HOME

Naschmarkt: Ein Wintermärchen

Viele Märkte gleichen sich. Einige aber sind einzigartig. Man findet sie in Barcelona, München und in Amsterdam. Und in Wien natürlich: den Naschmarkt, der im Winter ein ganz eigenes Flair hat. Selbst Schnee und Eis trotzt er, wie in diesen Tagen zu erleben.

Hundsgemein faucht der Eiswind durchs Wiental. Er fegt durch die schmale Gasse zwischen den Holzbuden am Naschmarkt. Er wirbelt den Schnee von den bunten Markisen der Stände auf den Boden. Er sprüht ihn auf die Orangen und Äpfel, die Zucchini und den Rotkohl, die Kartoffeln und die Walnüsse. Putzig sieht das aus, als habe jemand einen großen Sack Puderzucker über sie gestäubt.

Aber Karl Kuczera gefällt das gar nicht. Jetzt muss er ständig mit einem Handfeger den Schnee von der Ware wischen. Kuczera, 52, kennt solche Plagen von Kindesbeinen an. Seit 1920 betreibt seine Familie, nun schon in vierter Generation, einen Obst- und Gemüsehandel auf dem Naschmarkt. Jetzt fröstelt er hinter einer schneeweißen Pyramide aus Blutorangen und beklagt "einen erheblichen Verlust an Lebensqualität". Nicht wegen des wetterbedingt schleppenden Geschäftsgangs, weil, das weiß er aus langjähriger Erfahrung: "Irgendwas kauft a jeder." Nein, Karl Kuczera trauert um "den Herrn Drechsler, weil der kummt jetzt nimma".

Der Herr Drechsler ist nicht etwa tot. Viel schlimmer: Er hat zugesperrt. Ohne Vorwarnung, einfach so. "I mog nimma", hat er gesagt und sein Kaffeehaus geschlossen. Das Café Drechsler an der Ecke Linke Wienzeile 22/Girardigasse war legendär. Wenn bald nach Mitternacht die Etablissements dichtmachten und die Zecher ausschlossen, dann blieb nur noch der Drechsler am Naschmarkt. Der sperrte um drei Uhr früh auf. Und jetzt?Seit 1914 stand das Lokal am gleichen Ort. 1957 übernahm Engelbert Drechsler es von seinem Vater, wie der von seinem. Engelbert Drechsler, 77, ist ein eher mürrischer Herr, schlank, grau, nicht sehr redselig. Einmal hat er einem Stammgast verraten, dass er auf "Columbo" im Fernsehen steht. Extremere Gefühlsausbrüche sind nicht überliefert. Stets trug er im Dienst Anzug und Krawatte und schwieg freundlich. Zum Wirt eignete er sich wie Gerhard Schröder zum Eheberater, doch unter den Händlern, Markthelfern und Restaurateuren galt er als eines der letzten Originale des größten und berühmtesten der 27 Wiener Märkte. Denn Engelbert Drechsler verrichtete, aber nur für ausgewählte Kundschaft, eine Spezialdienstleistung. Mehr als 30 Jahre lang, bei jedem Wind und Wetter, servierte er aus seinem Kaffeehaus direkt an die Stände. Mit einem braunen Tablett auf der Linken balancierte er in der Früh zwischen sechs und sieben Häferln mit dampfendem Milchkaffee.Mittags trug er Deftiges wie Reisfleisch oder Specklinsen mit Knödel. Damit alles schön warm blieb, querte er die dicht befahrene Linke Wienzeile riskant und abseits aller Ampeln, dafür aber mit einer so strengen Miene, dass selbst die gnadenlosesten Wiener Autofahrer für den hurtigen Kauz bremsten. Kuczera gehörte zu den privilegierten Nutznießern des Drechsler-Services.

Seit kurzem müssen die Naschmarkt-Standler also ohne ihn leben. Sich und seiner Frau brutzelt Kuczera nun jeden Mittag ein "Supperl" auf der Kochplatte im winzigen Büro hinter Stapeln aus Gemüsekisten. "Der Herr Drechsler fehlt uns halt sehr", seufzt er. "Ohne ihn ist der Naschmarkt ärmer." Schon im 16. Jahrhundert existierte, unweit vom derzeitigen Standort, ein Naschmarkt. Der Name hat mit "Naschen" nichts zu tun, er stammt vermutlich vom Wort Aschen ab. So hießen früher an der Donau Milcheimer. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts stehen die etwa 400 Stände, aus Holz errichtet und viele mit Jugendstildächern verschönert, am Wienfluss, nur wenige Gehminuten von der Oper entfernt. Jährlich flanieren Hunderttausende Besucher durch die schmalen Gänge zwischen den Standeln mit Gemüse und orientalischen Gewürzen, günstigen Kleidern und engen Restaurants. Mit Händeklatschen locken die Standler die Kundschaft an. "Wollen S' a Sackerl?", fragt der anatolische Kurde die Hausfrau, und die nickt dankbar, weil er ihr eine Plastiktüte für den (nicht das) Kilo Kartoffel anbietet. Wohl nirgendwo (abgesehen vom Flughafen) ist Österreichs Hauptstadt so international, exotisch und weltoffen wie am Naschmarkt. Ein Naschmarktbummel sollte zu jeder Jahreszeit bei der U-Bahnstation Kettenbrückengasse (Linie U4) beginnen. Der Bahnhof stammt vom Jugendstilarchitekten Otto Wagner, ebenso wie eine prächtige Häuserreihe zur linken Hand. Auf der Höhe Schleifmühlgasse finden wir das Kuczera-Geschäft. Weiter Richtung Karlsplatz. Noch kann man ihn zwar nicht sehen, aber schon hören: den Sauerkrautproduzenten Leo Strmiska, 49. "Wollen S' kosten, gnä' Frau?" Und - patsch - hat eine Passantin ein Häuferl frisches Sauerkraut in der hohlen Hand. Sie probiert erst zaghaft, ist entzückt, und schon hat Strmiska wieder ein Kilo verkauft, verpackt im Plastiksackerl für 2,80 Euro. Strmiska ist mehrsprachig: "Smell it, Sir", fordert er einen Japaner auf und hält ihm eine Hand voll Kraut unter die Nase. Vor dem Hünen stehen zwei riesige Holzbottiche, aus denen er die Passanten anfüttert. Die Fässer sind 80 Jahre alt und wiegen 270 Kilo. Gern erzählt er der weiblichen Kundschaft, dass er die Gefäße eigenhändig auf den Kleinlaster wuchten kann. Dann schwärmt er über den "sortentypischen Geschmack" seines Champagnerkrautes und dass es das "gesündeste Gemüse überhaupt ist, ohne Schmäh". Oder er preist seine Babygurkerln mit Chili, ein "wahres Gedicht, Madame".

Sein Publikum lauscht still, denn mit Kraut im Mund lässt sich schlecht erwidern. Strmiskas Redefluss verebbt auch nicht, wenn er die Heizstäbe in den Holzfässern kontrolliert, damit "mei Kraut net derfriert". Leo Strmiska erzählt gern, man muss ihn nicht mal was fragen. Wir erfahren: Seine Vorfahren sind seit 1946 "Krauterer am Naschmarkt", schon als Siebenjähriger hat er am Stand mitgeholfen. Strmiska ist ein polnischer Name, er entstammt altem Adel, und sein Opa hat, ohne Schmäh, die gesamte k.-u.-k.-Flotte mit Gurken beliefert. Alsdann: "Derf's no a bisserl Quittenkraut sein, Verehrteste, mit mitvergorenen Birnenquitten? Dank schön und küss die Hände." Es gibt nicht mehr viele solcher Typen am Naschmarkt wie den Strmiska Leo oder den alten Drechsler. Das liegt vor allem daran, beklagt Erwin M. Gegenbauer, dass der "Naschmarkt schon viel zu viel von seiner Identität verloren hat. Vieles ist nur mehr Show". Zum Beispiel würden manche Obst- und Gemüsehändler statt Bioprodukte oder "ehrlicher Ware direkt vom Bauern" einfach am Großmarkt einkaufen: "Das ist dann derselbe Scheiß, wie man ihn im Supermarkt kriegt, nur viel teurer." Die Familie Gegenbauer darf sich getrost zum Naschmarkt-Adel zählen. Ihren Stand betreibt sie ununterbrochen seit 1929. Jetzt führt ihn Erwin M. Gegenbauer, 44. Er erzeugt Essig und Öle, in aufwendiger Handarbeit und mit besessener Hingabe. Im Angebot sind 70 Essig- und 50 Ölsorten. Die Essenzen stammen von Spargel, Paprika, Kirschen oder Holunder, Walnuss, Marillen und Zwetschken. Ein viertel Liter Essig aus einem der Dutzenden kleinen Holzfässer kostet zwischen 10 und 14 Euro. Inzwischen hat sie fast jeder Spitzenkoch nördlich der Alpen in seiner Küche. Früher war sein Geschäft am citynahen Ende des Marktes noch von Gemüsestandlern oder Fleischhauern umgeben. Jetzt logieren dort in den Holzbuden mit den grünen Dächern Speiselokale und Espressobars. Längst hat sich der Markt zu einem der hipsten Treffs der Wiener Schickeria gewandelt. In Läden, manchmal kaum geräumiger als eine Telefonzelle, drängt sich die Jeunesse dorée der Donaustadt. Jetzt im Winter tragen die Damen ungeniert ihre Pelzmäntel. In ihren Kreisen gibt es einen strengen Sprachkodex. So sprechen nur Proleten von "Handys". Hier heißt das: "I glaub, dei Handtelefon klingelt." Und zum Abschied heißt's nicht leise Servus, sondern: "I derf mi scho mal vertschüssen."

Am Naschmarkt ist es mittlerweile schwierig, eine anständige Leberkässemmel zu erstehen. Der kulinarische Trend geht entlang der Wienzeile stark ins Asiatische: Sushi und Sashimi, Frühlingsrolle und Sateh. Der Schicki-Boom sei zwar gut fürs Geschäft, aber schlecht "für die Seele des Naschmarktes", glaubt Gegenbauer. Ihn ärgert vor allem das Kochniveau vieler neuer Lokale, denn: "Wirklich gut kann man hier nirgends essen." Dennoch - solche Sorgen wie die Wiener hätten Berliner gern. Gehen wir noch auf eine Melange ins Café Anzengruber in der Schleifmühlgasse 19. Etwa 80 Prozent der Kundschaft sind Stammgäste, schätzt Ankica Saric, die kroatische Chefin der Wiener Institution. Ihr Vater Marco hat das Etablissement mit den fast sechs Meter hohen Decken 1949 übernommen. Jetzt steht die fesche Ankica, Jahrgang 1954, am Herd in der Miniküche. Ihre Schnitzel und das Gulasch genießen unter den Stammgästen Weltruhm. Der interessanteste ist der Erich. Der ältere Herr kommt seit gut 30 Jahren dreimal in der Woche und trinkt nur "Kracherl", eine Fruchtlimonade. Meist sitzt er vor dem Widescreen-Fernseher im Extrastüberl. Nur Erich bestimmt das Programm, dabei ist er taubstumm. Manchmal tratschen die Gäste am Stammtisch bei viel Budweiser über ein so unbewiesenes wie spannendes Gerücht. Dass der Erich gar nicht taubstumm sei und sie alle bloß seit 30 Jahren verarsche. Am großen Tisch neben den Toiletten sitzt spätabends gern Wirtin Ankica und erzählt von früher, als sie noch ein Kind war und ihr Papa ihr nicht erlaubte, ins Geschäft zu kommen. Weil damals der Naschmarkt Wiens größtes Rotlichtviertel war. Die Huren haben sich im Anzengruber aufgewärmt und sind dann mit den Freiern "ins Puff" gegangen. Das nahe Haus hieß damals schon "Drei Kronen" und ist heute ein Touristenhotel. Ankica Saric kauft ihren Salat für die Schnitzel natürlich auf dem Naschmarkt, auch bei der Firma Kuczera. Womit wir wieder beim alten Herrn Drechsler wären. Denn in diesen feuchtkalten Jännertagen taucht er regelmäßig wieder bei Karl Kuczera auf. Aber nicht mehr mit dem Tablett, sondern dem Einkaufsnetz. Drechsler ist nun Kunde und erwirbt Orangen, um sie zu Hause auszupressen. Sagen tut er noch immer wenig. Er habe endgültig das Kaffeehaus verkauft, mitsamt dem Mietshaus darüber, das ihm auch gehörte: "Das Café ist zu, aber es wird scho wieder was aufsperrn." Was, "interessiert mi net". Vielleicht eine Sushi-Bar.

Bernd Dörler / print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity