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Jan Hus: Ketzer gegen die Kirche

Noch auf dem Scheiterhaufen, die Ketzermütze auf dem Kopf, mit feuchten Stricken an den Pfahl gefesselt, bleibt Jan Hus ein unbeugsamer Moralist. "In der Wahrheit des Evangeliums, die ich geschrieben, gelehrt und gepredigt habe, will ich heute fröhlich sterben", ruft er dem Reichsmarschall zu. Er habe nichts zu widerrufen, beharrt er, deshalb hat er den qualvollen Tod gewählt.

Für die Obrigkeit der Katholiken ist es ein Aufrührer und Ketzer, der da am 6. Juli 1415 verbrennt. Der Priester aus dem südböhmischen Gänse-Dorf Husinec bei Prachatice war entsetzt über den Zustand der heiligen Mutter Kirche. Seit seiner Priesterweihe um das Jahr 1400 hatte er auf der Kanzel den sündigen, geldgierigen, verschwenderischen Klerus angeklagt: "Oh Geistlicher, wenn du nicht in Pech und Schwefel enden willst, so musst du die Hurerei des Leibes und der Seele vermeiden." 1412 belegte ihn der Papst mit dem Großen Kirchenbann.

Aus dem Lotterbett auf die Straße

Da hatte der kompromisslose Reformer im "Ketzerland" Böhmen bereits weite Bevölkerungsschichten aufgerüttelt, seine Anhänger trieben bisweilen Bischöfe nackt aus dem Lotterbett auf die Straße. Viele Tschechen verehrten Hus, den feurigen Prediger der Prager Bethlehemskapelle, als Helden. Ein studierter Theologe, der nicht auf Deutsch predigte, der Sprache der Oberschicht, nicht auf Latein, der Sprache der Wissenschaft, sondern auf Tschechisch, und damit das Nationalgefühl seiner Landsleute stärkte.

Ein guter Christ, der um die Tugend und Glaubwürdigkeit der Kirche kämpfte. Er verdammte die Wundergläubigkeit seiner Zeit. Er lobte Märtyrer, Jungfrauen und Prediger als Krone der Kirche. "Denn die Märtyrer besiegen die Welt, die Jungfrauen das Fleisch, die Prediger den Teufel."

Als Hus darauf besteht, sich vor dem Konzil in Konstanz gegen die Vorwürfe des Papstes zu verteidigen, wird er selbst zum Märtyrer. "So stirbt kein Ketzer, so stirbt ein Heiliger", flüstern seine Anhänger, als Hus noch Psalmen singt und die Jungfrau Maria anruft, während sein Fleisch schon zu schmoren beginnt. Sie gründen die Reformbewegung der Hussiten und stärken das Nationalbewusstsein der Tschechen. Soziale Unruhen brechen aus, die Hussitenkriege werden zum Aufstand gegen die Kirche und den deutschen Kaiser. Zwei Jahrhunderte später scheint sich die Geschichte zu wiederholen, als sich die protestantischen Stände gegen die Habsburger Statthalter auflehnen und sie aus dem Hradschin werfen. Dieser "Zweite Prager Fenstersturz" löst den Dreißigjährigen Krieg aus. Europa zerreibt sich im Kampf um den rechten Glauben.

Sabine Fiedler / print