Berlins Museen Wo Picassos Liebste die Nofretete grüßt


Sieben Monate standen Berlins Museen im Schatten der MoMA-Ausstellung. Jetzt kommen die Schätze der Hauptstadt wieder zur Geltung. Zwei neue Highlights gibt es auch: die Berlinische Galerie und die Sammlung Flick.
Von Anja Lösel

Es war das Jahr der Schlange. 183 Tage lang, von Februar bis September, wand sie sich rund um die Neue Nationalgalerie. 1,2 Millionen Besucher sahen die MoMA-Ausstellung in Berlin und nahmen dafür bis zu zwölf Stunden Wartezeit in Kauf, bei brütender Hitze und bei ungemütlichem Nieselregen, immer geduldig, immer gut gelaunt. "MoMA is the Star!", schrien Plakate von den Wänden. Es war ein Riesenereignis, ein Event. Und jetzt? Die Werke von Monet, Matisse, Picasso und all den anderen sind wieder zu Hause in New York, in ihrem mit großem Getöse eröffneten Neubau. Und Berlin trauert. Aus. Vorbei. Katzenjammer.Aber war da nicht noch was? Gibt es nicht auch in Berliner Museen Picasso, Matisse, Monet und noch viel mehr? Bescheiden hatten sie monatelang ihren Konkurrenten aus New York die Bühne überlassen. Aber nun wollen sie wieder entdeckt werden, denn Berlin muss sich keineswegs verstecken bei all den Schätzen, die mit denen aus dem MoMA locker mithalten können. Schmuckstücke, die fast jeder kennt, wie Picassos Harlekin, die Nofretete oder den Pergamonaltar. Aber auch verborgene, überraschende Dinge. Also los in die Museen von Berlin.Gleich gegenüber der Neuen Nationalgalerie, die sich gerade vom MoMA-Ansturm erholt und erst mal renoviert wird, lockt die Gemäldegalerie. Ein imposantes Gebäude mit angenehm luftigen Räumen und grandioser Kunst. Jan Vermeer etwa. Vor allem jetzt, da doch der schöne Film um sein "Mädchen mit dem Perlenohrring" in den Kinos läuft, würde man für ihn liebend gern Schlange stehen. Muss man aber nicht.Zwei seiner schönsten Bilder hängen hier, unauffällig, unschuldig, ohne viel Publikum. Nur ein junger Mann schleicht herum, er hat sich offenbar verliebt in die "Dame mit dem Perlenhalsband", die vor dem Spiegel die Wirkung ihres Schmucks ausprobiert, stolz und ein wenig verspielt. Immer wieder wandert er hin und her, guckt von links und von rechts, geht aus dem Raum, kommt wieder. Ganz in Ruhe zelebriert er sein Rendezvous mit der Schönen im goldgelben Gewand. MoMA? Kann ihm gestohlen bleiben. Der Star ist Vermeer.Wer lieber Picasso mag, der sollte nach Charlottenburg fahren. Direkt gegenüber dem Schloss, in einem feinen, kleinen Palais, residiert Heinz Berggruen mit seiner Sammlung. Er hat sie Berlin geschenkt, und die Stadt hat dem ehemaligen Kunsthändler und Picasso-Freund als Dank nicht nur Räume für seine Bilder und Skulpturen, sondern auch noch eine Wohnung mit Schlossblick oben drüber spendiert.

Suchen, stöbern und entdecken - Deutschlands Hauptstadt hat 170 Museen. Die wichtigsten für die Kunst sind hier aufgelistet

Deshalb kann man den agilen Neunzigjährigen oft in seinem Museum treffen. Einfach so, ohne Verabredung, nur mit ein wenig Glück. Denn gern steigt er hinab und mischt sich unter das Volk. "Temperatur fühlen" nennt er diese Ausflüge. Er will bloß sehen, wie die Leute sich freuen: über Pablo Picassos "Dora Maar mit gelbem Pullover", über Henri Matisse' "Seilspringerin" oder über Paul Klees Dame mit versiegeltem Mund. Er hat Spaß daran, den Besuchern die Postkarten zu zeigen, die Picasso an "mon ami Bergruen" schickte - und auf denen sein Name "immer falsch" geschrieben ist. Ein wenig, aber auch wirklich nur ein ganz klein wenig, ärgert er sich über die Zeichnung, auf der Picasso seinen Freund Berggruen karikiert hat. "Mit viel zu wenigen Haaren. Darüber bin ich gar nicht glücklich!", klagt er und blinzelt charmant unter seinem dichten, weißen Schopf hervor."Wie war er denn, der Picasso?", fragen die Besucher. "Gescheit", sagt Berggruen dann. "Humorvoll. Hoch gebildet. Und ein guter Techniker und Handwerker dazu." "Schauen Sie sich diese Amsel an." Nur ein Holzklotz mit ein wenig Gips und Draht und einem Loch als Auge. "Warum können wir das nicht?"Jedes der Bilder aus der Berggruen-Sammlung hätte in der MoMA-Ausstellung hängen können: der Harlekin aus Picassos Rosa Periode, die Dora Maar mit den grünen Fingernägeln, die Dame mit dem gelben Pullover und der verrutschten Nase oder die Seilspringerin von Matisse. Kürzlich hat Berggruen dem MoMA sogar ein Bild abgekauft. Natürlich wieder einen Picasso: "Häuser auf einem Hügel". Preis streng geheim. "Die vom MoMA brauchten Geld für ihren Neubau und boten es mir an."Überhaupt hat sich da in Charlottenburg eine kleine, feine Insel der Kunst gebildet. Nebenan das Bröhan-Museum mit seinen Schätzen aus Jugendstil und Art Deco. Und gegenüber, im Ägyptischen Museum, lockt die Attraktivste. Berggruen: "Über die Schlossstraße hinweg grüßt Picassos Frau mit dem gelben Pullover die Nofretete. Zwischen den beiden liegen über 3000 Jahre, aber eine innere Beziehung verbindet sie über die Zeiten hinweg."

Die angeblich schönste Frau Ägyptens hat, wie Berggruen, in Charlottenburg Quartier genommen. Vorläufig. Denn irgendwann, so um 2010, wenn die Museumsinsel in Berlin-Mitte fertig renoviert ist, soll Nofretete wieder dort ihren Platz finden, neben dem Pergamonmuseum und der Alten Nationalgalerie. 1925 war sie aus Ägypten nach Berlin gekommen - und hatte die ganze Stadt in Aufruhr versetzt. Die Damenwelt kleidete und schminkte sich à la Nofretete, und ehrfürchtig flüsterte man ihren Namen, der übersetzt "Die Schöne ist angekommen" bedeutet. Heute macht sie nicht mehr ganz so viel Wirbel. Aber wenn sie von ihrem Sockel heruntersteigen und sich unter die Berliner Partyszene mischen könnte, wäre sie immer noch die Schönste.Rund 170 Museen gibt es in Berlin, alle dürfte wohl kaum jemand besucht haben. Aber es lohnt sich, auf die Suche zu gehen, große Schätze und kleine Schmuckstücke zu finden. Ob das nun Helmut Newtons Stiftung am Bahnhof Zoo ist, wo man nicht nur seine "Großen Nackten" studieren kann, sondern auch seine kleinen privaten Obsessionen. Oder das Brücke Museum in Dahlem, das so intim und klein wie ein Privathaus wirkt und die schönsten Kirchners, Heckels und Noldes besitzt. Oder das Bauhaus-Archiv mit seinen Blättern von Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky oder Lionel Feininger. Mit der MoMA-Ausstellung können es fast alle aufnehmen.Zwei neue Stars hat die Berliner Museums-Szene: die Berlinische Galerie und die Christian Friedrich Flick Collection. Auf 6000 Quadratmetern breitet Sammler Flick das Beste und Wertvollste aus, das die zeitgenössische Kunst zu bieten hat. Einfach sind diese Werke nicht. Da schockt der Amerikaner Paul McCarthy mit seinem "Saloon Theater", in dem Western-Huren sich brutal-aggressiv anbieten und ihre Hinterteile in die Kamera halten. Und der Amerikaner Bruce Nauman lockt in einen "Raum ohne Seele", der enger und enger wird, bis man sich kaum noch rühren kann. Oder er lässt eine Reihe von Neonmännern mit bedrohlich erigierten Penissen aufmarschieren und nennt das Ganze "Sex und Tod". Wer sich Zeit nimmt und einlässt auf die verstörenden Arbeiten, der wird sie lange nicht mehr aus dem Kopf bekommen.Ein Stiefkind der Museumslandschaft war bis vor kurzem die Berlinische Galerie. Umhergeschubst von Provisorium zu Provisorium, kam sie erst vor wenigen Wochen endlich in ihrem neuen Haus in Kreuzberg an, einer raffiniert umgebauten Lagerhalle in der Nachbarschaft des Jüdischen Museums. Die Überraschung war groß, denn die so lange im Depot versteckten Kunstwerke sind großartig. Ausschließlich Stücke, die in Berlin entstanden, sind hier zu sehen: eine Straßenszene von Max Beckmann, Hinterhoffotos von Heinrich Zille, Berliner Gören, mit schnellem Strich von Ernst Ludwig Kirchner gemalt, Collagen von Hannah Höch, Kaffeehausszenen von George Grosz. Aber auch neuere Kunst wie Eva Grubingers Kopfhörer-Skulptur oder die Großfotos von Soldaten der Berliner Besatzungsmächte.Besonders beeindruckend: ein Modell der "Volkshalle", die Albert Speer für Adolf Hitler geplant hatte. Das Abbild des Monstrums, das 290 Meter hoch werden sollte, steht hier neben einem winzig wirkenden Brandenburger Tor im gleichen Maßstab und lässt den Größenwahn der Nazi-Architektur erkennen.Liebling sämtlicher Staatsgäste Berlins ist die frisch herausgeputzte Alte Nationalgalerie - das einzige bereits renovierte Gebäude auf der Museumsinsel. Gerade war der dänische Kronprinz mit seiner Mary da. Und sogar die Queen wollte sich das tempelgleiche Haus mit der imposanten Treppenanlage nicht entgehen lassen. Mit ihrem dunkelroten Bentley fuhr sie vor, ganz in Kobaltblau gekleidet. Auf rotem Teppich stieg sie empor zu den Schätzen des 19. Jahrhunderts, zu Edouard Manet und Adolph von Menzel, zu Caspar David Friedrich und Max Liebermann. Sie bewunderte Wilhelm Schadows marmorweiße Preußenprinzessinnen Luise und Friederike. Und ahnte wohl nicht, welch einen Skandal die beiden Damen in ihren dünnen Kleidchen verursacht hatten. Kaiser Friedrich Wilhelm III. nämlich fand die Skulptur "fatal" - viel zu sinnlich und erotisch.Egal, die Queen war "amused". Und begab sich schnurstracks in den dritten Stock zum "Mönch am Meer" von Caspar David Friedrich. Bestimmt hätte sie sich gern ein Weilchen auf die kleine Bank mit den goldenen Löwenfüßen gesetzt, um sich in Wolken und Meer zu versenken wie der einsame Mann auf den Kreidefelsen. Aber Königinnen haben straffe Stundenpläne.Der rote Teppich liegt hier übrigens immer, und so kann sich jeder Besucher wie die Queen fühlen, geadelt und irgendwie erhöht auf dem Weg zur Kunst.

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