Zwischenruf Angela Wolke - schwebend


Sie hat sich persönlich neu erfunden und ihr politisches Ansehen in luftige Höhen getrieben. Doch der Triumph der Kanzlerin steht in scharfem Kontrast zur Depression ihrer Partei - denn die hat nichts gewonnen. Und wird nervös.
Von Hans-Ulrich Jörges

Sie ist mächtig emporgestiegen, in knapp drei Jahren. Als ihre Zeitrechnung begann, nach der Wahl 2005, hätten nur 31 Prozent der Deutschen Angela Merkel direkt zur Kanzlerin gewählt. Heute sind es 60. Sie hat ihr Vertrauenskapital glatt verdoppelt.

Ganz anders die Bilanz der Union. Bestürzende 35,2 Prozent hatte die bei der Wahl geholt - heute liegen CDU und CSU wieder bei dieser Marke. Nichts gewonnen von der verlierenden SPD. Zurück auf Los. Der Schreck ist gewaltig, und man ist heilfroh, dass die Krise der SPD das schleichende Elend der Union überdeckt. Nur mit Mühe gelingt es, Rebellionen Enttäuschter zu ersticken. Die rufen nach steuergeschenken, um heiße Luft in den schlaffen Ballon zu blasen. Doch nun zeigt die Kanzlerin, wonach alle so lange und so vergebens gerufen hatten: Führung - ganz anders indes als ersehnt. Einstweilen haben sanierte Staatsfinanzen Vorrang.

Angela Merkel hat sich abgelöst von der Partei, der sie vorsitzt, ist rasant aufgestiegen und hat die Union zurückgelassen. Angela Wolke schwebt über düsterem Grund. Der Fall ist beispiellos: Bei der letzten Wahl zog die kinderlose Physikerin aus dem Osten das irritierte konservative Lager nach unten, bei der kommenden muss sie es emporreißen, die himmelweite Distanz zwischen ihrem Ansehen und dem der Union schließen. Diese Distanz - börsentechnisch gesprochen: der atemberaubende Kursgewinn der Merkel-Aktie - misst ihren eigenen Persönlichkeitswandel.

Merkel ist nicht wiederzuerkennen - persönlich wie politisch. Aus der herben, verschlossenen, übervorsichtig witternden, quasi geschlechtslosen Figur - von bösen Spöttern das Merkel genannt -, die auch noch gerne Fotografen anraunzte und damit zum eigenen Schaden Bilder des Spotts provozierte, ist eine gelassene, selbstsichere, humorvolle, ja schlagfertige Amtsinhaberin geworden. Charmant und ungemein sympathisch - eine Frau, die den Wert positiver Bilder zu schätzen und die Wirkung ihres Lächelns einzusetzen gelernt hat, Fotografen gar in Maßen gehorcht und selbst ein Dekolleté, das gewagte Spiel mit Erotik nicht mehr fürchtet. Sie genießt das Regieren. In vollen Zügen. Sie hat sich neu erfunden.

Politisch taugt keines der Label mehr, die ihr einst anhafteten. Maggie Merkel, die Radikalreformerin? Entsetzt abgestreift am Wahlabend 2005, als sie damit fast untergegangen wäre - selbst um den Preis der Konturlosigkeit in der Innenpolitik. Physikerin der Macht? Das gilt vielleicht noch bei der Berechnung politischer Kräfte und Gegenkräfte, aber nichts ist geblieben von der harten, konsequenten Rationalität einer Naturwissenschaftlerin. Angela Wolke schwebt gerne weich.

Patchwork-Kanzlerin trifft es heute wohl am ehesten. Sie sucht, sammelt, wiegt, ordnet, eignet sich an und fügt zusammen, was ihr auf dem Basar der Politik nützlich oder überzeugend erscheint. Rettung des Weltklimas von den Grünen - das ist als historische Mission unübertrefflich. Bildung, Kinderbetreuung und Soziales von der SPD - das entwaffnet den Gegner. Umbau des Sozial- und Steuersystems von der FDP - das hält die Erinnerung an den eigenen Traum wach. Verteidigung der Menschenrechte vom Milieu der notorisch Gerechten - das beeindruckt nicht nur Intellektuelle. Und alles wird gemischt mit persönlichen Akzenten - grüner Klimaschutz mit schwarz-gelber Atomkraft - und vernäht zu einer farbigen Programmdecke: Fertig ist Merkels Patchwork der Postmoderne. Man kann das Politik der Vernunft nennen, des gesunden Menschenverstandes. Unideologisch, flexibel, jederzeit korrigierbar.

Eine solche Kanzlerin kann mit jedem regieren, in jeder Koalition. So gesehen ist Merkel zutiefst geprägt von Ostdeutschland, Glaubenskriege wie im Westen sind dort unbekannt. Und so gesehen ist sie Helmut Schmidt und Ludwig Erhard näher als Konrad Adenauer oder Helmut Kohl. Schmidt wirkte als Kanzler fremd in seiner SPD, der Freigeist Erhard war kurioserweise selbst als CDU-Vorsitzender nie Mitglied der Partei. Hier wurzelt das Problem der Union mit Merkel. Denn im christdemokratischen Überzeugungsfundus hat sie sich am wenigsten bedient, um nicht zu sagen: gar nicht. Konservative Kultur ist ihr fremd, nichts an ihrer Performance ist CDU pur. Jedenfalls hat sie die Partei weitaus stärker verändert als die Partei sie. Immer weniger weiß die CDU, wofür sie noch steht. Gelingt es der schwebenden Kanzlerin, die Union bei der Wahl emporzuziehen, zur Sonne? Falls ja, steigt sie selbst in schwindelnde Höhen. Doch der Zweifel grassiert. Welche Frau etwa schwenkt nur deshalb zu CDU oder CSU, weil ihr Merkel gefällt? Misslingt der Kraftakt, steht womöglich der Parteivorsitz zur Debatte - Christian Wulff hat sich schon in Position gebracht. Dann regnet Angela Wolke ab.

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