Wer sind die Grünen? Bürger auf den Barrikaden


Die Grünen und die CDU sondieren in Hamburg den politischen Tabubruch: ein schwarz-grünes Bündnis auf Länderebene. Möglich ist das auch, weil die Grünen und Schwarzen vielfach einen gleichen sozialen Hintergrund haben. stern.de hat einen grünen Landesvorstand genau untersucht: heute und vor 21 Jahren. Fazit: Die Grünen waren schon immer bürgerlich.
Von Axel Hildebrand

Die Anhänger der Grünen sind, in weiten Teilen, Kinder des Bürgertums. In ihren Anfängen, vor 30 Jahren, rebellieren sie gegen eine Politik, die die Umwelt missachtet. Zwar sind sie noch heute gegen eine solche Politik. Doch das Rebellische ist verschwunden. Sie sind Teil des Establishments geworden.

Bei den Grünen der ersten Stunde findet man wenige Arbeiterkinder, das ordentliche Studium an der Universität prägt die Biografien. Die Grünen sind in Baden-Württemberg weder heute noch vor 21 Jahren, als dieses Bild entstand, den sogenannten bildungsfernen Schichten entsprungen. Ganz ähnlich wie das Gros der CDU-Funktionäre. Auch sie haben in der Regel studiert und entstammen bürgerlichen Familien. Das erleichtert das Zugehen aufeinander. Denn an den Biografien der Menschen lässt sich ablesen, ob sie zueinander passen. Und ob Schwarz und Grün heute eine Koalition eingehen können.

Waldsterben und Tschernobyl

Die Grünen besetzen damals - ganz anders als die CDU und SPD - neue Themen in der Öffentlichkeit. Als das Foto im Mai 1987 entstand, schien die Welt durch massives Waldsterben und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl aus den Fugen zu geraten. Verunsicherte Baden-Württemberger bestürmten die Grünen. "Wie können wir uns vor den Wolken aus Tschernobyl schützen?" fragten sie, denn die Grünen, so die landläufige Meinung, seien doch in Fragen der Atomkraft kompetent. Schon damals existierten Berührungspunkte mit der CDU. Ganz im Kleinen, kaum bekannt. "Zu der Zeit gab es in der baden-württembergischen CDU Einzelne, die wie wir einen Atomausstieg wollten", sagt Birgit Voigt (Bildmitte). Sie hatte schon damals keine Angst vor den Schwarzen.

21 Jahre später: keine Hunde und Strickpullover

Fast 21 Jahre später sind die Grünen eine etablierte Partei geworden. Durch das Bild läuft kein Hund mehr, die Männer tragen Jacketts und keine Strickpullover. Zwei Personen auf dem Bild, die 87-jährige Irmgard Zecher und die Europaparlamentarierin Heide Rühle, sind auf beiden Bildern zu sehen. Sie stehen für eine Kontinuität, die bei den anderen Personen auf dem Bild nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Die meisten Mitglieder des Landesvorstands haben studiert und entstammen bürgerlichen Elternhäusern. Architekten, Wirtschaftsinformatiker und Kunstgeschichtler: Die Anhänger der Grünen entstammen auch heutzutage nur selten der klassischen Arbeiterfamilie.

Mit gut 6.500 Mitgliedern gehören die Grünen in Baden-Württemberg zu den größten Landesverbänden in Deutschland. Der Landesvorstand besteht aus 16 Personen und wird jeweils für zwei Jahre gewählt. Im baden-württembergischen Landtag stellt die Partei siebzehn Abgeordnete und ist die drittstärkste Fraktion.

Der Katholizismus verbindet

Die Grünen im Ländle stehen der CDU inhaltlich näher als in Hamburg oder Berlin. Der Katholizismus verbindet und beide sind für eine "nachhaltige" Haushalts- und Umweltpolitik. Der CDU-Landesvorsitzende Günther Oettinger und der grüne Fraktionsvorsitzende Winfried Kretschmann, ganz rechts im Bild, kennen und schätzen sich seit Jahren.


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