Zwischenruf Die letzte Schlacht


Neben der SPD formiert sich eine neue Partei. Wäre Oskar Lafontaine ihr Kopf, würde die Lage für Gerhard Schröder ausweglos - und die Linke ganz neu gemischt. Aus stern Nr. 28/2004.

Sie haben das Projekt gemeinsam begonnen. In nagender, intriganter, wässrig überschminkter Rivalität. Womöglich werden sie es auch gemeinsam zu Ende bringen. Diesmal in heißer, zerstörerischer, offen ausgelebter Feindschaft. 1998 trugen Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine die SPD zur Macht. Womöglich werden sie sie 2006 auch aus der Macht stoßen. Die Rechnung ist offen. Sie könnte beglichen werden.

La Lutte Finale, die letzte Schlacht der Antipoden um die Seele der Sozialdemokratie und ums Geschichtsbuch, hat begonnen. Schröder hat sie eröffnet. Er sucht der Trümmerlandschaft seiner Politik durch Selbstüberhöhung und Historisierung zu entfliehen. Alles, was er tut und sagt seit dem Wahldesaster vom 13. Juni, dient dem Meißeln am eigenen Denkmal. "Ich kann nur diese Politik", verkündete er am Tag nach der Katastrophe. Das erinnerte - nicht zufällig - an Martin Luther: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders."

"Wer nicht kämpft, hat schon verloren"

Dem folgte das selbst gesungene Heldenepos aus linker Trotz-Geschichte: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren." Ausgerechnet vor dem in Anbetung versammelten Bundesverband der Deutschen Industrie. Guter Mann, unser Mann, rief die Managerkaste den am eigenen Kanzler (ver-)zweifelnden SPD-Anhängern zu. Als wolle sie ihn ganz kaputtmachen. Der ließ es geschehen, statt den Lohn seiner Qualen bei der Wirtschaft einzufordern: Jobs. Holte wenig später gar zur Publikumsbeschimpfung aus: Das Volk sei einfach zu unbeweglich, mäkelte der allzu schwer, allzu unkalkulierbar und allzu spät Bewegliche.

Ich habe verstanden, pflegte Schröder das Volk einst nach Wahldebakeln zu besänftigen. Ihr kapiert's einfach nicht, schleudert er ihm heute entgegen. Bereitet seinen Abschied vor, redet über sich und sein Volk wie der rückblickend bilanzierende Historiker. Das dient, psychologisch nur einleuchtend, dem Vergessenmachen, der Planierung seiner bizarr zerklüfteten Regentschaft: Kippen zaghafter Kohlscher Reformen nach 1998; Einstampfen des reformrevolutionären Schröder-Blair-Papiers 1999; Schönfärberei im Wahlkampf 2002; Salbung der Gewerkschaften nach der Wahl; Kurswechsel, Reformstakkato und Klempnerei im fünften Jahr der Kanzlerschaft; Reformstopp im sechsten. Ich habe Deutschland zur Macht auf der Weltbühne erhoben, ich habe das Tor zur Erneuerung im Innern aufgestoßen, tragisch unverstanden - das soll als Erbe bleiben.

Er stilisiert Einsamkeit zu präsidialer Attitüde

Es gibt nur einen Ausweg für ihn aus den Ruinen der Sozialdemokratie, das ist er. Schröder ist ganz bei sich selbst, jetzt endlich. Betoniert sein Kabinett, löst sich von der SPD, stilisiert Einsamkeit zu präsidialer Attitüde. Er hofft auf ein Wunder, beschwört es, doch er glaubt nicht daran.

Die Gewerkschaften auch nicht, ihre Führer haben mit Schröder abgeschlossen, richten sich auf die Kampfzeit nach ihm ein. Und die Linke gönnt ihm das Wunder nicht. Beide Lager sind dabei, sich zu vereinen, um ihm die letzte Chance zu nehmen. An diesem Wochenende wollen sich die Splittergruppen zur Gründung einer neuen Partei links von der SPD zusammenschließen, zur "Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit". Das schrundige Ding mit dem sperrigen Namen verdient höchste Beachtung, es könnte ein politischer Sprengsatz daraus werden. Wenn es sich ein einprägsames Firmenschild zulegt. Und einen Kopf.

Lafontaines Partei überfliegt die Fünf-Prozent-Hürde. Er thront im Bundestag, Schröder ist am Ende. Die Kulissen der Republik wanken. Die SPD ist zerrissen: Die einen wollen ihren Oskar zurück oder träumen Rosa-Rot-Grün, die anderen verfluchen ihn. Schröder sucht eine neue Heimat in der Wirtschaft, Lafontaine wird zum Führer einer gärenden Linken, PDS inklusive. Spannend, wer dann ins Geschichtsbuch eingeht, im Text triumphiert oder in der Fußnote versinkt.

Hans-Ulrich Jörges print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker