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Kofferversteigerung: Parka und pinkfarbene BHs unterm Hammer

Lost & Found: Auf einer Auktion im Auftrag der Lufthansa kann man ersteigern, was andere beim Flug verloren haben - von der einfachen Reisetasche bis zum teuren Koffer. Welche Schätze sich im Gepäck verbergen, erfährt man erst, nachdem der Hammer bereits gefallen ist.

Von Roland Brockmann

Zunächst die Warnung: Geld oder Drogen seien in den Gepäckstücken ganz sicher nicht mehr zu finden, die habe der Zoll nämlich bereits aussortiert. Birgit Wendt hat sich hinter ihrem kleinen Pult positioniert. Mit Wasser und Kaffee wohl gerüstet für ihre anstehende Daueranpreisung, vor allem aber mit einem Sprayfläschchen Spezialmedizin für Auktionatoren: Kamillosan, "das hält die Stimme geschmeidig", sagt Birgit Wendt.

Potsdam, Bahnhofspassagen. Punkt 12 Uhr. Hinter der Dame stapeln sich Koffer und Taschen, Kinderwagen und Tüten aus Plastik, Papppakete und Sperrgut - ganz oben ragt aus dem Gepäckberg sogar ein Rollstuhl. Schon erstaunlich, was Menschen unterwegs so alles verlieren. Wie mag der Besitzer des Rollstuhls wohl heim gekommen sein? Wie brachten die Eltern ihr Baby ohne Buggy vom Flughafen nach Hause? Und für welches Auto war der aufgegebene Autoreifen bestimmt? Hinter jedem Utensil verbirgt sich eine kleine Geschichte.

Die Katze im Sack ersteigern

Jetzt aber muss vor allem der Berg aus rund 500 Gepäckstücken abgearbeitet werden. Dafür benutzt die Auktionatorin ihren kleinen Holzhammer: zum ersten, zum zweiten, wer bietet mehr? Bei 91 Euro wandert ein schwarzer Trolley an Angela Kombartzky. Was sich darin verbirgt, weiß sie nicht. Koffer werden stets ungeöffnet versteigert. Das sorgt für Spaß und Spannung bei der Auktion: Ein Gepäckstück mag von außen schäbig wirken, aber drinnen kleine Schätze bergen. Ein schicker Hartschalenkoffer hingegen nur muffig riechende Handtücher oder ungewaschene Socken.

Der Inhalt verrät etwas über den Reiseweg des ehemaligen Besitzers. Was auf dem Hinflug verloren ging, ist meist sauber gepackt, auf dem Heimweg verlorenes eher chaotisch. Vor der Abreise wird in aller Eile oben noch die nasse Badehose auf die dreckige Unterwäsche gepresst. Grundsätzlich steckt in den Koffern eben genau das, was Reisende so transportieren: vom Föhn über Elektrorasierer bis hin zu Badelatschen, BHs oder Bikinis. Hochkarätige Diamanten eher selten - obwohl sich durchaus auch Schmuck in den Fundstücken befinden kann. Oder private Kleinode, vom ehemaligen Besitzer schwer vermisst, für neue Besitzer aber völlig ohne Wert.

Überraschender Fund in der Seitentasche

Was der schwarze Trolley an Überraschungen birgt, wann und wo das Gepäckstück verloren ging, weiß Angela Kombartzky nicht. Die füllige Rentnerin aus Berlin-Schöneberg ist an dem Behälter selbst interessiert. Nun steht er vor ihr, in tadellosem Zustand. Die Rentnerin wird doch neugierig, was er in sich birgt. Ihre rot lackierten Finger gleiten in die Seitentasche - und fördern eine Digitalkamera zutage. Welch unvermutete Wertsteigerung des Objekts!

Der Rest des Inhalts allerdings enttäuscht: ein blauer Overall, ein elektronisches Messgerät in lederner Schatulle, daneben schwere Arbeitsschuhe mit Stahlkappen. Die zwischen den Klamotten gelagerte Flasche entpuppt sich leider nicht als Whisky, sondern als kalt gepresstes Olivenöl. "Schade", so Angela Kombartzky. Immerhin der dicke Pullover, Größe 60, könnte ihrem Lebensgefährten passen. Die Hälfte des Inhalts wird die neue Eigentümerin wegschmeißen.

Was aber erzählen die Sachen über ihren ehemaligen Besitzer? Im Urlaub war der kaum, eher auf Montage. Neben einem soliden Koffer hat er wenig verloren, außer der Kamera. Auch die lässt sich ersetzen, aber kaum die Bilder auf dem Speicherchip. Sie würden noch viel mehr über den vermeintlichen Monteur erzählen, aber dieses letzte Geheimnis hebt sich die Rentnerin für zuhause auf.

Viele Gerüche, wenig Brauchbares

Insgesamt geht übrigens sehr wenig verloren: Jedes Jahr transportiert die Lufthansa etwa 80 Millionen Passagiere, die im Schnitt 1,5 Gepäckstücke mit sich führen. Macht 120 Millionen Koffer, Taschen oder auch Surfboards. Aber bei nur 15.000 ist der einstige Besitzer nicht mehr zu ermitteln. Nach der gesetzlichen Aufbewahrungsfrist von drei Monaten wandern die unzustellbaren Gepäckstücke zur Versteigerung. Der Erlös wird auf ein Sonderkonto eingezahlt, abzüglich 19 Prozent Provision für das Auktionshaus. Bis zur Versteigerung kann man sein verlorenes Gepäck zurückverlangen. Doch ab und an tauchen Leute bei Auktionen auf, die behaupten, der Koffer dort gehöre doch ihnen. Können die das wirklich nachweisen, gibt Frau Wendt das Stück zurück zu Lost & Found, wo der Besitzer es dann abholen kann.

Warum gelangen 15.000 Stücke nicht zu ihren ursprünglichen Besitzern? Manchen mag der Aufwand einfach zu groß sein, oder die Besitzer leben im Ausland; Gepäck geht ja vor allem beim Umsteigen verloren. Andere streichen lieber die Versicherungssumme ein. So wie vielleicht auch der Ex-Besitzer des silbernen Rollkoffers, den Silke Müller aus Potsdam für 65 Euro ersteigert hat. Von weitem sah er gut aus. Nun, wo er vor ihr steht, entdeckt Silke Müller ein Loch in der Hartschale. So ein Ärger. Der Nachteil der Versteigerung: Man kann die Gegenstände vorher nicht aus der Nähe begutachten.

Da bleibt nur noch der Inhalt. Doch auch der enttäuscht: Ganz oben liegt ein alter Parka, darunter jede Menge Wollklamotten minderer Qualität. Neugierig schnüffelt der Hund von Frau Müller im offenen Koffer. Scheinbar viele Gerüche, aber nichts Brauchbares kommt zum Vorschein, nur ein Kinderbuch in fremder Sprache. Nein, auch damit könne sie nichts anfangen. "Das werfe ich alles weg." Da will man nicht mal mehr wissen, welche Reisegeschichte hinter dem verloren Koffer liegt. "Pech, kann man nichts machen", sagt Silke Müller.

Sexy Stilettos und pinkfarbene BHs

Anne und Martin Hoboru, ein junges Pärchen, eigens aus Hamburg zur Kofferversteigerung angereist, gehen etwas taktischer vor: Für 55 Euro ersteigern sie einen Trolley, dem zwar schon eine Laufrolle fehlt, der dafür aber ungewöhnlich viel wiegt. Und das macht sich bezahlt: Drinnen findet sich ein neues Nokia-Handy mit allem Zubehör. Der ganze Koffer ist dicht gepackt mit Kosmetika und Mitbringsel für Kinder: eine noch eingeschweißte Barbiepuppe, halbaufgepumpte Fußbälle und ein komplette Schrankwand für die Puppenstube. Die Frauensandalen Größe 37 dürften Anne Hoboru allerdings kaum passen. "Der Koffer gehörte bestimmt einer süßen kleinen Thailänderin", mutmaßt sie; nicht nur wegen der Schuhgröße, sondern auch am Grad des kitschigen Inhalts gemessen.

Die Hamburger sind zufrieden. Frau Wendt dirigiert derweil mit ihrem Hammer in der Luft: Zur Unterhaltung des Publikums zaubern ihre beiden Assistentinnen aus Reisetaschen schon mal einzelne Utensilien - sexy Stilettos etwa oder pinkfarbene BHs. Dann geht ein Johlen durchs Publikum. Aber die allgemeine Krise macht sich auch beim Lost & Found bemerkbar. Es wird weniger geflogen, weiß Auktionatorin Wendt, also auch weniger verloren.

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