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Nationalsozialismus: Stille Helfer im Dritten Reich

Sie haben ein Versteck, falsche Papiere oder Lebensmittel besorgt. Sie haben im Dritten Reich ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um das von Juden und politisch Verfolgten zu retten. Trotzdem ist in der Öffentlichkeit nur sehr wenig über die "stillen Helfer" bekannt.

Wenn der Widerstand im Dritten Reich Thema ist, so geht die Rede meist sogleich auf die Attentäter vom 20. Juli. Stiller ist es dagegen um die Menschen, die den im nationalsozialistischen Deutschland untergetauchten Juden geholfen haben, indem sie diesen ein Versteck, falsche Papiere und Lebensmittel besorgt haben. Einige zehntausend nichtjüdische Deutsche - angesichts der Zahl der Täter und Mitläufer zwar wenig, aber doch weit mehr als gewöhnlich angenommen - haben auf diese Weise zwischen drei- und fünftausend Juden vor dem Holocaust bewahrt.

Das ist eines der Ergebnisse, das in dem von Wolfgang Benz herausgegebenen Band "Überleben im Dritten Reich" nachzulesen ist. In diesem werden an vielen einzelnen Fallbeispielen die Umstände und Strategien nachgezeichnet, die es den Juden ermöglicht haben im Untergrund zu überleben. Hervorgegangen ist das Buch aus dem Projekt "Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1945", welches zwischen 1997 und 2002 am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) durchgeführt wurde.

Das Intersse ist da

"Es gab zwar immer schon ein Interesse an dem Thema, in die breite Öffentlichkeit ist es aber erst nach Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ gekommen", sagt Benz. Der Leiter des ZfA führt dies unter anderem darauf zurück, dass weder in der alten Bundesrepublik noch in der DDR dieser Form des Widerstands genügend Wertschätzung entgegengebracht wurde: Die wenigen Helfer der untergetauchten Juden sind der Beweis, dass man im Dritten Reich handeln und Menschen retten konnte. Das habe man, so Benz weiter, lange Zeit nicht wahrhaben wollen.

Obwohl die finanzielle Förderung des Projekts ausgelaufen ist, hält es der 1941 geborene Historiker für notwendig, zukünftig insbesondere noch die Motive der Helfer zu erforschen. Für Unsinn hält Benz die verbreitete Vermutung, dass die Helfer altruistische Persönlichkeiten gewesen seien, die durch eine bestimmte Sozialisation geprägt worden seien. Die bisherigen Forschungen hätten gezeigt, dass die Retter aus allen Bevölkerungsschichten kamen - vom Kleinkriminellen und der Hure bis zum Pfarrer.

Jungen Menschen sollen sich mit dem Thema auseinandersetzen

Diese Tatsache insbesondere jungen Menschen zu vermitteln, ist auch ein Anliegen von Johannes Rau. Im vergangenen Jahr hat der Bundespräsident den von ihm herausgegebenen Band, in dem Beiträge von Schülerinnen und Schüler zum Thema Hilfe für Verfolgte der NS-Zeit versammelt sind, vor vielen geladenen Zeitzeugen präsentiert. Weiterhin wird im Bundespräsidialamt darauf hingewiesen, dass seit 1949 über 300 so genannte stille Helfer mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurden.

Aktuell setzt sich Rau dafür ein, dass die Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin-Mitte, eine Dependance des Jüdischen Museums, als Museums- und Gedenkstätte erhalten bleibt. In dem Gebäude, das zurzeit zum Verkauf steht, befinden sich die Räumlichkeiten, in denen sich zwischen 1941 und 1943 eine beeindruckende Episode des deutschen Widerstands abgespielt hat, noch weitgehend im Originalzustand.

Schindlers kleiner Bruder

Die Ausstellung "Blindes Vertrauen", die hier beherbergt ist, stellt die Geschichte des gerissenen Bürstenmachers Otto Weidt dar, der auch als Oskar Schindlers kleiner Bruder bezeichnet wird. In seiner als kriegswichtig eingestuften Werkstatt hat er nicht nur eine jüdische Familie versteckt, sondern auch blinde und taubstumme Juden beschäftigt und so einige von ihnen vor der Deportation gerettet.

Eine Zeit lang war hier auch Inge Deutschkron tätig, die mit ihrem 1978 erschienenen und mittlerweile in der 19. Auflage vorliegenden Buch "Ich trug den gelben Stern" das Thema erstmals einer breiten Öffentlichkeit vermittelt hat. Die Autorin ist die bekannteste Zeitzeugin und gibt ihr Wissen und ihre Erfahrungen insbesondere in Gesprächen mit Schülern weiter. Ihre Geschichte findet sich auch in dem für den Schulunterricht konzipierten Band "Verbotene Hilfe".

Thomas Oser / DPA