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WAS MACHT EIGENTLICH...: ...Marco Polo

Nach seiner 24 Jahre dauernden Reise nach Osten, die ihn bis nach China führte, machte der Entdecker Furore mit seinem Reisetagebuch, das ein Freund für ihn aufschrieb

Nach seiner 24 Jahre dauernden Reise nach Osten, die ihn bis nach China führte, machte der Entdecker Furore mit seinem Reisetagebuch, das ein Freund für ihn aufschrieb

STERN: Sie sehen ziemlich abgerissen aus.

MARCO POLO: Die Seidenrobe ist zerlumpt, aber ich war ja auch lange auf großer Fahrt. Und außerdem, sehen Sie mal, was im Saum eingenäht ist: Juwelen! Saphire, Diamanten, Smaragde!

STERN: Wo haben Sie die denn her?

MARCO POLO: Aus Mutfili, dem Land der Diamanten. Man wirft dort in Blut getunkte Fleischstücke in die Tiefe einer Diamantenschlucht und wartet dann, daß die Juwelen am Blut kleben und sich der weiße Adler auf das Fleisch stürzt. Schließlich muß man nur den Adler erschrecken, und er läßt die Beute fallen.

STERN: Wollen Sie uns einen Bären aufbinden?

MARCO POLO: Es ist die reine Wahrheit.

STERN: Was haben Sie in Asien gemacht?

MARCO POLO: Ich habe meinen Vater und meinen Onkel, beide Kaufleute aus Venedig, begleitet. Wir haben Gewürze und Felle gekauft und mit Mohren gehandelt.

STERN: 24 Jahre waren Sie unterwegs, fast 20 davon am Hof des Großkhans in Peking.

MARCO POLO: Das war eine großartige Zeit! Der mächtigste Herr aller Herren ist eine edle Gestalt. Vier Gattinnen hat er, jede ist umgeben von 300 reizenden, hübschen Jungfrauen.

STERN: Stehen die dem Herrn da ständig zur Verfügung?

MARCO POLO: Also: Drei Tage und drei Nächte bedienen je sechs Jungfrauen den hohen Herrn und erfüllen ihm alle Wünsche, die man sich vorstellen kann. Nach drei Tagen und Nächten kommen die nächsten Mädchen, und so geht es das ganze Jahr hindurch.

STERN: Waren Sie auch in den Gemächern?

MARCO POLO: Um Himmels willen! Doch nicht die Mädchen des Großkhans. Wer sich an ihnen vergreift, wird getötet.

STERN: Entschuldigung. Gab es andere gefährliche Momente auf der Reise?

MARCO POLO: Und wie. Wir haben Einhörner gesehen und Menschen mit Hundsköpfen. In der Wüste von Gobi gruben wir jeden Abend nach brackigem Wasser für die Kamele, Geisterstimmen heulten durch die Nacht, und außer Tierskeletten und Kamelmist gab es da nichts, woran man sich hätte orientieren können.

STERN: Als Sie zurückgefunden hatten nach Venedig, haben Sie das Buch »Die Wunder der Welt« verfassen lassen. Hatten Sie je daran gedacht, daß dies ein Bestseller wird?

MARCO POLO: Na ja, ich habe geschrieben, was die Leute am liebsten lesen: unglaubliche Geschichten. Denn Sie müssen wissen, daß es keinen Christen und keinen Heiden, weder einen Tataren noch einen Inder, keinen einzigen Menschen irgendwelcher Herkunft bisher gab, der so viel weiß und erforscht hat und so viel Merkwürdiges gesehen hat wie ich.

STERN: Was war denn die merkwürdigste Merkwürdigkeit?

MARCO POLO: Sie kennen das Bibelwort vom Glauben, der Berge versetzt? Gut. Ich will Ihnen eine Geschichte des Kalifen von Bagdad erzählen. Er hatte den Christen in seinem Reich gedroht, sie niedermetzeln zu lassen - sollten ihre Gebete keine zwei Berge zusammenrücken.

STERN: Wie bitte?

MARCO POLO: Er haßte die Christen. Eine Woche flehten sie um ein Wunder, bis ein Engel erschien und sagte, Gott werde das Gebet eines einäugigen Schuhmachers erhören. Und siehe da: Die Berge gingen auf Wanderschaft.

Mit Marco Polo sprach STERN-Reporter Uli Hauser.

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