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Beinahe-Crash in Hamburg Untersuchungsbericht entlastet Piloten


Während eines Orkans schrammte ein Lufthansa-Jet im März 2008 mit der Tragflächenspitze die Landebahn in Hamburg. Zwei Jahre nach der Beinahe-Katastrophe liegt jetzt der Abschlussbericht vor. Der Beinahe-Crash ist nicht durch einen Pilotenfehler verursacht worden.
Von Till Bartels

Samstagnachmittag kurz vor 14 Uhr am 1. März 2008: Das Orkantief "Emma" tobt über der Hansestadt. Der aus München kommende Airbus A320 mit der Flugnummer LH 044 setzt mit 132 Fluggästen und fünf Besatzungsmitgliedern in Hamburg zur Landung auf Piste 23 an. Nach dem Aufsetzen mit dem linken Fahrwerk hebt das Flugzeug wieder ab, gerät in eine abrupte Schräglage und berührt mit dem äußeren Endes der linken Tragfläche den Boden. Die Besatzung startet durch und landet das Flugzeug um 13:52 Uhr auf der anderen Piste des Hamburger Flughafens. Keiner der Insassen des Flugzeuges wird bei dem Zwischenfall verletzt. Am Flugzeug entsteht ein Schaden an der linken Tragfläche.

Weil der spektakuläre Landeversuch von einem Planespotter auf Video festgehalten und über Internetplattformen rasch verbreitet wurde, schlugen die Emotionen hoch. Erst wurden die Piloten als Helden gefeiert, die einen Crash verhindert hatten. Dann wurde das fliegerische Können der 24-jährigen Co-Pilotin infrage gestellt. Jetzt hat die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) die Parameter der Flugschreiber und Wetterdaten ausgewertet, der Behörde interviewte Besatzung und Fluglotsen.

Erkenntnisse aus meterhohen Aktenbergen

Die fast 100 Seiten umfassende Untersuchung zeigt, dass nicht eine einzige Fehlhandlung von beteiligten Personen oder eine Fehlfunktion des Flugzeuges zu der Berührung der Tragfläche mit dem Boden geführt hat. Vielmehr sei es eine Kombination mehrerer Faktoren und Ereignisse gewesen. Durch den starken und böigen Seitenwind war die Landung "hochdynamisch und fliegerisch anspruchsvoll".

Brisant sind zwei Details des Abschlussberichtes. Beim Anflug hatte der Tower den Piloten Information von Bodenwinden von 28 Knoten mit Böen bis zu 47 Knoten durchgeben. Im Handbuch der Fluglinie war der Grenzwert für Seitenwinde mit 33 bis maximal 38 Knoten (rund 70 Stundenkilometer) angeben. Laut BFU hat die Cockpitbesatzung diese Angaben nicht als Grenzwert interpretiert und den Landeanflug fortgesetzt. Als Grund wird die "unzureichende Definition und Erklärung in der flugbetrieblichen und technischen Dokumentation" angeführt. Eine Befragung im Rahmen der Untersuchungen von 80 Piloten verschiedener Fluglinien führte zu dem Ergebnis, dass der Grenzwert für extreme Seitenwinde in den Unterlagen für die Crews zu unscharf definiert ist.

Korrekturen für die Flughandbücher

Eine zweite Erkenntnis der Ermittlungen betrifft ein Computerphänomen: Weil das linke Hauptfahrwerk des Airbus A320 bereits den Piste berührte, schaltete die automatische Steuerung vom Flug- auf den Bodenmodus um. Die elektronische Steuerung griff ein und begrenzte den Einschlag des Querruders auf die Hälfte des maximalen Ausschlags. Der war aber zum Ausgleich der Windböe erforderlich. Erst durch das Einleiten des Durchstartmanövers hatten die Piloten die Maschine wieder unter ihrer Kontrolle.

"Dieses Systemverhalten der Flugzeug-Steuerung war in den flugbetrieblichen Unterlagen nicht beschrieben und den Piloten nicht bekannt", sagt Johann Reuß, der Untersuchungsleiter der BFU. Dementsprechend hat die umfangreiche Analyse des Beinahe-Crashs weitreichende Konsequenzen.

"Die Windbedingungen am Ereignistag waren signifikant, aber nicht ungewöhnlich", heißt es am Ende des Untersuchungsberichts, der insgesamt zwölf Sicherheitsempfehlungen für die Zulassungsbehörden, den Hersteller Airbus und Airlines gibt, zu deren Flotte die A320 gehört. Auf Anfrage von stern.de erklärte ein Pressesprecher der Lufthansa, dass die für sie relevanten Punkte des Untersuchungsberichts wie zum Beispiel der Landeanflug bei starken Seitenwinden bereits vor etwa einem Jahr umgesetzt wurden. "Unabhängig von diesem Einzelfall ist der Flugbetrieb seit einiger Zeit dazu übergegangen, böige Wettersituationen noch konservativer zu betrachten."


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