Flugbegleiter-Streik Knochenjob über den Wolken


Einst hatten Stewardessen ein prestigeträchtiges Image. Jetzt werden sie mitunter als "Saftschupsen" tituliert. Heute haben die Lufthansa-Flugbegleiter gestreikt - für mehr Lohn und geregelte Pausen. Nach einem glamourösen Job klingt das nicht. Ein Berufsbild im Wandel.
Von Swantje Dake

Sie lächeln. Wenn der Gast das Flugzeug betritt, wenn sie das Handgepäck verstauen, wenn sie die Funktionen der Schwimmweste erklären, wenn sie den Tomatensaft servieren. Doch beim Gedanken an ihre Arbeitsbedingungen dürfte den meisten Stewardessen und Stewards das Lachen vergehen, glaubt man der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO). "Heute bleiben die Stewardessen an ihrem Zielort oft im Hotel und packen ihr Butterbrot aus, um Spesen zu sparen", sagt Joachim Müller, Leiter der Tarifpolitik der UFO. Ein Druck auf die Tränendrüse?

Die Gewerkschaft fordert unter anderem ein höheres Einstiegsgehalt, das laut Lufthansa bei 1433,23 Euro liegt, plus 16,3 Prozent steuerfreie Schichtzulage. Wer mehr fliegt, verdient mehr. Die UFO will erreichen, dass die automatische Gehaltserhöhung nicht alle zwei Jahre, sondern järhlich kommt, dass die Flugbegleiter am Gewinn beteiligt werden und Pausenzeiten in den Verträgen festgeschrieben werden. "Bislang steht nur drin, dass sie Zeit für die Nahrungsaufnahme haben müssen", so Müller.

Das Image hat sich geändert

Dabei war der Beruf einst höchst erstrebenswert für viele junge Frauen. In den 50er Jahren, als Fliegen noch Luxus war, Kaviar, Sekt und Hummer serviert wurden, genossen die Damen hohes Ansehen. "Vor 50 Jahren gab es von den Fluggästen sehr viel Anerkennung. Und die Begeisterung für das Fliegen an sich und für unseren Einsatz war da. Die Erwartungshaltung von heute gab es noch nicht", sagt Edith Simon, die 1955 beim Erstflug zwischen Hamburg und New York Flugbegleiterin war.

Die Arbeitszeiten waren allerdings schon damals lang. Wenn es nach Nordamerika ging, dauerte der Arbeitstag mit allen Zwischenstopps bis zu 24 Stunden. Dafür wurden die Stewardessen mit Stretch-Limousine ins Hotel chauffiert, wo sie mehrere Tage blieben, bevor es zurück ging.

Heirat als Kündigungsgrund

Seit den 20er Jahren gibt es Kabinenpersonal. Zunächst waren es ausschließlich Männer, leicht und kleinwüchsig, die "Kabinenjungen" genannt wurden. Bei der Transcontinental Air Transport waren es Söhne der Industriellen und Reeder, die sich an der Fluglinie finanziell beteiligt hatten. Die erste Stewardess war 1930 die amerikanische Krankenschwester Ellen Church. Eigentlich wollte sie Pilotin werden, doch damals waren Frauen im Cockpit undenkbar. Church überzeugte den Verkaufsleiter der Boeing Air Transport, Krankenschwestern zur Betreuung der Passagiere einzusetzen. Das Berufsbild war geboren. Die Karriere einer Stewardess endete jedoch zumeist recht früh: Heirat war ein Kündigungsgrund.

"Die Zeiten, in denen junge Damen aus vornehmen Hause Stewardess wurden, um ihren Traummann zu finden, sind längst vorbei", sagt Joachim Müller. Das sieht auch die Gegenseite so. "Die Aura der Flugbegleiterin hat sich geändert, ebenso wie die Flugreise selbst", so Michael Lamberty, Pressesprecher der Lufthansa. Die Anforderungen seien in Zeiten der Terrorgefahr gestiegen. Zudem gibt es heute deutlich mehr Kurzstrecken, auf denen aber ebenso Service geboten werden soll.

Keine Nachwuchssorgen

Doch der Mythos lebt offensichtlich noch. Die Lufthansa sucht derzeit keinen Nachwuchs. Man habe genug Personal. Bei Air Berlin wird hingegen akquiriert. Wie viel die Damen und Herren beim einstigen Ferienflieger verdienen, wie lange sie im Unternehmen bleiben - dazu möchte sich die Fluggesellschaft nicht äußern. Vor einer Zeit fiel Air-Berlin-Chef Joachim Hunold unangenehm auf, als er freimütig in einem Interview zugab: "Friseusen nehmen wir besonders gern. Für die ist Dienstleistung kein Fremdwort und der Job ein sozialer Aufstieg".

Eine abgeschlossene Berufsausbildung, gute Englischkenntnisse und 1,65 Meter Körpergröße benötigt man, um in den engeren Kreis der Bewerber gelassen zu werden. Dann folgt ein sechswöchiger Kurs mit ständigem Prüfungsdruck in Berlin, Unterkunft und Anfahrt sind selbst zu zahlen. Auch das klingt nicht nach Glamour. Mehr als 3000 Flugbegleiter sind für Air Berlin auf Reisen. Ihre Verträge laufen über zwei Jahre, Anschlussverträge sind möglich.

Bei der Lufthansa bleiben die Stewardessen im Durchschnitt acht Jahre, sagt die Gewerkschaft. Viele aber auch deutlich kürzer. "Wir haben 40 unterschiedliche Teilzeitmodelle", sagt Lamberty. Wer den Job nur als Gelderwerb, zum Beispiel zur Finanzierung des Studiums, ausübt, bleibt im Schnitt zwei bis vier Jahre. Andere, die den Job als Berufung sehen, bleiben bis zu 25 Jahre.


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