Brasilien Mit Marlene auf dem Amazonas


Kein Strom ist so gewaltig, kein Regenwald so groß. Eine Flussfahrt durch Amazonien in Brasilien ist wahres Abenteuer.
Von Joachim Rienhardt

Wollten wir dem Regenwald wirklich so nahe sein? Die Hängematte baumelt über einem Gemisch aus Blättern, Samenhülsen und Bäumchen, die durch eine bräunliche Masse treiben. Nach oben verfängt sich der Blick im Gewirr aus Zweigen, Farnen und Lianen. Vom mondbeschienenen Himmel sind nur winzige Flecke zu erkennen. Immer wieder flackern in der Finsternis grellgrüne Lichtpunkte durchs Dickicht. Glühwürmchen. Man könnte sie für funkelnde Pumaaugen halten. Aber unser Guide Wolfgang Brög hat lange gepredigt, dass Angst im Amazonasdschungel fehl am Platze ist: "Die Leute meinen immer, es wimmelt hier von wilden Tieren. Aber es gibt nicht so viele, sie finden im Regenwald kaum was zu fressen. Und wenn man auf Tiere trifft, dann hauen die sofort ab."

Trotzdem kommt jetzt in der Hängematte neben den Stromschnellen des Rio Pariau, mitten in der grünen Hölle des Amazonas, die Sehnsucht nach "Marlene" auf. "Marlene" ist Brögs 20-Meter-Schiff, das Basislager für seine Trips durch das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde, 20-mal größer als Deutschland. Ein Fitzcarraldo-Dampfer mit zweistöckigem Aufbau und umlaufender Veranda, Heimathafen Manaus, der Zwei- Millionen-Moloch, der sich auf 40 Kilometern in den Dschungel gefressen hat. Dort beginnt die Reise in eine Welt voller Mythen. Kein tropischer Regenwald ist so groß wie dieser. Keiner beherbergt so viele Pflanzenarten. Kein Strom ist so gewaltig und wasserreich wie der Amazonas. Und kaum eine Gegend beflügelt so sehr die Fantasie der Menschen wie diese, seit der spanische Konquistador Francisco de Orellana vor 450 Jahren von sagenhaften Goldschätzen und Amazonen berichtete, die dem Fluss und dem Dschungel seinen Namen gaben. Hier hat der wahnwitzige Filmheld Fitzcarraldo ein Dampfschiff über einen Berg schleppen lassen, um ein Opernhaus zu bauen.

Mehr und mehr Urlauber werden von der großen Wildnis angezogen

Dass sich die Abfahrt in Manaus einen halben Tag verzögerte, weil "Marlenes" Generator seinen Dienst versagte, passt zum Rhythmus der lähmenden Schwüle. Die setzt nicht nur schweren Maschinen zu, sondern auch den klapprigen Häusern, die am Ufer der Amazonas- Hauptstadt auf Stelzen vor sich hin modern. Ungeduld ist fehl am Platz bei der Reise in die Weite aus Wasser und Grün. Bananenstauden und Netze voller Orangen baumeln an Holzbalken auf dem Unterdeck. Oben verführen Hängematten, die Flussfahrt schaukelnd zu genießen. Ganz langsam schnauft das Schiff hinaus auf das tintenschwarze Wasser des Rio Negro, der sich bei Manaus mit den Massen des lehmigen Solimões vereint. Ab hier trägt der Strom den Namen Amazonas; er mündet 2.000 Kilometer östlich in den Atlantik. Brög hat Dokumentarfilme über Humboldt gedreht, eine Serie über den Amazonas, hat den Strom vom Ursprung bis zur Mündung befahren. Aber lieber steuert er den Rio Negro hinauf. Hier nistet kein Malaria-Moskito. Man dringt ungestört tief hinein ins Flusslabyrinth.

Mitunter zeigt das Echolot im Steuerstand eine Tiefe von nur zwei Metern. Das Netzwerk der mächtigen Bäume rechts und links wirkt wie eine grüne Mauer. Ganz am Rand paddeln Indio-Familien im Einbaum. Manche sind von ihrem Dorf eine Woche unterwegs zum nächsten Markt in einem der Urwaldnester am Fluss. Ihre Siedlungen sind vom Boot aus nicht auszumachen. Einige aber haben den Tourismus als Einnahmequelle erkannt. Sie tauschen, bevor die Fremden da sind, Jeans gegen Lendenschurz und verkaufen Federschmuck für 20 Dollar, tanzen gegen Honorar. "Das ist Business, die fortgeschrittene Stufe der Folklore", sagt Brög. Ein Geschäft mit Zukunft. Mehr und mehr Urlauber werden von der großen Wildnis angezogen. Lodges für Gäste aus aller Welt sind in den vergangenen Jahren entstanden. Die luxuriöse "Ariaú", wo sich schon Einheitskanzler Kohl von kleinen Affen das Zuckertütchen vom Tisch stibitzen ließ, ist die größte und älteste von allen. Es gibt aber auch kleine Anlagen, wo sich Abenteurer absetzen und nach vier Tagen "Survival light" wieder abholen lassen. Brög bevorzugt seine "Marlene". Nicht nur weil Meire und ihre Schwester Kina in der Küche werkeln und frisch gefangenen Zackenbarsch, Wels oder andere Leckereien zubereiten. Vor allem weil der Pegel zwischen Hoch- und Niedrigwasser um etwa zehn Meter schwankt. "Da liegen die Häuser manchmal weit weg vom Fluss", sagt er. "Mit dem Boot kannst du hin, wo du hinwillst."

Es blieb der Traum, und es blieb die Armut

Zum Beispiel ins Naturschutzgebiet Anavilhanas. Einfach mal festmachen an einem der vielen weißen Strände. Anlegen am Kautschukmuseum, das am Ufer des ehemaligen Herrschaftssitzes eines Gummibarons untergebracht ist. Ein angenehmer Wind streicht durch die Gemächer mit Piano und riesigen Ölbildern. Sogar der Tisch ist mit Kristallgläsern gedeckt, als würde der Baron in Kürze zum Mahl erwartet. Uns erwarten "Marlene" und Amazonasflecken wie Novo Airão. Kinder schlagen Salto in den Fluss. Am Anleger werden Flussdelfine gefüttert. Musik scheppert aus Bars, vor denen Einheimische bei Billard und Bier die Zeit totschlagen. Am Wochenende kommen die Reichen aus Manaus mit ihren Booten. Die Kooperative eines Schweizer Schreinermeisters lockt zum Einkauf. Ehemals Arbeitslose werkeln Kunst aus Restholz. Das Geschäft läuft gut. Ab und zu bleiben Fremde über Nacht. Wolfgang Brög sucht vor Einbruch der Dunkelheit einen kleinen Flussarm für die Nacht. Gut geschützt, falls wieder einmal das große Gewitter losbricht. Dann können Wellen drei Meter hoch schlagen. Aber das ist die Ausnahme. Die Regel sind lange Abende unterm Sternenhimmel am Oberdeck. Es gibt Brögs hausgemachten Caipirinha. Dazu erklingt das Nachtkonzert der Baumfrösche, Grillen, Heuschrecken und Käuze. In solchen Momenten ist schwer zu verstehen, warum viele Nachfahren der Ureinwohner sich nichts sehnlicher wünschen als ein Leben in der Stadt.

Auch einer wie Moises, ein Caboclo, Nachfahre der Siedler, die vor 100 Jahren aus dem Nordosten nach Amazonien eingewandert sind und sich mit den Indios gemischt haben. Früher versprach Kautschuk Arbeit und nährte den Traum vom Reichtum. Dann war es Gold. Es blieb der Traum, und es blieb die Armut. Moises hat es wie viele Caboclos in Manaus versucht. Als Hilfsarbeiter am Band, als Ladehelfer bei einer Spedition. Zum Überleben hat es gerade gereicht. Da ging er lieber in den Dschungel zurück. Brög nimmt Moises immer mit, wenn er sich weit in den Regenwald wagt. Er weiß, wie leicht man sich verirren kann. Aber solche Exkursionen im Kanu mit Übernachten in der Hängematte gehören für Brög dazu. "Nur durch dieses Erleben kann man ermessen, was die Indianer hier für einen Überlebenskampf führen. Unsereins würde zugrunde gehen." Moises hat schnell gepackt, als er "Marlene" anlegen sieht. Frisches Hemd in eine Plastiktüte, eine Machete, Streichhölzer, fertig. Schon übernimmt der 58-jährige Vater von sechs Kindern das Kommando im Kanu mit Außenbordmotor, steuert es durch Windungen den Rio Pariau hinauf. Immer weiter, bis die Fahrt wegen großer Stromschnellen und einbrechender Dunkelheit endet. Moises spannt die Hängematten für das Nachtlager zwischen 40 Meter hohe Bäume und zündet Kerzen an. Der Schein soll wilde Tiere abhalten. Sicher ist sicher. Doch Schlaf will sich lange nicht einstellen. Auch, weil nach der Tageshitze nächtliche 25 Grad frösteln lassen.

Der Regenwald macht seinem Namen mal wieder Ehre

Als die Sonne am Morgen die Schwüle zurückbringt, sind die Kerzen längst erloschen. Moises sammelt die Wachsstummel ein, vergräbt die Eier- und Orangenschalen, die vom Frühstück übrig geblieben sind. Barfuß führt er weiter hinein in den Urwald. Immer wieder bleibt er stehen, zeigt, wie man Dächer aus Palmzweigen flicht, damit Betten baut oder Trageriemen bastelt. Er kennt jede Pflanze, ihre heilende Wirkung und auch die Gefahr für den Wald durch illegalen Einschlag. Eine Zeder bedeutet ein Jahresgehalt für viele. Aber verstärkte Kontrollen erhöhen das Risiko, erwischt zu werden. Moises ist froh darüber. Er liebt die Natur. Auf der Rückfahrt hängt eine Landschildkröte hilflos am Ufer. Sie ist die steile Böschung hinabgerutscht. Moises steigt aus und trägt sie nach oben. Eine Viertelstunde später könnten wir selbst Hilfe gebrauchen. Der Außenbordmotor macht keinen Mucks mehr. Es folgen zwei Stunden mühsames Paddeln. Dann ist "Marlene" in Sicht. Moises hat sich ein paar Euro verdient und dazu zehn Liter Benzin. Sein Sohn kommt und trägt den Kanister im Laufschritt zur Hütte. Vater Moises folgt ihm langsam. Dass es wie aus Kübeln zu gießen anfängt, beschleunigt seinen Schritt keineswegs. Der Regenwald macht seinem Namen mal wieder Ehre.

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