Handball-WM Wintermärchen, jetzt!


Feuerwerk, Polizeieskorte, Menschenspalier - die deutschen Handballer sind in ungeahnte Feier-Dimensionen vorgestoßen. Ein Märchen wie bei den Fußballern im Sommer 2006. Mit kleiner Zugabe: Die DHB-Herren können tatsächlich echter Weltmeister werden und müssen sich nicht mit einem "Herzens"-Titel begnügen.

Sie haben die Möglichkeit, ihren Siegeszug mit dem Weltmeistertitel zu krönen. Die große Begeisterung beim nächtlichen Empfang der Spieler im Wiehler Mannschaftsquartier nach dem 32:31 im Halbfinal-Krimi mit zweimaliger Verlängerung gegen Frankreich faszinierte selbst Bundestrainer Heiner Brand: "Es ist für die Spieler und mich nicht begreifbar, was hier abgeht. Das ist sensationell."

Die Euphorie um die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) hat auch dem Fernsehen hervorragende Einschaltquoten beschert. Bis zu 15,34 Millionen Fans verfolgten die dramatische Partie. Die ZDF-Übertragung erreichte im Schnitt 10,64 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 41,3 Prozent. Erstmals übertraf die Quote bei einem Handballspiel im deutschen Fernsehen die Zehn-Millionen-Zuschauer- Marke. Vor dem WM-Turnier lag die Bestmarke bei 7,92 Millionen Fans vom olympischen Finale 2004 in Athen. "Diesen Popularitätsschub haben viele nicht für möglich gehalten", kommentierte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz.

Beim Eintreffen am Donnerstagabend im ansonsten so beschaulichen Wiehl stand die ganze Gemeinde Kopf. Rund 700 Menschen bejubelten die deutsche Mannschaft und bildeten nach einem Feuerwerk ein schmales Spalier, durch das die Spieler gehen mussten. "Das sind Sachen, von denen man träumt", sagte Routinier Christian Schwarzer (Lemgo) überwältigt. Fast im gleichen Atemzug aber erinnerte er daran, dass das selbst formulierte "Projekt: GOLD 2007" noch nicht vollendet ist: "Das ganze Drumherum ist gut und schön. Aber wir haben noch ein Ziel: Wir wollen Weltmeister werden. Darauf müssen wir uns konzentrieren."

Polen kann geknackt werden

Zum siebten Mal in der Geschichte von Handball-Weltmeisterschaften steht eine deutsche Männer-Mannschaft im Endspiel. Dabei muss sich die "neue Generation" ausgerechnet noch einmal mit Polen auseinander setzen. Das Team des Magdeburger Bundesliga-Trainers Bogdan Wenta hatte dem Gastgeber mit dem 25:27 in der Vorrunde die einzige Niederlage des Turniers beigebracht. Daraus aber haben die deutschen Spieler die Lehren gezogen. "Das war für mich ein Schlüsselerlebnis: die 45 Minuten Videoanalyse von diesem Spiel. Da haben wir alle miteinander gesehen, was wir alles nicht gemacht haben", erklärte Kapitän Markus Baur.

Wie der Gastgeber mussten auch die Polen ihren Finaleinzug in 80 Minuten hart erkämpfen. "Es ist ganz gut, dass die auch ein bisschen müde sind. So eine zweimalige Verlängerung macht sich bemerkbar", meinte Bundestrainer Brand. Allerdings sieht er seine Mannschaft nicht als Favorit für das Endspiel an - trotz aller positiver Vorzeichen wie Heimvorteil oder mehrstündige Anreise der Polen von Hamburg nach Köln. "Man muss von einem Spiel auf Augenhöhe sprechen", sagte der Gummersbacher, "die Spieler wissen, dass sich die Polen die Endspiel-Teilnahme auch redlich erspielt haben."

Starke Abwehr

Prunkstück der polnischen Mannschaft ist der wurfstarke und treffsichere Rückraum mit den Bundesliga-Spielern Karol Bielecki und Grzegorz Tkaczyk (beide Magdeburg) sowie Marcin Lijewski (Flensburg- Handewitt). Insgesamt hat das Team des ehemaligen deutschen Nationalspielers Wenta neun Akteure in seinen Reihen, die ihr Geld in Deutschland verdienen. "Wenn es um Mitfavoriten auf den Titel ging, habe ich die Polen immer mit genannt, weil sie herausragende Einzelspieler haben. Bogdan hat es geschafft, ihnen Abwehrarbeit beizubringen und sie disziplinierter zu machen", urteilte Brand mit Blick auf das erneute Duell.

Zunächst aber war Brand wieder mit intensivem Videostudium beschäftigt. Seinen Spielern hingegen hatte er einen freien Tag verordnet, den sie mit geistiger und körperlicher Erholung verbrachten. "Es haben alle den Bedarf, sich intensiv von den Physios behandeln zu lassen. Ansonsten wird gar nichts gemacht", sagte Brand. Nur einer "Pflicht" konnten sich die Handballer nicht entziehen: Autogramme zu schreiben. Denn schon am Morgen stand eine Schulklasse vor dem Mannschaftshotel und sang: "Finale, Finale." Brand: "Das ist schön und macht stolz, dass wir gemeinsam so eine Entwicklung erlebt haben."

Martin Kloth und Heinz Büse/DPA


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