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Mecklenburgische Seenplatte: Männerglück auf dem "Mississippi"

Endlich frei sein, wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Auf dem Floß ziellos über die Mecklenburgische Seenplatte treiben. Ein großes Jungs-Abenteuer - mit Doseneintopf, ohne Frauen.

Von Holger Witzel

Eine Kaution? Verkehrsregeln? Auch von Übergabeprotokollen steht eigentlich nichts bei Mark Twain, unserem Reiseführer. Im Gegenteil: "Frei und leicht" sollen wir uns fühlen, oder wie es sein Held Huckleberry Finn ausdrückt: "Wir sagten uns, dass es kein schöneres Heim gäbe als ein Floß." Doch Thomas John zählt erst mal die Löffel.

Zwei Anker, vier Teller, Vorfahrt für Paddelboote. Für alles will der Mann von World-of-Tom-Sawyer-Tours eine Unterschrift. Kinder müssen Schwimmwesten anziehen, Erwachsene eine Proberunde vorführen. Die ersten Manöver mit anderthalb Tonnen Holz kosten einiges an Nerven, auch Herrn John. Doch dann dürfen wir endlich allein los.

Wir haben einen Jungs-Traum gechartert, ein echtes Abenteuer, alles genau wie in den Geschichten von Tom und Huck, so haben wir es den Kindern versprochen und verlangt, dass die Gameboys zu Hause bleiben. Dafür überprüfen sie nun jedes Wort der romantischen Vorlage, denn Mark Twain ist natürlich auch mit an Bord.

Abschied von der Wirklichkeit

"Ich fühlte mich erst wohler, als wir zwei Meilen unterhalb in der Mitte des Mississippi trieben", lesen sie, während wir uns noch vorsichtig durch einen engen Kanal tasten. Indianerzelte ziehen am Ufer vorbei, vermutlich ein Ferienlager, aber wer weiß? Denn als sich vor uns der Labussee öffnet wie ein breiter Strom, sind es tatsächlich nicht mehr nur zwei Autostunden bis Hamburg oder Berlin. Wir verabschieden die Wirklichkeit.

Die Mecklenburgische Seenplatte wird zum Mississippi, Ringelnattern tauchen als schwimmende Klapperschlangen im Schilf auf, Schwäne sind Alligatoren, und weil alle anderen Tom oder Huck sein wollen, bleibt für den Fotografen nur die Rolle des "Nigger Jim".

Natürlich darf man selbst Fotografen und entlaufene Sklaven heute nicht mehr so nennen. Die kleinen Hucks wissen das auch, aber freuen sich trotzdem über jede Regieanweisung des romantischen Drehbuchs, bei der die Großen zusammenzucken. "Wir zündeten unsere Pfeifen an und plauderten über alles Mögliche. Wir waren immer nackt, Tag und Nacht." Nicht alles lässt sich wörtlich umsetzen. Aber immerhin tragen wir Strohhüte.

Entlaufene Alltagssklaven

Den Gasgriff voll aufgedreht, überholen wir mit Mühe zwei weiße Alligatoren. Während einer der großen Hucks auf seinem Floß namens "St. Paul" die Pinne schon lässig mit einem Bein fixiert und auf seinem Banjo klimpert, muss ich auf den ersten Kilometern immer noch an die Kaution denken.

Angeblich sind die Flöße unsinkbar. Ein ehemaliger Hamburger Tischler hat sie entworfen, seit sieben Jahren werden sie an entlaufene Alltagssklaven wie uns vermietet. Zwei unsichtbare Kunststoff-Schwimmkörper mit mehreren Kammern tragen eine Aluminiumkonstruktion, die rundum mit rustikalen Brettern verkleidet ist. Darauf steht eine Hütte aus Pfosten und Zeltplanen. Zur Ausstattung gehören Gaskocher und Geschirr, ein Wasserkanister und eine Trockentoilette mit schwarzen Plastikbeuteln, alles in zwei Bordkisten verstaut. Für den kleinen Außenbordmotor mit fünf PS ist kein Führerschein nötig. Wir selbst haben nur Schlafsäcke und Angeln dabei, für den Notfall Eintopf in Dosen und - das vor allem - keine Frauen.

Eine Flucht auf dem Floß, so viel kann man vorsichtig sagen, ist Männersache. Egal, ob man wie Huck vor der fürsorglichen Witwe Douglas und dem fiesen Indianer Joe abhaut oder nur für ein Wochenende nach Mecklenburg. Die gute Witwe, Tante Polly oder Mama hätten sicher etwas gegen Arschbomben vom Dach der Hütte und ständig Sorgen, was mitten in der Nacht, mitten auf dem See sonst noch passieren könnte. Gar nicht zu reden von dem zweifelhaften Klo.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, warum Maisbrot und Kohl besser als Linsen und Bohnen sind

Bohneneintopf statt Angeln

Wir könnten bis Rheinsberg tuckern, nach Fürstenberg oder gar nach Berlin. Mehrere Hundert Seen reihen sich in jeder Richtung aneinander, Havel oder Müritz - aber warum? Ein Ziel zu haben widerspricht unserem Ziel. Mit jeder Stunde wächst der Huck in uns. Lieber lümmeln wir den ganzen Tag auf den warmen Holzplanken herum, finden am Ufer eine geschützte Bucht, binden das Floß an einen umgestürzten Baum und springen ins Wasser, bis zwischen den älteren Rumtreibern erst mal ein Streit über legale Nahrungsbeschaffung entbrennt.

Am Mississippi, so steht es im Buch, musste man nur Angelschnüre auslegen. Na also, sagt der sorglose Huck und wirft seine Angel aus, warum soll das hier anders sein? Mich nennt er Tom, weil ich damit hadere, dass wir uns nicht wenigstens einen Fischereischein für Touristen besorgt haben. Wir seien auf der Flucht, sagt er lachend, "Outlaws kaufen keine Angelkarten!" Mit seinen Brotkügelchen fängt er eine dünne Rotfeder. Es ist keine Mahlzeit und bleibt Wilderei. Er aber greift entschlossen zum Messer. Der kleine Fisch verdankt sein Leben den kleinen Hucks, denen er leidtut - nicht dem Gesetz.

Also gibt es mittags Linsen und abends Bohnen, am nächsten Tag andersrum. Einer muss immer den Topf über dem Kocher halten, damit er vom Wellenschaukeln nicht herunterfällt. Es ist mühsam, doch was lesen wir bei Huck? "Maisbrot und Kohl. Es gibt nichts Besseres auf der Welt, wenn es richtig gekocht ist."

Mississippi-Nächte in Mecklenburg

Abends werfen wir die Anker in die letzten Sonnenstrahlen, die auf dem Wasser tanzen. Mit wenigen Handgriffen wird aus den Kisten eine Liegefläche. Spätestens dann kommt niemand mehr an Trockenklo oder Zahnbürsten, die darunter verstaut sind. Aber längst sind wir Stromer und müde vom Nichtstun. "Nachher", so geht die Gutenachtgeschichte bei Mark Twain, "schauten wir den Fluten zu, und ohne es zu merken, schliefen wir ein."

Während die kleinen Hucks schon träumen, vermutlich vom Gameboy oder Mama, stoßen die großen mit Whiskey in blauen Blechtassen an. Wir trinken auf Muff Potter und schwadronieren, wie es wäre, alles hinter uns zu lassen, den Job, die ganze hektische Gameboywelt. Nur Jim muss früh ins Bett, weil er das Morgenlicht braucht. Sklave bleibt eben Sklave. Wir dagegen beschließen, als die Flasche leer ist, nie wieder an Land zu gehen.

"Nirgends ein Laut", heißt es bei Huck über die Mississippi-Nächte, "als ob die Welt schliefe, nur manchmal ließ sich Froschgequake vernehmen." Den Kuckuck, der uns am nächsten Morgen schon ab sechs Uhr nervt, hat er unterschlagen, genau wie die Mücken. Die kleinen Hucks sind zerstochen, als hätten sie im Traum mit Indianer Joe gekämpft. Tante Polly oder Mama hätte jetzt bestimmt die richtige Salbe dabei. Die großen Hucks spüren jeden Knochen von der harten Isomatte. Doch schon an der nächsten Schleuse holt uns die Fantasie wieder ein. Die sprudelnden Wassermassen sind gefährliche Stromschnellen, vor denen unser Mississippi-Handbuch warnt. Die dicken Motorjachten sind Schaufelraddampfer, vor denen wir uns in Acht nehmen müssen.

In der Mittagssonne nehmen wir die erstbeste Bucht im Schatten, baumeln die Beine ins Wasser, schwimmen, faulenzen und lesen in der Bibel aller Ausreißer: "So gingen zwei oder drei Tage dahin. Fast möchte ich sagen, sie schwammen. So ruhig und sanft glitten sie vorbei."

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