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Deutschlands schönste Inseln: Frauen- und Herreninsel: Rückzugsort für Mädchen und Manager

Bayerns kleinste Gemeinde ist eine Insel: die Fraueninsel im Chiemsee. Zwanzig Minuten vom Festland entfernt, gibt es keine Autos, keine Straßennamen und nur ein Geschäft. Dennoch ist das Eiland eine Pilgerstätte für Manager - und Tagestouristen.

Von Roland Brockmann

Die Gezeiten auf der Fraueninsel sind die Touristenströme - mit dem ersten Dampfer landen sie an, um gegen 17 Uhr Richtung Festland wieder abzulegen. Dann gehört die Insel wieder den Insulanern. Ruhe kehrt ein, wie angenehm, aber niemand hier vergisst: Erst die Gäste ermöglichen dieses Leben fernab von Hektik. Die 200 Einwohner der Süßwasserinsel leben allein vom Tourismus. Es ist Bayerns kleinste Gemeinde - mit eigenem Bürgermeister und Kloster, aber ohne Einkaufscenter oder Gewerbepark. Dafür gibt es viele Blumen - und nur eine Handvoll Hotels.

Wenige Gäste bleiben über Nacht. So wie das junge Paar aus Washington D.C, das auf der Fraueninsel ihren Honeymoon verbringt, oder der Mann im Anzug, der noch auf der Fähre auf dem Laptop seine E-Mails checkt. Er will zu einem Meeting im Kloster Frauenwörth, das seit seiner Gründung, im Jahre 782, Zentrum der nur 15 Hektar kleinen Insel ist. Allein des Klosters wegen siedelten sich auch andere, vor allem Handwerker, auf Frauenchiemsee an. 1803 wurde das Kloster säkularisiert. 1836 errichtete König Ludwig I. für die Benediktinerinnen es neu unter der Auflage, dass sich die Schwestern der Erziehung "gefallener Mädchen" widmen sollten. Die große Attraktion der Insel ist Frauenwörth noch immer, bietet aber heute Manager- und Meditationsseminare an. Abends in den Gaststätten hört man viel Englisch, sieht sogar asiatische Gesichter. Handwerker gibt es keine mehr, und der einzige Laden hat nur noch vormittags geöffnet. Dafür leben sechs Fischer auf der Fraueninsel. Zum Beispiel Thomas Lex.

Südwester vor Alpenpanorama

Am Horizont tauchen die Chiemgauer Alpen aus dem Morgendunst auf, als der 52-Jährige mit seinem Vater Holmer den Außenborder vom Aluminiumboot anwirft. Windig ist es auf dem offenen See, selbst im Mai tragen die Fischer Ölzeug und dicke Pullover. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie kalt es hier im Winter sein muss, denn auch dann fahren die beiden raus zu ihren Netzen vor Bergpanorama.

Seit fünf Generationen fischt die Familie im Chiemsee - dem bayerischen Meer. Holmer Lex ist bereits 80 Jahre alt. Wacker steht er im Boot, das zu den vier ausgelegten Stellnetzen fährt - vor allem Renken fischen sie, die werden geräuchert oder zu einer Art Matjes verarbeitet, alles in Heimarbeit, um sie dann direkt an die Touristen zu verkaufen. Nur so lohnt sich noch die harte Arbeit auf dem See.

Bootssteg statt Carport

Demnächst wird Enkel Florian Holmers Platz im Boot übernehmen. Sein Zwillingsbruder Tassilo will lieber studieren. Jungen Leuten bietet die Insel nicht viel Abwechslung - eigentlich gar keine: weder Jugendclub noch Disko oder Kino. Für all das muss man aufs Festland. Und nach der letzten Fähre bleibt nur noch das teure Wassertaxi oder ein eigenes Boot - dem Verkehrsmittel der Insulaner: So wie Festländer ihren Wagen im heimischen Carport unterstellen, vertäuen sie ihr Wasserfahrzeug am Steg. Einen PKW haben die meisten Familien trotzdem, geparkt auf dem Festland.

Nur rund zwanzig Minuten braucht man bis dahin. Und doch liegen Welten dazwischen. Auf der Fraueninsel gibt es nicht einmal Straßennamen und ohne Autos auch keine Abgase. Statt Verkehrslärm hört man nur den Wind und alle 15 Minuten die Kirchturmsuhr. Ein Inselidyll aus frischgemähten Rasenflächen und akkuraten Kieswegen. In der Hochsaison drängen sich die Gäste auf den kurzen Strecken. Anders als auf der benachbarten Herreninsel, verläuft sich Masse nicht.

Eiland des Märchenkönigs

Auf der größten der drei Chiemseeinseln lockt das dem Schloss Versailles nachgeahmte Neue Schloss Herrenchiemsee des bayerischen "Märchenkönigs" Ludwig II. - geradezu Pflichtprogramm einer typischen Deutschlandtour. Nicht weit davon steht das Chorherrenstift (Kloster Herrenchiemsee), in dem 1948 der Verfassungskonvent tagte, um einen Diskussionsentwurfes für das Grundgesetz auszuarbeiten.

Im zwanzig Minutentakt pendeln die Ausflugsschiffe zwischen beiden Eilanden und dem Festland, bis der letzte Dampfer am Hauptsteg der Fraueninsel die Tagesgäste wieder mit sich nimmt. Wer ein Gefühl für das Leben hier gewinnen will, sollte sich über Nacht ein Zimmer mieten. Abends sitzt man in einer der Gaststätten allein unter Insulaner. Und wenn am nächsten Morgen die nächste Flut Urlauber anbrandet, schippert man ganz entspannt gegen den Strom wieder gen Festland. Es muss ja nicht gleich nach Sonnenaufgang sein, wenn Familie Lex ihre Netze einholt.

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