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Harz: Adrenalinrausch im Rentnerparadies

Im Harz wird nur gewandert - und das vor allem von älteren Leuten: So lautet ein gängiges Klischee. Aber auch junge Leute kommen in dieser Region auf ihre Kosten.

Von Kai Behrmann

Klischees sind hartnäckig. Der Harz ist ein gutes Beispiel dafür, wie groß der Unterschied zwischen öffentlicher Wahrnehmung und der Realität sein kann. Nach wie vor gilt die Region im Dreiländerdreieck zwischen Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt als Lieblingsziel für wanderlustige Rentner. Dabei wird vergessen, dass der Harz auch für junge Leute einiges zu bieten hat.

So zum Beispiel Klettern in luftiger Höhe. Der Hochseilpark in Bad Harzburg zählt zu den größten und vielfältigsten in ganz Deutschland. In zehn Metern über dem Boden lädt er dazu ein, die persönlichen Grenzen auszuloten und Ängste zu überwinden. Wo sonst Unternehmen gerne ihre Mitarbeiter hinschicken, um deren Teamfähigkeit und Mut zu testen, haben auch Privatpersonen die Möglichkeiten, sich dem Rausch der Höhe hinzugeben.

Sicherheit durch Dialog

Bei allem Nervenkitzel steht jedoch die Sicherheit an erster Stelle. Bevor es auf die zehn Meter hohe Holzplattform geht, erklärt Outdoor-Trainerin Nadine Greiner ausführlich, worauf man achten muss. Immer wieder weißt sie die mutigen Kletterer darauf hin, dass man sich vor jedem Schritt auf dem Höhenparcours erst mit dem Partner verständigen muss. Was einem mit sicherem Boden unter den Füßen noch als übertriebene Vorsicht erscheint, macht plötzlich Sinn, als man oben, fast auf einer Augenhöhe mit den Baumkronen, auf einem dünnen Drahtseil balancierend zitternd einen Fuß vor den anderen setzt.

Obwohl jeder Teilnehmer mit zwei Gurten doppelt an dem über den Köpfen verlaufenden Drahtseil gesichert ist, hört man eine ängstliche Frage immer wieder: "Darf ich meinen ersten Sicherheitsgurt lösen und ihn umhängen?". Wurde diese Frage mit Ja beantwortet, so wiederholt sich das gleiche Spiel mit dem zweiten Gurt. Zentimeter für Zentimeter bewegt man sich dann auf Seilen, Stämmen und Holzbalken, die sternförmig von der Mittelplattform des Hochseilparks ausgehen, vorwärts. Lächelnd steht Nadine Greiner daneben und beobachtet, wie sich erwachsene Menschen plötzlich wie Kinder freuen, wenn sie, ohne zu stürzen, erfolgreich über ein Hindernis balanciert sind. "Bei Managern oder Mitarbeitern von Unternehmen ist unser Hochseilpark nicht so beliebt, weil oft ein Zwang dahinter steckt", so die 26-Jährige. "Bei Privatpersonen, die sich freiwillig darauf einlassen, ist das natürlich ganz anders."

Zu schweren Unfällen ist es in Bad Harzburg beim Klettern zum Glück noch nicht gekommen. In den 1990er Jahren sei die Outdoorbranche, allen voran das Free-Climbing, sehr im Kommen gewesen, berichtet Greiner. Anfangs gab es ein riesiges, kaum zu überschauendes, Nebeneinander von seriösen und nicht seriösen Anbietern. Jetzt allerdings habe sich langsam die Spreu vom Weizen getrennt. "Wenn es irgendwo zu massiven Sicherheitslücken oder sogar zu schwerwiegenden Unfällen gekommen ist, dann spricht sich das sofort rum und der Ruf des betreffenden Anbieters ist nachhaltig ruiniert", unterstreicht die Outdoor-Trainerin den Faktor Sicherheit. Wer seinen Bedarf an Adrenalinstößen nach einem Besuch des Hochseilparks in Bad Harzburg fürs erste gestillt hat, der kann seinen Puls anschließend in der Loipe beim Skilanglauf wieder auf den Normalwert bringen und dabei in aller Ruhe das genießen, wofür der Harz vor allem bei älteren Menschen so beliebt ist: Unberührte Natur, endlose Wanderwege und schneebedeckte Bäume so weit das Auge reicht.

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