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Augsburger Religionsfrieden: "Cuius regio, eius religio"

Mit dem Augsburger Friedensschluss von 1555 wurde dem Luthertum die Existenz neben dem Katholizismus zugebilligt. Jeder deutsche Landesherr konnte fortan in seinem Territorium die Konfession festlegen.

Der vor 450 Jahren in Augsburg geschlossene Religionsfriede zwischen Lutheranern und Katholiken gilt bis heute als ein Ereignis von weltpolitischer Bedeutung. Der Reichs- und Religionsfriede vom 25. September 1555 steht am Anfang einer konfessionellen Koexistenz der christlichen Bekenntnisse, die ihnen in Deutschland bis in die Gegenwart einen öffentlich-rechtlichen Status verleiht. Nach den Religionskriegen der Reformation garantierte er als Akt staatlicher Toleranz die friedliche Gestaltung einer gesellschaftlichen Zukunft.

Große Ausstellung zum Jubiläum

Die in Augsburg eröffnete große Ausstellung zum Jubiläum mit dem Titel "Als Frieden möglich war", die bis zum 16. Oktober geöffnet ist, präsentiert sich wie "begehbare Geschichte". Wertvolle Exponate erweisen sich als Träger historischer Aussagen, die mit den übersichtlich angebrachten Informationstafel in Korrespondenz treten. Wertvolle Leihgaben aus aller Welt verleihen der Präsentation im Augsburger Maximilianmuseum einen international hohen Rang. Erstmals außerhalb von Lausanne ist das weltberühmte Gemälde "Bartholomäusnacht" von François Dubois aus dem Jahr 1572 zu sehen, das in fast jedem Geschichtsbuch das grausame Gemetzel an den Hugenotten zeigt.

Den Ausstellungsmachern ist eine didaktisch und optisch gelungene Aufarbeitung der Zeit zwischen dem Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555 und dem Westfälischen Frieden 1648 geglückt. Im Eingangsbereich schreitet man praktisch durch die Reformationszeit in das Jahr 1555. In einer großen Glasvitrine liegt die mit Siegeln beglaubigte Originalschrift des Religionsfrieden, eine Leihgabe aus dem Wiener Staatsarchiv. Um dieses Dokument beschreiben weitere Exponate die Entwicklung zum blutigen 30-jährigen Krieg, der 1618 ausbrach, und die Vollendung des Augsburger Religionsfrieden im Westfälischen Frieden 1648.

Das Zentrum der Ausstellung bildet ein farblich eindrucksvoll gestalteter "Kreuz-Raum". In Form eines symbolischen Kreuzes stehen sich auf der Basis des Judentums seitwärts das blau gehaltene Luthertum und der in Weiß gehaltene Calvinismus gegenüber, in der Mitte der Katholizismus in feierlichem Rot. Diese farbliche Zuordnung wird in den folgenden Räumen beibehalten und bietet eine gute Orientierung durch die konfessionell geprägte Geschichte der damaligen Zeit.

Sakrale Kunstgegenstände illustrieren die Religionsstreitigkeiten, historische Gemälde kommentieren das Zeitgeschehen und wertvolle Bücher und Schriften dokumentieren den Kampf der Religionen untereinander. Kurios ist eine kunstvoll gestaltete, protestantische Kanzel-Sanduhr mit einer schmiedeeisernen Lutherfigur zur Bestimmung der Zeit für die Predigt.

Das Vertragswerk von 1555 regelte zum ersten Mal dauerhaft das gleichberechtigte konfessionelle Zusammenleben beider christlicher Glaubensgemeinschaften, ohne die umstrittene Frage nach dem "wahren Glauben" zu entscheiden. "Nicht Theologen haben damals eine Lösung gefunden, sondern Politiker war es gelungen, ein eigentlich unlösbares Problem zu regeln, eine unwahrscheinliche Leistung", so bewertet der Augsburger Historiker Professor Johannes Burkhardt das Zustandekommen des Augsburger Religionsfrieden.

Staatliches Zwangskirchentum

"Es war das erste Mal, dass für eine weltanschauliche Unstimmigkeit eine politisch-rechtliche Lösung ohne Gewaltanwendung gefunden wurde." Der Religionsfriede war zunächst der Beginn eines staatlichen Zwangskirchentums. Jeder deutsche Landesherr konnte von 1555 an für sich und seine Untertanen die Glaubenszugehörigkeit ("cuius regio, eius religio": In wessen Gebiet ich lebe, dessen Religion muss ich annehmen) verpflichtend festlegen. Wer dem nicht folgen wollte, konnte auf Grund eines Auswanderungsrechtes (ius emigrandi) das Territorium des Landesherren mit Eigentumsgarantie frei verlassen. Burkhardt: "Viele Historiker sehen darin heute die erste Deklaration eines Menschenrechts."

Der Augsburger Religionsfriede brachte dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation über 60 Jahre Frieden. In dieser Zeit wurden auf deutschem Territorium keine Religionskriege mehr ausgetragen, während in anderen Teilen Europas die religiösen Auseinandersetzungen blutig weitergingen.

1517 hatte in Deutschland die Reformation mit Martin Luthers Thesen begonnen. Ein Jahr später sollte er sich in Augsburg auf päpstliche Anordnung einem Verhör unterziehen. Dem geforderten Widerruf seiner Thesen entzog sich Luther durch Flucht. Die aufgestauten Spannungen zwischen evangelischen und Katholischen Reichsfürsten sowie dem Kaiser führten zu einem konfessionellen Bürgerkrieg, den die Lutheraner zunächst gewinnen konnten.

Doch gut 20 Jahre später siegte Kaiser Karl V. (1500-1558) im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 gegen die protestantischen Fürsten. Diese konnten aber bei einem Kriegszug 1552 nach Innsbruck Karl V. zur Flucht und Abdankung zwingen. Sein Bruder und Nachfolger Ferdinand I. (1503-1564) begann mit den Reichsfürsten zu verhandeln, am Ende stand der Religionsfriede auf dem Reichstag zu Augsburg 1555.

"Weg in die Rechtsstaatlichkeit"

"Diese politische Verfassungslösung in Augsburg war der Weg in die Rechtsstaatlichkeit", bewertet Professor Burkhardt heute den Vertrag. Der politisch-rechtlich hergestellte Friede war der erste wichtige Schritt zur Toleranz. Lange Zeit war das Augsburger Vertragswerk vor allem von den Katholiken als "Verlust der Religionseinheit" und Anerkennung der Glaubensspaltung betrachtet worden. Heute gilt der Augsburger Religionsfriede als Grundlage einer modernen interkulturellen Toleranz, der "gelebten Vielfalt ohne Gewaltanwendung".

Nikolaus Dominik/DPA / DPA
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