Wurzelwerk des deutschen Bürgertums, sie sind sich verwandter, als sie es selber wahrhaben wollen. Sie verkörpern eine bürgerliche Avantgardeverheißung, weil sie die Autorität des Individuellen, Unangepassten, Freidenkertums betonen - und skeptisch sind gegenüber den Systemen, den großen Lösungen, den Schuldenmaschinen in Staat und Wirtschaft.

Noch vor einem Jahr wurde beiden Parteien bei Ausbruch der Finanzkrise vorhergesagt, sie würden nun marginalisiert. Zum einen weil in einer Wirtschaftskrise die Umweltfragen nachrangig schienen, zum anderen weil der Neoliberalismus angeblich am Ende sei. In beiden Fällen passiert das Gegenteil. Das moderne Bürgertum will sich offenbar weder das wirtschaftliche Freiheitsprinzip noch das ökologische Bewusstsein nehmen lassen. Schon gar nicht von einem Schuldenstaat, dessen Vertreter nebulös sprechen. Von dieser Stimmung profitiert der einstige Leichtmatrose und nähert sich der Kapitänskajüte. Der wirtschaftliche Sturm, der aufkommt, dürfte ihm dabei sogar helfen.

Cicero