Zwischenruf Kopfnuss statt Kopfschuss


In der Gesellschaft beginnt der Kampf um eine moderne Familienpolitik - und in der CDU um ein völlig neues Frauenbild. Da prallen Kulturen aufeinander. Aus stern Nr. 19/2006

Der Mann ging zur Jagd, später zur Arbeit und sorgte für den Lebensunterhalt der Familie, die Frau kümmerte sich um das Heim, den Herd, die Kinder und stärkte ihrem Mann den Rü cken durch weibliche Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Vorsicht." Geht schon gut los, nicht? Wird aber noch besser. "Seit einigen Jahrzehnten verstoßen wir Frauen (...) gegen jene Gesetze, die das Überleben unserer menschlichen Spezies einst gesichert haben. Wenn Frauen sich (...) zu maskulinen Wesen entwickeln, werden wir keine Nachkommen mehr haben. Denn mit diesem Handeln (...) lähmen wir jede starke Männlichkeit in unseren Partnern, die wir uns in der Tiefe unserer Seelen sehnlichst wieder herbeiwünschen. Sie zucken nur noch verständnislos mit ihren breiten Schultern, an die wir uns so gern lehnen möchten. Die Zahl der - natürlich meist kinderlosen - Führungsfrauen hat sich bei sechs bis sieben Prozent eingependelt. Mehr ist nicht drin. Der Kampf um die umfassende Gleichberechtigung im Beruf und im Privatleben kann als verloren eingeschätzt werden. Die Frauen (...) sind im beruflichen Kampf gegen die Männer am Ende ihrer Kräfte (...) angelangt. Sie sind ausgelaugt, müde und haben wegen ihrer permanenten Überforderung nicht selten suizidale Fantasien." These eins. Raten Sie, von wem. Schwärzeste CDU?

"Der Text ist nicht mehr zeitgemäß, denn er favorisiert (...) die traditionelle Familie mit der vordergründigen Behauptung, dass Kinder in Familien, wo einer sich ganz der Kindererziehung widmet, sicherer und geborgener sind. Dieses Argument sollte von der CDU nicht mehr vorgebracht werden; erwerbstätige Mütter sind keine "Rabenmütter", und das "Heimchen am Herd" ist keine verlässliche Garantie für eine gelungene Kindererziehung. (...) Der Text muss vollständig neu formuliert werden: Es sollte deutlich werden, dass es verschiedene Lebensmodelle gibt und dass die Parallelität von Beruf und Familie das mehrheitlich gewünschte Modell ist." These zwei. Raten Sie wieder. Irgendwie rot-grün?

So kann man sich irren. Was sich liest wie eine Kollision der Kulturen - Reaktion gegen Fortschritt -, entpuppt sich bei Auflösung des Autoren-Rätsels als Ferndialog zwischen einer vermeintlich modernen Karrierefrau und einer als konservativ verschrienen Partei. These eins hat Eva Herman, "Tagesschau"-Sprecherin und Talkshow-Moderatorin, den Frauen im Kulturmagazin "Cicero" zwischen die Augen geknallt. Kopfschuss. These zwei stammt aus der CDU-Zentrale und ist in einem "Revisionsbericht" niedergelegt, der das alte Grundsatzprogramm von 1994 unbarmherziger Selbstkritik unterzieht und Nachdenken über ein radikal erneuertes provozieren soll. Kopfnuss.

Die Denkschrift markiert den Kern dessen, worum es bei der Aufgeregtheit um die forsche Familienministerin Ursula von der Leyen, ihr angeblich väterverschlingendes Elterngeld und den einschläfernden Begriff Familienpolitik wirklich geht: eine konservative Frauenrevolution. Treffender: eine Revolution des schwarzen Frauenbildes, das konservativ nicht mehr genannt werden kann. Denn die Regelfamilie - Mann arbeitet, Frau erzieht zu Hause - wird historisch abgeheftet. Die alten Ziele - "Aufwertung" oder "Anerkennung der Familienarbeit" (der Frau, versteht sich) - sind "nicht mehr zeitgemäß". Vorschlag: streichen. Stattdessen: "Schaffung einer eigenständigen Alterssicherung von Frauen", "Förderung von Frauen in Führungspositionen", frauenfreundliche Arbeitswelt, "gleiches Entgelt" für Frauen "nicht nur bei gleicher, sondern auch bei gleichwertiger Arbeit", "Wiedereinstiegsprogramme" für Mütter in den Beruf, "aktive Vaterschaft".

"Das gesamte Kapitel zur Familienpolitik muss neu geschrieben werden." Denn: "Familienleben gilt als spießig, Singledasein oder freies Paarleben gilt als schick." Und: "Auch wenn der Schutz der Ehe nach wie vor gültig ist, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass eine Vielfalt von Familienformen einschließlich der Alleinerziehenden nebeneinander stehen. Es fehlt auch die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensformen." Der Austausch von Begriffen wird zur Umwertung: Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub werden Elterngeld und Elternzeit, um die weibliche Prägung zu tilgen. Ausweitung des Elternurlaubs? Streichen - "weil eine dreijährige Berufsunterbrechung für viele (...) zu lang ist".

Die CDU strebt mit Macht in die jungen, großstädtischen Milieus - und riskiert mächtigen Krach mit ihrer provinziell ergrauten Klientel. Es ist durchaus nicht belanglos, dass Angela Merkel Karrierefrau ist und Frauen um sich versammelt - allein drei an der Spitze des Kanzleramts. Das Kabinett ist kein Männerladen mehr - mit "Gedöns" im Schaufenster. Ihre emanzipatorischen Zeichen freilich dosiert die Kanzlerin fein - als sie sich am "Girls' Day" etwa mit weiblichen Lehrlingen zeigte. Doomsday für Eva (Herman) - Girls' Time in der CDU.

Hans-Ulrich Jörges print

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