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Hafenstadt Hamburg Von großen und kleinen Schiffen: "Die Existenz der Branche ist gefährdet"

Autokonzert am Kreuzfahrtterminal: Auftritt des Musikers Max Giesinger im Juni 2020 in Steinwerder
Autokonzert am Kreuzfahrtterminal: Auftritt des Musikers Max Giesinger im Juni 2020 in Steinwerder
© Picture Alliance
Kreuzfahrtschiffe und Barkassen liegen fest vertäut, niemand darf mit ihnen fahren. Die Corona-Pandemie trifft die touristische Schifffahrt und ihre Mitarbeiter hart. Doch es gibt auch positive Veränderungen.
Von Ekaterina Ragozina und Svenja Tschirner

Der Parkplatz des Cruise Center Steinwerder füllt sich zügig, die Stimmung ist ausgelassen, Getränke, Popcorn und Brezeln werden verkauft. Der Beginn einer aufregenden Kreuzfahrt? Nein, der Parkplatz hat jetzt eine neue Bestimmung: Im Corona-Jahr 2020 finden hier Autokonzerte und -kinos statt. Und auch wenn noch zwei Kreuzfahrtschiffe der Aida-Reederei vor Ort liegen, sie nehmen keine Gäste auf. Nur noch Eine Rumpfmannschaft ist an Bord.

"Mitte März des vergangenen Jahres haben wir die Kreuzfahrtsaison unterbrechen müssen", teilt die Pressestelle von Aida Cruises mit. Innerhalb weniger Tage seien alle Gäste der Schiffe aus den weltweiten Destinationen gesund und sicher nach Hause gebracht worden. "Auch die Crews konnten wir mit einer erheblichen Kraftanstrengung in ihre Heimatländer zurückbringen", erklärt die Kreuzfahrtgesellschaft.

Erst am 17. Oktober 2020 konnte das erste Aida-Schiff wieder in See stechen. Doch mit dem erneuten Shutdown musste das Unternehmen alle Reisen im Januar und Februar 2021 wieder absagen. Seitdem warten Flotte und Mannschaften auf einen Neubeginn.

Halbvoll oder halbleer?

Etwas anders ist die Situation bei der Konkurrenz von Tui Cruises: Zwar konnten auch dort nach dem Stillstand im März nur wenige der geplanten Kreuzfahrten stattfinden. "Tui Cruises ist mit der 'Mein Schiff'-Flotte jedoch weltweit die einzige Reederei, die nach dem Stillstand im Frühjahr ab Juli 2020 mit strengem Gesundheits- und Hygienekonzept durchgehend mit mindestens zwei Schiffen unterwegs war", erklärt Pressesprecherin Godja Sönnichsen.

Auf den Schiffen der "Mein Schiff"-Flotte sei die Passagierkapazität auf maximal 60 Prozent begrenzt, damit die an Land üblichen Abstandsregeln auch an Bord eingehalten werden können, so Sönnichsen. Bei Konkurrent Aida lag die Passagierkapazität bei etwa 50 Prozent.

Im Hamburger Hafen brachen die Zahlen der Kreuzfahrten durch die Corona-Pandemie dramatisch ein. Von den über 200 für 2020 erwarteten Kreuzfahrten konnten gerade einmal 83 stattfinden, mit etwa 77.000 Passagieren. Im Jahr 2019 waren es mehr als 200 Kreuzfahrtschiffe und über 810.000 Gäste, berichtet Simone Maraschi, Geschäftsführer von Cruise Gate Hamburg. Die GmbH ist unter anderem zuständig für den Betrieb der Hamburger Kreuzfahrtterminals und die Vergabe von Liegeplätzen.

Große Verzweiflung an Bord

Im Hamburger Hafen lagen im vergangenen Jahr teilweise bis zu zehn Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig – zwar ohne Passagiere, aber doch keinesfalls leer. Die Crews, deren Mitglieder überwiegend von den Philippinen, aus Indien oder Indonesien kommen, blieben an Bord. Längere Zeit konnten sie das Schiff, teilweise sogar die Kabinen, nicht verlassen. Einige der Seeleute saßen drei oder vier Monate im Hamburger Hafen fest und auch wenn sie die Passagierkabinen und gelegentlich den Swimmingpool oder die Fitnessräume nutzen durften, war die Lage für das Personal nervenaufreibend, sagt Markus Wichmann von der Deutschen Seemannsmission.

Die Crews mussten auch lange in den Häfen ausharren, da der Flugverkehr mit Beginn der Pandemie im März drastisch eingeschränkt wurde. Airlines strichen Flüge, und teilweise wurde die Einreise in die Herkunftsländer verboten. "Indische Seeleute wurden dann immer wieder von einer Woche auf die nächste vertröstet", so Wichmann. Manchmal sei ein Flug für die kommende Woche angekündigt worden und wurde dann doch wieder abgesagt. Einmal am Flughafen angelangt, konnten die Seeleute jedoch nicht mehr zurück auf die Schiffe – man habe sie dann in einem Hotel untergebracht, erklärt der Seemannsbetreuer – zur Quarantäne.

"Der Reiz, dass man die Kapazitäten von den Passagieren auf dem Kreuzfahrtschiff nutzen kann, ist nach ein paar Tagen ganz schnell verflogen, wenn man auch noch Angst um die Familie in der Heimat haben muss", so Wichmann. Der Austausch mit den Angehörigen in der Ferne sei sehr schwer gewesen, besonders wegen der teuren Internetverbindung via Satellit. Hier wurden die Seemannsmissionen aktiv, indem sie die Crews entweder mit Sim-Karten oder Routern mit Internet für zehn Personen versorgten.

Dazu kamen dann noch die finanziellen Sorgen, ergänzt Wichmann. Denn die Heuer, das Gehalt, sei im Corona-bedingten Stillstand auf 60 Prozent reduziert worden. "Wir haben wirklich dramatische Situationen und viel Verzweiflung auf Kreuzfahrtschiffen gehabt. Ich glaube, allein in den Monaten Mai und Juni haben sich weltweit zehn Leute das Leben genommen", sagt Wichmann. Auch in Hamburg gab es einen Suizid an Bord.

Laut Aida und Tui Cruises konnte ein großer Teil ihrer Crews trotz restriktiver Einreisebestimmungen in ihre Heimat gebracht werden – unter anderem mit Charterflügen. Die Crewmitglieder, die zur Sicherung des nautischen Schiffsbetriebs an Bord blieben, seinen bei Aida in Einzelkabinen gezogen. Auch auf der "Mein Schiff"-Flotte von Tui Cruises konnte die Crew, soweit möglich, Gästekabinen nutzen. Der Besatzung beider Flotten seien zudem kostenlose Internetpakete sowie Freizeit- und Weiterbildungsangebote zur Verfügung gestellt worden.

Doch auch wenn die Reedereien einen Großteil der Crews wieder in ihre Heimatländer bringen konnten, bleibt die Situation der meisten Seeleute schwierig: "Sie müssen nun auf Folgeverträge warten, da ihre Verträge nur die neun Monate auf See gültig sind", sagt Wichmann von der Seemannsmission.

Hamburgs Pionierrolle in der Corona-Krise

Dass überhaupt so viele Kreuzfahrtriesen in Hamburg liegen konnten, verdanken die Reedereien der besonderen Rolle des Hafens im ersten Corona-Jahr 2020. Er war einer der wenigen weltweit, der immer offen blieb. Dadurch konnten einige Reedereien ihre Schiffe dort auflegen, also die Fahrt pausieren, erklärt Birte Pyczak von Hamburg Cruise Net, einem Verein, der als Imagebotschafter der Kreuzschifffahrt in Hamburg fungiert.

Es war auch der Hamburger Hafen, in dem der Neustart der Kreuzfahrtbranche ab Mitte April 2020 vorbereitet wurde. Ende Juli habe Hamburg als einer der ersten Kreuzfahrthäfen weltweit den Betrieb wieder aufgenommen, erklärt Simone Maraschi von Cruise Gate Hamburg. "Hamburg fungiert daher mit seinem Konzept des Neustarts international als Vorbild für andere Häfen, die ebenfalls einen Restart planen", sagt Maraschi. Cruise Gate habe nach dem Neustart an verschiedenen virtuellen Branchentreffen teilgenommen, dort über die gesammelten Erfahrungen berichtet und sich mit anderen Häfen ausgetauscht.

Auf dieser Karte sind die Adressen der in diesem Artikel genannten Barkassenunternehmen (dunkelblau) sowie die der vier Kreuzfahrtterminals (dunkelrot) zu sehen. Hier der Link zu Google Maps.

Die Barkassen: "Zweimal im Berufsverbot"

Vertäut an den menschenleeren Landungsbrücken liegende Barkassen
Vertäut an den menschenleeren Landungsbrücken liegende Barkassen
© Juergen Tap / Picture Alliance

Einen Neustart für ihre Schiffe wünschen sich auch die Barkassenunternehmer sehnlich. Sie mussten ebenfalls von Mitte März bis Mitte Mai und ab dem 2. November erneut in den Shutdown gehen. "Da sind wir im Prinzip zweimal im Berufsverbot", beschreibt Knut Heykena vom Hafenschifffahrtsverband. Der erste Shutdown im Frühjahr 2020 wurde zur Osterzeit verhängt, etwa zu der Zeit als man feierlich den 831. Hafengeburtstag begehen wollte.

"Das sind natürlich die Termine, an denen auch das Geld verdient wird", so Heykena. Hafenrundfahrten seien ein Saisongeschäft, die Hauptsaison liege zwischen Ostern und Oktober. "Der erste Teil der Saison mit den ganzen langen Wochenenden ist weggefallen. Und dann in den Sommerferien waren die Touristenzahlen auch nicht so wie in den Vorjahren. Von daher, ja, das Geschäft mit der Hafenrundfahrt in Hamburg war dieses Jahr schlecht."

Auf die wichtige, für Hamburg identitätsstiftende Rolle des Bootsbetriebs verweist Sascha Albertsen von Hamburg Tourismus. "Wir reden in der Krise ganz viel darüber, was systemrelevant ist. Für die Identität einer Stadt und die Lebensqualität gehören in jedem Fall auch Barkassenunternehmen, Gastronomiebetriebe oder Kultureinrichtungen dazu."

Harte Realität und düstere Vorhersagen

Doch die Prognose für die identitätsstiftenden Boote ist düster – verschwinden die Barkassen bald von den Hamburger Postkartenmotiven? "Ich glaube, dass die Existenz der Branche gefährdet ist, wenn der Lockdown weiter anhält", sagt Cybulski, Geschäftsführer der Rainer Abicht Elbreederei. Keine Hilfe des Staates könne die Verluste der Unternehmen dauerhaft decken, denn die Instandhaltung der Fahrgastschiffe, Barkassen, Gehälter und Mieten verursache große Kosten.

"Wir können jetzt über einen Umsatzverlust von etwa 55 Prozent im Laufe eines Jahres sprechen. Für das Jahr 2021 kann ich noch keine Vorhersagen machen." Das bestätigt auch Knut Heykena: "Unsere Mitglieder erzählen, dass sie im Sommer nur 30 bis 50 Prozent ihres normalen Umsatzes gemacht haben."

Hilfe in der Not

Die Rainer Abicht Elbreederei habe alle Unterstützungsmöglichkeiten in Anspruch genommen, die der Bund für Unternehmen bietet, so Cybulski. Dennoch wünscht er sich, dass die Prüfung der Anträge etwas schneller ginge und dass die Corona-Hilfen zeitnah in den Unternehmen ankämen.

Auch die Barkassen von Hubert Neubacher liegen seit Monaten im Hafen. Der Inhaber von Barkassen Meyer kam vor etwa 30 Jahren aus Österreich in die Hansestadt, seit 2013 gehört ihm der Betrieb. Neubacher berichtet, sein Unternehmen habe im ersten Lockdown Soforthilfe von der Stadt Hamburg erhalten. Zudem erhielt der Barkassenbetreiber Überbrückungshilfen I und beantragte Überbrückungshilfen II, sowie die 75%-Novemberhilfe. Für 2021 wurden bereits weitere Gelder beantragt. Seine Mitarbeiter sind seit März 2020 in Kurzarbeit, "je nach Jahreszeit voll oder auf 50 Prozent - was insgesamt für den Erhalt der Arbeitsplätze unserer teils langjährigen Mitarbeiter sorgt", so Neubacher.

Der leere Steg an den Ladungsbrücken mit den geschlossenen Verkaufsflächen einiger Barkassenunternehmen.
Der leere Steg an den Ladungsbrücken mit den geschlossenen Verkaufsflächen einiger Barkassenunternehmen.
© Ekaterina Ragozina

Tobias Haack, Vorstandsmitglied beim Tourismusverband Hamburg, muss sich zwar keine Sorgen um die Auszahlung von Gehältern oder eine finanzielle Schieflage der Firma machen, da er zwei städtische Unternehmen betreut. Mit Blick auf seine Kollegen in anderen Unternehmen räumt er jedoch ein: "Als Vorstandsmitglied im Tourismusverband weiß ich, dass vielen Unternehmen das Wasser bereits nicht mehr nur bis zum Hals steht." Die versprochenen Hilfsgelder flössen einfach nicht und es würden von der Politik auch weitere Einschränkungen hinsichtlich der Empfangsberechtigung gemacht. "Das ganze Verfahren ist einfach viel zu langsam und zu bürokratisch. Für viel werden die Hilfsgelder zu spät kommen."

Haack ist auch Vorstand der Hadag – eine der wenigen Gesellschaften, deren Schiffe noch fahren können – und Geschäftsführer der Alster-Touristik GmbH (ATG), einer Schwestergesellschaft der Hadag. Die ATG betreibt die weiß-roten Ausflugsdampfer auf der Alster. Sie musste ihren Fahrtbetrieb im November erneut einstellen und Hilfen beantragen. Für viele Mitarbeiter konnte aber immerhin über Leiharbeitsverhältnisse die Beschäftigung gesichert werden, sie fahren jetzt Schiffe der Hadag oder Busse der Hochbahn.

Hoffung auf baldige Rückkehr zu alten Zeiten: Zwei Barkasse schippern durch die Speicherstadt
Hoffung auf baldige Rückkehr zu alten Zeiten: Zwei Barkasse schippern durch die Speicherstadt
© McPhoto/C. Ohde / Picture Alliance

Knut Heykena vom Hafenschifffahrtsverband berichtet, um den Betrieben zu helfen, habe der Senat beschlossen, dass alle Hamburger Behörden und Firmen mit Stadtbeteiligung den betroffenen Unternehmen bezüglich der Mieten, Pachten oder Liegegelder nach Möglichkeit entgegenkommen sollen.

"Wir fordern, dass alle Hafenkosten geprüft werden. Wenn der Lockdown weiter anhält, werden die bisherigen Hilfen etwa beim Hafengeld nicht ausreichen", so Heykena. Und er appelliert schon jetzt an die Touristen: "Wenn Sie alle wieder dürfen, kommen Sie in den Hafen und machen Sie eine Hafenrundfahrt!"


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