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Teil 3: Unter alliierter Besatzung: Von Siegern und Besiegten

Sowjetsoldaten erobern im April 1945 Berlin. Leutnant Wladimir Gelfand ist einer von ihnen. In einem Tagebuch schildert er Vergewaltigungen und Plünderungen und erzählt, wie die Berliner die Nähe der Eroberer suchen, um zu überleben.

April 1945. Die Russen kommen. Sie werden plündern, vergewaltigen. Überall in Berlin herrscht Angst. Eine junge Berlinerin, deren Tagebuch aus den Wochen des Kriegsendes später berühmt werden wird, beschreibt den 27. April als "Tag der Katastrophe". "Gegen 18 Uhr ging es los. Einer kam in den Keller. Bullenkerl, stockbesoffen, fuchtelte mit einem Revolver herum." Er und seine Kameraden wollen Schnaps und Sex. Seit Monaten hat der Rundfunk Angst vor den vermeintlichen Untermenschen aus dem Osten geschürt. Jeder in der Reichshauptstadt kennt die von der NS-Propaganda aufbereiteten Geschichten über das ostpreußische Nemmersdorf, in dem die vorrückende Rote Armee gewütet hat. Vergewaltigte und ermordete Frauen waren in der Wochenschau zu sehen. Nun also Berlin.

Der spätere Dissident

Alexander Solschenizyn, damals Offizier der Roten Armee, dichtete über die "Preußischen Nächte": "Blut für Blut! - und Zahn für Zahn. Wer noch Jungfrau, wird zum Weibe, und die Weiber - Leichen bald ..." Zuverlässige Zahlen darüber, wie viele Frauen missbraucht wurden, gibt es nicht. "Es werden Zehntausende, wahrscheinlich sogar Hunderttausende gewesen sein", schreibt der Stanford-Professor Norman Naimark in seiner Studie "Die Russen in Deutschland" allein über die Vergewaltigungen in der sowjetisch besetzten Zone.

Wladimir Gelfand, ein Leutnant der Roten Armee, kommt in den letzten Tagen des April 1945 als Sieger in die deutsche Hauptstadt. Er ist gerade 22 und schon ein alter Krieger - mit düsteren Seiten. Traumatisiert durch den Krieg, durch den Mord der Nazis an seiner jüdischen Familie, voll Sehnsucht nach Rache. Auch nach Sex und - selbst das - nach Liebe. Über ein Jahr bleibt er in Deutschland. Sein Tagebuch, das nächste Woche als Buch erscheint, schildert Vergewaltigungen und Elend und das Verhalten von Deutschen, die alles tun, um zu überleben. Geschrieben hat er es aus einer Perspektive, in der wenig Platz ist für Mitgefühl mit den Opfern aus dem Volk der Täter. Das provoziert. Zugleich verraten die Aufzeichnungen dieses gut aussehenden, selbstverliebten Jungen viel darüber, wie Besiegte sich im Angesicht von Not und Gefahr verhielten.

"Plötzlich blickten mich unerwartet diese smaragdenen Augen an", schreibt Gelfand, der in der Schule Deutsch gelernt hatte, über einen seiner ersten Tage in Berlin. "Sie blickten mich so verteufelt eindringlich an." Er will wissen, was los ist mit der Frau, die ihm zufällig auf der Straße begegnet. Sie quält die Erinnerung an die vorangegangene Nacht, an den Horror einer Massenvergewaltigung. Er geht mit der Frau in die Wohnung ihrer Eltern:

"Sie haben mich hier gestoßen", erzählte die schöne Deutsche und raffte ihren Rock. "Die ganze Nacht, und es waren so viele. Ich war Jungfrau", seufzte sie und begann zu weinen. "Sie haben meine Jugend zunichte gemacht. Es gab Alte, voller Pickel, und alle sind auf mich draufgestiegen, alle haben sie mich gestoßen. Es waren über zwanzig, ja, ja", und sie brach in Tränen aus. (...)

"Bleib hier!",

bedrängte mich das Mädchen plötzlich, "du wirst mit mir schlafen. Du kannst mit mir machen, was du willst, doch nur du allein! Ich bin bereit, mit dir {fick-fick}, zu allem bereit, was du willst, nur rette mich vor all diesen Männern!"

Es ist fast die gleiche Szene, die die "Anonyma", für die der 27. April der Katastrophentag war, in ihrem Buch "Eine Frau in Berlin" beschreibt. Vergewaltigt und verzweifelt suchten viele Frauen unter den Besatzern einen Offizier, der bereit war, Sex gegen Schutz zu tauschen. Alles war besser, als betrunkenen Horden einfacher Soldaten in die Hände zu fallen.

Als sich die junge Deutsche ihm, einem Leutnant, anbietet, schreckt Gelfand zurück. Er sieht sich nicht als Beschützer. "Deutschland steht in Flammen", hatte er vor dem Sieg der Roten Armee notiert, "und es stimmt einen irgendwie froh, diesem bösen Schauspiel beizuwohnen. Tod um Tod, Blut um Blut. Mir tun diese Menschenhasser, diese Tiere, nicht leid."

Vor Gewalt gegen Fabrikanlagen warnt die Frontzeitung "Roter Stern" - aber gegen Frauen? Nach der Logik der Sieger ist daran wenig auszusetzen, solange der Soldat nicht durch Geschlechtskrankheiten dienstunfähig wird. Auch als die Kommandeure beginnen, sich um das Ansehen des Kommunismus zu sorgen, ändert dies wenig: Vergewaltigungen - und die Angst davor - bleiben alltäglich. In Teilen der sowjetischen Besatzungszone trauen sich Frauen noch 1947 nicht im Dunkeln auf die Straße.

In den ersten Tagen

nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen tobt eine Orgie der Gewalt. In Berlin-Tegel klagen selbst Aktivisten der Kommunistischen Partei, die Rotarmisten seien eine "wahre Landplage". Monsignore Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI., berichtet, selbst Nonnen im Habitus seien vergewaltigt worden. "Viele Frauen lebten wochenlang auf Hausdächern, um den russischen Gewalttaten zu entgehen."

Berlin ist verwüstet durch Häuserkampf und Bombenkrieg. Täglich kommen 25 000 bis 30 000 Flüchtlinge an. Auf den Straßen trotten die zotteligen Pferde der Russen vorbei an den Lagerfeuern deutscher Obdachloser. Die U-Bahnen stehen unter Wasser, und die Bahnschienen sind fast völlig zerstört. Als die ersten Züge wieder fahren, sind die Waggons überfüllt - weil die Berliner hoffen, im Umland die Nahrung zu finden, die in der Stadt immer knapper wird. "Aber das ist doch langweilig!"

Die Sieger bleiben den Besiegten fremd. Der Kontakt zwischen ihnen aber wird oft ein klein wenig zivilisierter als in den turbulenten ersten Wochen. Brot und Schmalz erweisen sich für die Russen als geeignetere Mittel als Gewehrkolbenhiebe, um die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Im Juni schreibt Gelfand: Am Mittag, als ich, von der Arbeit ermüdet, aus dem Fenster schaute, sah ich ein schönes Mädchen die Straße entlanggehen, eine Blondine, aber mit leicht rötlichem Haar. Ich rief ihr zu. Sie kam heran. Da lief ich hinaus und schlug ihr ohne lange Gespräche und ohne Umschweife vor, ins Haus zu kommen. "Was werde ich da tun?", fragte das Fräulein. Ich antwortete in ihrer Sprache: "Bücher lesen."

Ich umarmte sie. "Lass uns in den ersten Stock gehen", schlug ich ihr vor. Sie willigte auch hierin ein. (...) Ich umarmte sie, drückte sie an mich, und auf einmal roch es nach Hund. Doch das kühlte mich nicht ab, ich war beharrlich und zielstrebig, anders ging es nicht.

Soldaten wie Gelfand

zeugten Tausende Kinder. Schätzungen gehen für die sowjetische Zone von 150 000 bis 200 000 Nachkommen nichtdeutscher Väter aus. Wer das Kind austrug - aus bewusster Entscheidung oder weil kein Arzt für einen Abbruch zu finden war -, musste fürchten, stigmatisiert zu werden. Wie der Historiker Naimark berichtet, wurden schwangere Frauen und Mütter oft "von ihren heimkehrenden Ehemännern verstoßen; durch die Erfahrung der Massenvergewaltigung wurden die betroffenen Frauen in den Augen der Männer 'zu Dirnen erniedrigt'".

Diese Sichtweise ist nicht weit von der Gelfands entfernt. Als er, schon Anfang 1946, im Hotel eine Zimmerkellnerin befummelt und sie ihn ohrfeigt, ist er entrüstet: "So sind sie halt, die schamlosen Frauen, aber diese will obendrein noch Stolz und Selbstwertgefühl für sich in Anspruch nehmen. Ich glaube nicht, dass sie auch nur eine dieser Eigenschaften hat."

Die Rolle und die Möglichkeiten, die ihm als Sieger zufallen, verwirren ihn. Mal ist er ganz erfüllt von der eigenen Herrlichkeit, dann fühlt er sich als armes Würstchen. Während die Berliner im Winter 1945 Not leiden wie seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr, klagt er, dass er keine Winteruniform besitze und in alten Stiefeln herumlaufen müsse. Er fühlt sich arm, auch wenn ihn ein Stückchen Butter zum Wohlhabenden und potenziellen Wohltäter unter den Elenden macht.

Er liest Frauen auf der Straße auf und geht mit zu ihnen nach Hause. Dort wachen die Mütter; entweder über die Unschuld ihrer Tochter oder über die Einträglichkeit ihrer Beziehungen. Marianne ist solch eine deutsche Bürgerstochter: Ich hätte gern die Zärtlichkeiten der schönen Marianne in vollen Zügen genossen, Küsse und Umarmungen allein waren nicht genug. Ich hatte mir mehr erhofft, wollte sie jedoch nicht drängen. Ihre Mutter ist mit mir zufrieden. Wäre ja auch noch schöner! Schließlich hatte ich auf dem Altar für vertrauensvolle und wohlwollende Beziehungen Lebensmittel, Süßigkeiten und Butter, Wurst und teure deutsche Zigaretten niedergelegt. Bereits die Hälfte wäre genug, um mit Fug und Recht mit der Tochter vor den Augen der Mutter alles Erdenkliche anzustellen, und die würde nichts dagegen sagen. Denn Lebensmittel sind heute wertvoller als das Leben, sogar als das Leben einer so jungen, zärtlichen und lieben Schönheit, wie dieses Mädchen eine ist...

Mit Müttern, von denen manche wenige Monate zuvor noch auf Tugendhaftigkeit oder gar Rassereinheit bedacht waren, feilscht er um den Preis der Mädchen. Mariannes Mutter schreckt ihn dabei besonders ab: Ich gab ihr ein kleines Glas mit Fett und schlug vor, Bratkartoffeln zu machen und dann mit ihnen zu Abend zu essen. Sie packte das Glas mit beiden Händen, gab den Inhalt auf einen Teller und schleckte dann mit einem Löffel und den Fingern das Glas aus. In der Pfanne schwamm bereits irgendeine Flüssigkeit, und ich ging hin und schnitt mit dem Messer ein Stück von dem Fett ab, das ich mitgebracht hatte, und wollte es schon in die Pfanne geben, da fuhr die Alte zusammen, stieß einen Schrei aus, stürzte auf mich, schrie wie besessen und wollte es mir wegnehmen.

"Was ist los?", fragte ich verwundert. Sie erklärte, das sei für sie, für morgen und die anderen Tage, und heute müsse ich ihre Brühe essen. Das passte mir nicht. Ich wusste, dass anständige Leute so etwas nicht tun, und meine Empörung war grenzenlos, aber ich nahm mich zusammen, lächelte, als sei nichts geschehen, und warf trotzdem ein Stück Fett in die Pfanne. Die Deutsche schloss die Augen und stöhnte.

Für die Deutschen

empfindet Gelfand nur noch Verachtung. "Sie sind ekelhaft aufdringlich und schnorren." Zudem erscheinen sie ihm kaltherzig, nur um das eigene Wohl besorgt. Auf einem Bahnhof erlebt er, wie eine alte Frau zusammenbricht und die anderen Reisenden sie ohne Mitgefühl anschauen. "Nur so ein hässliches, buckliges Mädchen kam herbei, bückte sich, und als sich der Zug in Bewegung setzte, sah ich, dass das Mädchen der Alten Wasser zu trinken gab."

Bittere Not bewirkt ein Verhalten, das Gelfand als Aufdringlichkeit und Gefühlskälte empfindet. In den Jahren zuvor hat nicht zuletzt die Ausplünderung der besetzten Gebiete in der Sowjetunion die Berliner vor dem Hunger bewahrt - auch auf Kosten von Familien der Soldaten, die nun den Osten Deutschlands beherrschen. In der Ukraine, Gelfands Heimat, empfanden viele deutsche Soldaten den Überlebenskampf der Bevölkerung, die von der NS-Führung bewusst dem Elend und dem Tod überlassen wurde, als würdelos. Genauso beurteilte Gelfand nun das Verhalten der Berliner. Ihn schert die Not der anderen wenig. Er will leben, endlich leben.

Viel hat er in den Jahren zuvor ertragen. Als er sich im Januar 1945 der deutschen Grenze nähert, schreibt er: "Das Herz schlägt bis zum Hals, und die Gedanken finden keine Ruhe. Es ist die Hölle: Ringsum donnern die Geschosse, heulen, pfeifen und bellen, und du sitzt da, zwischen Leben und Tod, und kannst nur warten, wie das Schicksal, das ja schon einige Male in dein Leben eingegriffen hat, entscheiden wird." Mehr als 300 000 Soldaten der Sowjetunion wurden beim Kampf um Berlin getötet, verwundet oder vermisst.

Gelfand ist Soldat seit 1942. Er hat bei Stalingrad gekämpft. Zweimal hatte die Wehrmacht seine Einheit eingeschlossen, Gelfand konnte nur mit knapper Not entkommen. Er führte einen Minenwerferzug in der Südukraine, wurde dafür ausgezeichnet, dass er an der Einnahme von Warschau beteiligt war, und verbrachte Monate im Lazarett. Den Krieg kennt er so gut, wie man es niemandem wünscht. Wenn nicht geschossen wird, tut er sich als Kommunist und Agitator hervor - und erlebt zugleich Intrigen in der Truppe, die mindestens so gefährlich sind wie der Feind:

"Ich erschieße dich",

hatte ihn sein Kompaniechef beim Marsch auf Berlin nach einem Streit angeschrien. "Im nächstbesten Gefecht erschieße ich dich." Verzweifelt bittet Gelfand in Eingaben an den Bataillonskommandeur um Hilfe. "In der Kompanie herrschen Feindseligkeit und Missgunst", schreibt er. "Diebstahl und Betrug sind zu einer Tradition geworden." Die Truppen stoßen in Gebiete vor, die ihnen unermesslich reich erscheinen - und alles gehört ihnen, sie sind die Eroberer. Streit untereinander ist allgegenwärtig: Als ich einmal einen erbeuteten Stoffmantel, den ich unterwegs aufgelesen hatte, auf einen Wagen legte, nahm Leutnant Karpienko ihn in meiner Abwesenheit eigenmächtig an sich und versoff ihn, woran er den Hauptmann teilhaben ließ, welcher mich seinerseits vor allen Leuten beschimpfte: "Zeig's nicht auch noch, dass du ein Dummkopf bist."

Die vom Kampf zermürbten Soldaten saufen und plündern. "Wodka gibt es im Überfluss", notiert Gelfand. "Die Leute trinken ganz ordinäres Destillat bis zum Vollrausch. Viele verbrennen sich die Innereien, doch das hält sie nicht ab." Einer sei sogar an einer Vergiftung gestorben.

Seiner Mutter gelingt es, ihm die Nachricht zukommen zu lassen, dass er ihr ein Päckchen schicken soll: Zu Hause in der Ukraine wird weiter gehungert, gefroren und gestorben, auch als die deutschen Truppen längst vertrieben sind.

Im Krankenhaus, wo Gelfand im Sommer 1946 wegen einer Gonorrhöe behandelt wird, denkt er über sein Leben und den Krieg nach. Er will weg aus Deutschland, sorgt sich um seine Eltern in der Heimat. Im Juli 1946 schreibt er an den Stabschef seiner Einheit:

"Sämtliche Geschwister sowie die Mutter und die Nichte meines Vaters sind von den deutschen Okkupanten in einem Gaswagen umgebracht worden, sodass er völlig allein steht." Seine Mutter sei krank und ringe mit dem Tod. Beide Eltern litten "materielle Not". Er fleht: "Ich bitte Sie also um die Möglichkeit, in die Heimat fahren zu können, und sei es auf eigene Kosten und wenigstens für eine oder zwei Wochen." Mitte September 1946 erreicht ihn die erlösende Nachricht. "Ich fahre nach Hause. Werde demobilisiert." Er geht einkaufen, will feiern.

Habe mehrere Paar Handschuhe und Socken gekauft, diverse Hüte und Mützen in verschiedenen Farben - Anzüge werden folgen, wo doch eine Kopfbedeckung bereits da ist. Einen Radioempfänger habe ich nicht bekommen. Jetzt muss ich noch die Schreibmaschine und Fahrradreifen besorgen.

Schwer bepackt

tritt er die Reise an. In seinem Gepäck steckt, neben Uhren und Fahrradreifen, eine Kollektion von Bildern und Briefen. Auf den Fotos inszeniert er sich als Dandy und als Sieger, mal in Zivilkleidung und mal in Uniform mit lässiger Sonnenbrille. Auf anderen Bildern posiert er mit deutschen Frauen, die in Schönschrift ihre Liebe zu ihm beteuern. "Als ich Sie das 1. Mal sah, da war für mich alles klar", reimt eine. "Ich liebe Sie oder keinen."

Jetzt, am Ende seines Aufenthalts, scheint er zu spüren, wie hohl und vorgetäuscht die Liebesbezeugungen waren, die er so genossen hat. Er schreibt: Deutschland, ich bin deiner nicht überdrüssig, doch ich verlasse dich mit Vergnügen. Du bist verdorben und leer. Du birgst nichts Erstaunliches, hast nichts Fröhliches in dir. Das Leben hier ist einfach nur lustig, sorglos und billig, viel Getöse und Geschwätz.

Stefan Schmitz / print