Kommentar Evian? Ein unzumutbares Risiko!


Haben Sie sich am Flughafen auch schon mal so richtig sicher gefühlt, weil der Typ vor Ihnen seine Nagelfeile abgeben musste? Ja, das beruhigt. Ab Montag wird's noch besser. Dann bleibt auch die gefährliche Evian-Flasche draußen.
Von Thomas Borchert

Ab Montag ist endlich auch das Mitnehmen von Flüssigkeiten an Bord von Flugzeugen verboten, wenn’s mehr als 100 Milliliter sind. Und selbst die nur unter bestimmten Bedingungen. Ein Glück, denn jeder weiß ja, dass neulich von London aus gleich mehrere Flugzeuge aus der Luft gejagt werden sollten mit Sprengstoffen, die Terroristen an Bord aus mitgebrachten Flüssigkeiten zusammen mischen wollten. Jetzt ist bei Augentropfen und Babynahrung Schluss - Ihre Evian-Buddel können Sie zu Hause lassen. Die wäre ein unzumutbares Risiko. Ohne Wasser endlich richtig sicher fühlen!

Warum mache ich mich lustig (Sie haben's hoffentlich gemerkt) über diese so sinnvoll klingenden Maßnahmen zu unserer aller Sicherheit? Weil ihr Nutzen in keinem Verhältnis zum Aufwand und zu den Gefahren steht. Weil sie nichts bringen. Zumindest nicht für die Sicherheit.

Wenn nicht Flüssigkeiten, dann vielleicht Akkus

Warum nicht? Zum einen sind da immer wieder und regelmäßig die Berichte von Überprüfungen der Durchsuchungen an Flughäfen. Und immer wieder kommen die Tester durch. Nicht mit Kleinkram, mit Nagelfeilen oder Zahnstochern. Sondern mit ausgewachsenen Messern, mit Pistolen und Sprengstoff. Zum anderen: Es gibt immer einen Weg für Terroristen, die Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen. Wenn etwa derzeit das Augenmerk auf Flüssigkeiten liegt, dann lässt sich bestimmt noch etwas mit den Akkus von Notebooks anstellen - die sind nämlich für Röntgenanlagen relativ undurchsichtig.

Ist die Schlussfolgerung also, ganz auf Sicherheitskontrollen zu verzichten? Nein, sicher nicht. Aber dem Unsinn müssen Grenzen gesetzt werden. Die Piloten, die ebenso wie ihre Passagiere nach Waffen durchsucht werden, setzen sich anschließend in ihrem Cockpit neben eine große, gesetzlich als Notfallausrüstung vorgeschriebene Axt und haben jede Möglichkeit, ihr Flugzeug irgendwo rein zu fliegen. Ihre Durchsuchung ist absurd. Eine Durchsuchung der Passagiere nach "normalen" Waffen ist sicher sinnvoll. Aber ein Flüssigkeitsverbot, wenn Experten versichern, dass es solche aus Flüssigkeiten mal eben zusammenmischbaren Sprengstoffe gar nicht gibt? Das ist Unsinn.

Mehr Kontrolle ist nicht zwangsläufig gut

Wir werden das Risiko eines Terroranschlags selbst dann nicht verhindern, wenn die zahlenden Kunden der Fluggesellschaften vollends zum "self-loading cargo", zur selbst-ladenden Fracht, gemacht werden, am liebsten nackt und während des Fluges betäubt. So zynisch das klingen mag: Nichts im Leben ist ohne Risiko - und die Risiken des Flugverkehrs sind selbst unter Einrechnung von 9/11 noch deutlich geringer als die von vielem alltäglichen, die wir ohne Zögern machen: Autofahren etwa, oder Rauchen.

Wem also bringen solche "Sicherheitsmaßnahmen" etwas? Da sind zu allererst die Politiker. Die sehen nämlich richtig gut aus, wenn sie im Fernsehen verkünden, dass sie tätig gewesen sind, um die Sicherheit ihrer Bürger zu erhöhen. Mehr Kontrolle, das heißt dann auch: Mehr Geld und Personal für das zuständige Ministerium, mehr Macht für den zuständigen Minister. Und solch Aktionismus ist auch noch PR vom feinsten. Denn wir Bürger fallen drauf rein: Ah, mehr Kontrolle, kann nur gut sein.

Ist sie aber nicht. Denn schleichend lassen wir uns gefallen, immer mehr unter Generalverdacht gestellt zu werden. Die Unschuldsvermutung, die davon ausgeht, dass ein Bürger bis zum Beweis des Gegenteils unbescholten ist, wird umgekehrt: Auf einmal ist jeder Terrorist - bis die Unschuld bewiesen ist. Per Durchsuchung, per Überwachung, per Kontrolle - ja, wo soll Schluss sein, im Namen der heiligen Sicherheit?


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