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Deutsche Bahn: Guten Fluch

Mit dem Zug zum Flug - das ist bequem, wenn der Zug fährt. Wenn er mitten auf der Strecke ausfällt, ist das blöd.Eine Bahn-Leidensgeschichte von stern.de-Autor Jan-Philipp Sendker.

Der ICE-Sprinter Berlin-Frankfurt kommt mit einem Ruck zum Stehen. Auf freier Strecke. Kein gutes Zeichen. Die beruhigende Stimme des Schaffners: Ein kleines technisches Problem. In Kürze können wir die Reise fortsetzen. Die Minuten verstreichen, ein Blick auf die Uhr. Unser Flug nach Singapur geht in vier Stunden, bis Frankfurt sind es nicht mehr als eineinhalb, kein Grund zur Aufregung.

Die ersten Reisenden werden ungeduldig. Der Strom fällt aus. Die Toiletten gehen nicht mehr, die Klimaanlage kühlt nicht. Der Schaffner verkündet einen Triebwerksschaden. Mein Sohn fragt, ob wir jetzt den Flug verpassen. Ich beruhige ihn.

Stillstand im Reisezentrum

Knapp vier Stunden später erreichen wir nach dreimaligem Umsteigen den Frankfurter Hauptbahnhof. Unsere Maschine nach Asien rollt vermutlich gerade an den Start, zum Glück konnten wir auf den nächsten Tag umbuchen. Aber was nun? Wer hilft uns weiter? Ein Herr in Uniform verweist auf den DB-Serviceschalter. Da wir nicht allein im Sprinter gesessen haben, erstreckt sich die Schlange davor fast quer durch die Wandelhalle.

Nach 55 Minuten bin ich an der Reihe. 55 Minuten. Ich möchte schimpfen. Schreien. Toben. Nutzt ja nichts. Der Mann mir gegenüber kann auch nichts dafür. Ich bekomme einen Hotelgutschein aber kein Geld für Verpflegung. "Warum nicht? Es ist nicht meine Schuld, dass ich in Frankfurt sitze", protestiere ich. "So sind die Vorschriften. Ich habe sie nicht gemacht", lautet die lakonische Antwort. Außerdem gibt es noch eine Erstattung des Fahrpreises, die jedoch nur am Schalter im Reisezentrum. Dort nimmt die Schlange kein Ende, mein Sohn hat Hunger. Das Geld hole ich mir am Abend.

Gegen 21 Uhr ziehe ich eine Nummer, nicht einmal die Hälfte der Schalter sind geöffnet. Um kurz nach 22 Uhr blinkt endlich meine Nummer auf. Zurück bekomme ich kein Bargeld, sondern nur einen "Gutschein Binnenverkehr". Über 22 Euro 50. "Das ist der Sprinterzuschlag", erklärt die Frau am Schalter. "Gesprintet sind Sie ja nicht." Wenigstens haben sie Humor bei der Bahn.

Harte Landung nach dem Rückflug

Auf dem Rückweg aus Asien landet unsere Maschine am frühen Morgen des 30. Juli 2009 in Frankfurt. Wir wollen mit dem Zug zurück nach Berlin. Im Bahnreisezentrum am Flughafen sind nur zwei Schalter besetzt, die Schlange streckt sich, doch der Zug fährt erst in 25 Minuten. Das sollte reichen, um zwei Fahrkarten zu kaufen. Eine Viertelstunde später stehe ich praktisch noch an derselben Stelle. Ich gehe zum Automaten. Daran hängt ein Zettel: "Leider außer Betrieb". Wir müssen uns jetzt beeilen, um den Zug nicht zu verpassen.

Im ICE möchte ich ein Ticket kaufen und den Gutschein einlösen. "Das geht nur am Schalter", erfahre ich. "Es waren nur zwei besetzt", antworte ich, bemüht Streit zu vermeiden. "Dann am Automaten." "Der war kaputt." Dumme Ausrede, denkt die Schaffnerin, ich sehe es in ihrem Blick. Sie zuckt mit den Schultern. "Bei mir können Sie ihn nicht einlösen." "Warum nicht?"

Sie stöhnt auf und ist kurz davor, die Geduld zu verlieren. Warum-Fragen scheint man sich bei der Bahn besser nicht zu stellen. "So sind die Vorschriften." Dann möchte sie die Fahrkarte meines Sohnes sehen. "Er ist erst 12. Er reist mit mir", sage ich. "Das geht nur, wenn Sie die Fahrkarten vorher kaufen." "Das, das wollte ich doch, ich sagte Ihnen bereits..." "Wenn Sie im Zug lösen, braucht er eine Karte." "Warum denn? Das macht doch überhaupt keinen Sinn..." "Oder Sie steigen bei der nächsten Station aus," unterbricht sie mich unbeirrt, "kaufen eine Fahrkarte und nehmen einen späteren Zug."

Ich gebe auf.

Die Reaktion der Deutschen Bahn auf den Vorfall

stern.de konfrontierte die Deutsche Bahn mit dem "Reisebericht". Hier die Antwort eines Bahnsprechers:

"Wir bedauern sehr, dass die Reise von Herrn Sendker nicht reibungslos verlief und er auch beim Erstattungsprozess sehr lange warten musste. Mit den seit 29. Juli geltenden neuen Fahrgastrechten haben sich jedoch viele Prozesse verbessert. So kann der Kunde jetzt wählen, ob er sich die zu erstattende Summe bar auszahlen lässt oder ob er einen Gutschein bevorzugt. Wie bisher ist es nicht notwendig, seinen Anspruch gleich am Bahnhof geltend zu machen. Das Fahrgastrechte-Formular, das es entweder im Zug, am Bahnhof oder im Internet zum Herunterladen gibt, kann auch per Post an das Servicecenter Fahrgastrechte geschickt werden.

Kinder bis 15 Jahre reisen kostenlos mit Eltern oder Großeltern, wenn diese vor Antritt der Reise auf der Fahrkarte eingetragen sind. Damit wollen wir verhindern, dass sich im Zug spontan 'Reisegruppen' bilden. Schließlich müssen alleinreisende Kinder und Jugendliche ihre Fahrkarte bezahlen."

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