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Westfield Überseequartier Corona lässt die Innenstädte sterben: Hamburg will die City mit einem umstrittenen Projekt aufwerten

Wird mehr als nur die Skyline Hamburgs verändern: Die Baustelle des Westfield Überseequartiers in der HafenCity.
Wird mehr als nur die Skyline Hamburgs verändern: Die Baustelle des Westfield Überseequartiers in der HafenCity.
© Markus Scholz / Picture Alliance
Das Coronavirus hat das Einkaufserlebnis in Hamburg sichtbar eingeschränkt. Doch nach der Pandemie werden Touristen wie Einheimische wieder zum Shoppen kommen. Wo und wie sie das tun werden, darüber wird schon jetzt gestritten.
Von Simon Walters und Felix Theuerkauf

Hamburg. Auf dem Weg vom Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt fallen zwei große, leerstehende Warenhäuser ins Auge. Bis vor kurzem beherbergten die Gebäude Galeria Kaufhof und Karstadt Sport. Jetzt bilden sie das triste Eingangstor zu einer Innenstadt, in die sich während des Lockdowns nur wenige Menschen verirren.

Auf der Suche nach dem gewohnten Trubel wird man dieser Tage woanders fündig: an der Norderelbe. Am südlichen Überseequartier wird fleißig ausgeschachtet und gebaut. In zwei Jahren, so erhoffen es sich die Planer, steht hier der neue Touristen-Hotspot: eine Shoppingmall, ein Hotel, Restaurants, Wohnraum und ein Kreuzfahrtterminal – das alles soll das neue Westfield Überseequartier vereinen.

Aufgeteilt auf 14 Gebäude und 80.500 Quadratmeter Ladenfläche – achtmal so groß wie der Rathausmarkt. Im direkten Vergleich bietet die gesamte Hamburger Innenstadt rund 350.000 Quadratmeter Einkaufsspaß. Klar ist schon jetzt: Wenn der Bau unweit der Elbphilharmonie im Jahr 2023 fertiggestellt ist, wird der Konkurrenzdruck unter den Hamburger Einzelhändlern größer. Hält das der Rest der Hamburger City aus? Oder ist der Aufbau einer Innenstadt im klassischen Sinne schon bald obsolet?

Noch gibt es nur Modellfotos: Im Jahr 2023 soll das Westfield Überseequartier direkt an der Elbe offiziell eröffnet werden.
Noch gibt es nur Modellfotos: Im Jahr 2023 soll das Westfield Überseequartier direkt an der Elbe offiziell eröffnet werden.
© Moka-Studio+URW/Westfield Überseequartier

Die Entwicklung der Hamburger City im Realitätscheck

Geht es nach Westfield-Projektleiter Dirk Hünerbein, soll der Neubau zukünftig gerade Tages- und Kreuzfahrttouristen anziehen und so die "neue Visitenkarte Hamburgs" werden. Ein selbstbewusstes Ziel. Hünerbeins Rechnung: Durch das neue Überseequartier kommen mehr Touristen in die Hansestadt, die nicht nur in der Hafencity, sondern in ganz Hamburg für mehr Umsatz sorgen. Doch wird das in den Einkaufsstraßen rings um die Binnenalster auch erwartet?

Sabine und Jens Falkenhagen haben dort ein Fachgeschäft für Kopfbekleidung. Ihr Laden war bereits an mehreren Orten in Hamburg angesiedelt. Seit sechs Jahren verkaufen sie Hüte und Mützen in der Nähe von Rathausmarkt und Mönckebergstraße, sind fest verbunden mit der Innenstadt – auch emotional. "Wir betreiben unser Geschäft hier in der vierten Generation. Mit seinem einzigartigen Flair ist dieser Standort unschlagbar. Das kann niemand überbieten."

Sabine Falkenhagen spielt damit auf das Überseequartier an. "Das Viertel an sich, die kleinen Geschäfte und Restaurants, finde ich sehr schön. Aber das Einkaufszentrum stößt mir bitter auf." Sie befürchtet, das Westfield könnte zu viele Kunden aus der Innenstadt abwerben. "Ich frage mich, warum man so etwas Großes bauen muss, wenn wir in der Innenstadt ohnehin schon Probleme haben."

Jens und Sabine Falkenhagen in ihrem Geschäft nahe der Mönckebergstraße: "Dieser Standort ist unschlagbar".
Jens und Sabine Falkenhagen in ihrem Geschäft nahe der Mönckebergstraße: "Dieser Standort ist unschlagbar".
© Felix Theuerkauf

Laut Falkenhagen war bereits vor der Pandemie zu beobachten, wie die Straßen zwischen Hauptbahnhof und Gänsemarkt abends immer öfter verwaist waren. Gerade jüngere Leute ziehe es nach Feierabend eher in ihre Wohnviertel. "Die Handelskammer redet immer davon, die Innenstadt erneuern zu wollen, um sie zu erhalten. Und im gleichen Zuge spricht sie sich für so ein Projekt aus. Das kann ich nicht nachvollziehen."

So wie die Falkenhagens denken viele Einzelhändler im Innenstadtkern. Und während es sich bei ihren Produkten um ein Alleinstellungsmerkmal handelt – die Zahl der Mitbewerber im Hut- und Mützengeschäft sei sehr überschaubar, erzählt Sabine Falkenhagen – droht in anderen Bekleidungsbranchen ein harter Konkurrenzkampf. Sowohl das Mittel- als auch das Hochpreissegment ist auf der Mönckebergstraße und dem Neuem Wall vertreten. Genau diese beiden Zielgruppen wird auch das Westfield versuchen anzusprechen. Wie kann also sichergestellt werden, dass beide Standorte auf lange Sicht überlebensfähig bleiben?

"An vielen Stellen Unmut"

Darauf eine Antwort zu finden, die möglichst alle Seiten zufriedenstellt, ist das täglich Brot von Heiner Schote. In der Hamburger Handelskammer ist er verantwortlich für das Bündnis Innenstadt, eine Interessenvertretung der City-Wirtschaft. Schote hat mit den Unternehmern ein Standpunktepapier ausgearbeitet, das gemeinsam der Politik vorgelegt wurde – gewissermaßen als Aufforderung, den Attraktivitätserhalt der Innenstadt nicht aus den Augen zu verlieren. Zwar liest sich das Papier an vielen Stellen so, als würden Innenstadtkern und Hafencity das Einkaufserlebnis in der Hansestadt Hand in Hand aufwerten wollen. Jedoch wird schnell klar: Im Mittelpunkt steht, die Koexistenz beider Bereiche sicherzustellen.

"Natürlich gibt es da an vielen Stellen Unmut", räumt Schote ein. Doch ähnlich wie Westfield-Planer Hünerbein vermutet er, dass das Überseequartier Menschen anziehen werde, die sonst nicht kämen. Gleichzeitig motiviere eine veränderte Wettbewerbssituation an vielen Stellen, den Kunden Neues zu bieten und das eigene Angebot aufzuwerten.

Der Neue Wall an einem Dienstagmittag im Februar. Gewöhnlich wäre hier zu dieser Zeit geschäftiges Treiben, in der Pandemie sind die Straßen verwaist. Doch auch in normalen Zeiten hat der Einzelhandel zu kämpfen.
Der Neue Wall an einem Dienstagmittag im Februar. Gewöhnlich wäre hier zu dieser Zeit geschäftiges Treiben, in der Pandemie sind die Straßen verwaist. Doch auch in normalen Zeiten hat der Einzelhandel zu kämpfen.
© Felix Theuerkauf

Da genügen manchmal Kleinigkeiten: Schon eine neue Straßenbeleuchtung könne Großes bewirken. Mittelfristig müsse vor allem die Verkehrsverbindung attraktiver werden. Dass Touristen den Kilometer zwischen Binnenalster und Norderelbe auf sich nehmen, daran hat Schote keinen Zweifel. Denn sie haben Zeit. Bei den Hamburgern und den Menschen aus der Region habe er jedoch Bedenken: "Sie werden sich entscheiden, ob sie in den Kern der Innenstadt oder in die Hafencity fahren."

Schote und seine Kollegen werden ab 2023 an der Frage gemessen, wie ausgeglichen die Stadtteile zusammen funktionieren. "Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Menschen beide Standorte wahrnehmen", sagt er. Konkret heißt das: vor Ort sein, Gespräche führen und verschiedene Interessen berücksichtigen, die zum Teil kaum vereinbar sein dürften.

"Die Innenstadt verträgt das"

"Die Kommunikation zwischen den Handelsakteuren in der Innenstadt und in der Hafencity wurde zwar immer wieder propagiert. Aber sie hat nicht so umfangreich stattgefunden, wie sie eigentlich notwendig gewesen wäre", sagt Ingrid Breckner. Die Stadt- und Regionalsoziologin an der HafenCity Universität Hamburg hat die Westfield-Baustelle mehr oder weniger direkt vor der Bürotür und den Prozess über Jahre beobachtet. "Alle spüren, dass es kriseln könnte. Und dass da Handlungsbedarf besteht."

Hat Mitte Oktober 2020 für immer dicht gemacht: Galeria Karstadt Kaufhof Filiale an der Mönckebergstraße
Hat Mitte Oktober 2020 für immer dicht gemacht: Galeria Karstadt Kaufhof Filiale an der Mönckebergstraße
© Frank Bründel / Picture Alliance

Breckner nahm selbst an vielen Austauschen zwischen den Akteuren teil. Als wirklich gewinnbringend habe sie die Runden allerdings nicht empfunden. "Da werden vor allem Einzelinteressen vertreten", berichtet sie. Zwar würden die Beteiligten nach außen eine gemeinsame Haltung vortragen. Es fehle jedoch ein vernünftiges Konzept, in dem eine tatsächliche Abstimmung zwischen Innenstadt und Überseequartier stattfindet.

Nicht nur im Zusammenspiel mit der Innenstadt, auch in Teilen der Hafencity selbst sorgt der Neubau für wenig Begeisterung. So hat sich eine Anwohnerinitiative gebildet, die unter anderem eine starke Verkehrsbelastung in der aktuell noch eher verkehrsarmen Hafencity befürchtet. Die Fronten zwischen der Initiative und der Stadt sind verhärtet. Der Konflikt wird inzwischen sogar vor Gericht ausgetragen. Auch Breckner wirft dem Investor vor, sich um die Stadtteil-Umgebung nicht ausreichend zu kümmern. "Alle Versuche, in irgendeiner Form mit dem lokalen Kontext zu agieren, haben bislang nicht gefruchtet", gibt sie zu bedenken.

Laut der Wissenschaftlerin sei das Westfield in dieser Form auch gar nicht gewollt gewesen. Das Projekt sei ein Notnagel, die Entscheidung für den französischen Investor Unibail-Rodamco-Westfield fiel nach jahrelanger Suche. Man wollte und konnte das Grundstück nicht länger leer stehen lassen. "Dieser Investor ist nur zum Zug gekommen, weil die ursprüngliche Planung, kein Einkaufszentrum zu errichten, sondern den Handel auf der Straße zu lassen, nicht funktionierte", weiß Breckner. Die Stadt Hamburg – vertreten durch die HafenCity GmbH, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft – habe immer wieder die Forderung hochgehalten, dass dieses Projekt mehr als nur Einkaufsmöglichkeiten bieten müsse. Deswegen werde es dort auch Wohnungen und Hotelflächen geben.

Ursprüngliche Idee: Einkaufsstraße statt Shoppingmall

Doch der Investor Unibail-Rodamco-Westfield ist eigentlich ein Entwickler von geschlossenen Einkaufszentren. "Die Ursprungskonzeption der HafenCity GmbH, kein Kaufhaus zu bauen, sondern eine Einkaufsstraße zu planen, war die richtige", sagt Breckner rückblickend. Im Interesse der Stadtentwicklung sei eine differenzierte Einzelhandelsstruktur, die nicht unter einem Dach ist, besser. "Weil das öffentliche Räume und Frequenz schafft, die sichtbar ist. Einkaufszentren saugen die Menschen rein und stehen unter einem Reglement des Betreibers."

Blick elbabwärts aus der Vogelperspektive auf die Großbaustelle in den HafenCity
Blick elbabwärts aus der Vogelperspektive auf die Großbaustelle in den HafenCity
© Hanseatic Helicopters

Dieter Polkowski ist im Hamburger Amt für Landesplanung und Stadtentwicklung tätig. Seit 2005 begleitet er die Gestaltung des Westfield Überseequartier, kennt das Grundstück und all die Querelen um den Shopping-Komplex wie kaum ein anderer. Die Vorbehalte gegen das Überseequartier kann er nur schwer nachvollziehen. Mit Bezug auf ein in diesem Zusammenhang erstelltes Fachgutachten sagt er: "Schaut man auf den Umsatzanteil der Innenstadt am Einzelhandel in der Stadt, dann kommt man zu dem Schluss: Die Innenstadt verträgt das."

Unterm Strich bleibe die Erkenntnis, dass für die Innenstadt der Neubau des Einkaufszentrums nicht zu schwer wiegen würde. Dass das Westfield da nicht widerspricht, ist wenig überraschend: "Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich wünsche den Partnern der traditionellen Innenstadt und uns, dass wir voneinander lernen und gemeinsam die Attraktivität Hamburgs weiter steigern", erklärt Hünerbein.

Bei all dem Streit um den Bau des Westfields bleibt die Frage: Wie wird sich das Zentrum Hamburgs nach Überstehen der Pandemie entwickeln? Heiner Schote vom Bündnis Innenstadt blickt optimistisch in die Zukunft: "Wir werden in zehn Jahren eine andere Innenstadt haben. Aber sie wird trotzdem interessant sein – wahrscheinlich sogar interessanter als heute."

Rathaus, Binnenalster und St. Petri-Kirche ziehen viele Menschen in die Innenstadt. Wie viele von ihnen werden sie künftig gegen einen Spaziergang an der Elbe eintauschen?
Rathaus, Binnenalster und St. Petri-Kirche ziehen viele Menschen in die Innenstadt. Wie viele von ihnen werden sie künftig gegen einen Spaziergang an der Elbe eintauschen?
© Felix Theuerkauf

Voraussetzung dafür sei, Veränderungen schnell zu organisieren und zu moderieren. Er kann sich vorstellen, in Zukunft bisher ungewöhnliche Nutzungswege zu gehen. "Wir müssen das als Chance sehen und könnten versuchen, wenig störende Handwerksbetriebe in die Innenstadt zu locken."

Schote denkt zum Beispiel an 3D-Technologie. An Betriebe, die kleine Mengen und wenig Lärm produzieren und kaum Lieferverkehr verursachen. Für sie könne auch eine zentrale Innenstadtlage attraktiv werden. "Da muss mit mehr Fantasie überlegt werden, wie man leerstehende Flächen füllen kann."

Neuorientierung als Notwendigkeit

Schnelles Umdenken für eine attraktive Innenstadt fordert auch Sabine Falkenhagen, eine vom etablierten Händlerstamm. Sie wünscht sich schon länger mehr Vielfalt in der Stadt: "Bei uns in der Straße gibt es eine Kneipe. Die ist jeden Abend voll. Davon müsste es mehr geben." Dazu sehnt sie sich nach mehr Geschäften für Dinge des alltäglichen Bedarfs, Gemüseläden und Fahrradwerkstätten etwa. "Die Innenstadt muss wieder ein lebenswerter Ort werden."

Ingrid Breckner von der HafenCity Universität zeichnet hingegen ein weniger optimistisches Bild von der Zukunft, sagt heftige Umstrukturierungen voraus: "Da wird alles verschwinden, was auf tönernen Füßen gestanden hat." Für sie ist die Neuorientierung keine Frage, sondern eine dringende Notwendigkeit. "Es wird eine neue Konzeption dafür geben müssen, welche Funktion die Innenstadt für die Gesamtstadt einnehmen soll." Dass das klassische Innenstadt-Modell ganz überflüssig werden könnte, befürchtet sie – wie auch die anderen Akteure – jedoch nicht.

Interessant wird künftig das ohnehin schon hart auf die Probe gestellte Zusammenspiel von Einkaufszentren und Einkaufsstraßen. "Die Center müssen mit Sensibilität für die Einkaufsstraßen entwickelt werden", sagt Breckner. Vor allem sollten Doppelt- und Dreifachbelegungen verhindert werden: Ein Herrenausstatter auf der Straße und zusätzlich im Einkaufszentrum sei einer zu viel. "Wenn die eine Seite Kundenbringer für die andere ist, dann kann das funktionieren."

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