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Skisaison: Kühtai, ein Wintermärchen

Grauer und gelber Schmutz, anstatt weißer Pracht. Wer wollte da in die Alpen? Diejenigen, die gegen alle Vernunft das Wagnis eingegangen sind, wurden am Wochenende mit den schönsten Tagen des Jahres belohnt.

Von Gernot Kramper, Kühtai

Fett, schwer und sehr selbstzufrieden fallen sie vom Himmel. Gottesgeschenke vor Weihnachten. Himmlische Boten in letzter Not. Sanft lächelt Otto, unser Führer. Unaufgeregt, denn Kühtai, der höchstgelegene Ort Österreichs, hat immer Schnee. Nur in diesem lauwarmen Alt-Weiber-Winter sah es so aus, als könne die Schneegarantie nicht eingehalten werden. Aber nun ist er da, ein weißer fester Teppich, in dem man bei jedem Schritt knietief versinkt.

Die ganze Woche davor herrschte ein einziges Zaudern und Hadern. Fährt man oder fährt man nicht? Jede Stunde im Büro wurde der Blick magisch von der Webcam angezogen - und ein ums andere Mal verspottet. Ein klitzekleines bisschen Schnee war in Kühtai zu sehen, mehr als in den geplagten, tiefer gelegen Gebieten, auf denen alle Pisten im traurigen grau-grün vor sich hindämmerten. Auch ein Lift war dort oben offen. Tausend Meter Abfahrt, damit zumindest die ganz kleinen Skigäste nicht weinen müssen.

Ein Schluck auf die Kaiserin

Und jetzt knirscht das weiße Gold der Alpen unter den Schneeschuhen. Den Knappenweg entlang. Eine perfekte Wanderung, kaum anstrengender als ein Fußweg im Sommer und rundherum der unberührte Schnee. Ein wenig hitzig wurde es unter der Jacke, aber wer will genau sein, immerhin ist es der erste richtige Schnee. Auf dem höchsten Punkt der Wanderung holt Otto den Schnaps aus dem Rucksack. Auf dem Verschluss flattert die Fledermaus, aber anstatt des Industrie-Sprits aus dem Regal gibt es einen guten, selbstgebrannten Obstler. Maria Theresia sei Dank! Immer ums Geld verlegen, verlieh die klamme Kaiserin für gutes Gold den Bauern in Tirol das Recht, den eigenen Schnaps zu brennen.

Am Abend vorher sah es in Tirol gar nicht goldig aus. In Innsbruck blies der Föhn mit 16 Grad in die Nacht. Bei der Auffahrt nach Kühtai konnte man sich den Hals verrenken, Wunschgebete abschicken, Flüche runterschlucken - Schnee wollte trotzdem nicht erscheinen. Und dann am Morgen war er da, mehr als zwanzig Zentimeter. Gleich nach der Wanderung geht es auf den Berg. Noch immer fallen die kleinen, scharfen Kristalle. Schneiden in die Haut. Sicht gibt es nicht in der weißen Dämmerung, nur Gottvertrauen. Heldentaten wurden am ersten Tag von keinem auf der Piste vollbracht, nur Arbeitssiege konnte man der grauen Dunkelheit abtrotzen. Aber in welch verzauberten, weißen Stimmung.

Wintersport jenseits von Ayurveda und Latschenkiefer

Rostbraten und Hüttenteller schließen den Abend im Gastraum der Dortmunder Hütte. Sie ist eine der wenigen Häuser des Alpenvereins, das direkt im Skigebiet liegt und dabei mit dem Auto zu erreichen ist. Tage in einer solchen Hütte bieten die einfachen und guten Dinge des Lebens. Die Tourengeher am Nachbartisch packen die Gitarre aus. Bernd Klüver "Der Junge mit der Mundharmonika" ertönt - hier könnte nichts besser klingen. Im Sommer, wenn man von Hütte zu Hütte geht, beschwert sich niemand über den bescheidenen Komfort. Verwöhnte schaffen den Aufstieg ohnehin nicht und nach sieben, acht Stunden im Gebirge mit Marschgepäck auf dem Rücken wird jeder empfänglich für kräftige Portionen und keiner vermisst das Satelliten-TV. Wirtin Monika Fliegl ist selbst im Hochgebirge groß geworden. "Wer da zu uns kam, wusste, was er auf einer Hütte erwarten kann." Direkt am Skigebiet Kühtai kommt es schon mal zu Verwechslungen. Wellness mit Ayurveda oder Latschenkieferanwendung sucht man in der Dortmunder Hütte vergebens. Die Dusche liegt am Ende des Ganges - für drei Minuten warm muss man einen Jeton bei der Wirtin lösen. Die Zimmer sind zum Umfallen zu klein, die Betten für manchen zum Liegen. "Ach, wenn da so ein Riese kommt, so ein stattliches Mannsbild, da denke ich jedes Mal: Wenn das bloß passt."

Errichtet wurde der trutzige Bau Anfang der Dreißiger von der Dortmunder Sektion des Alpenvereins. Ein Gebäude in klassischen Proportionen. Aus Naturstein, mit Fenstern wie Schießscharten und den typischen Läden in den Landesfarben. Ein Kontrast zu den Riesenhotels in den Alpen, die immer aussehen müssen, als hätte ein bösartiges Krebsgeschwür einen Gugelhupf befallen. Hütten muss man lieben, nur wegen des Preises sollte man nicht kommen. Auch wenn die Preise locken: Zwanzig Euro kostet die Übernachtung im Einzel- oder Doppelzimmer. Solche individualistischen Errungenschaften gibt es bei der Sektion Dortmund durchaus, auch wenn sich Romantiker im Doppelzimmer mit einem Etagenbett arrangieren müssen. Die Nacht im klassischen Gruppenlager kommt auf 15 Euro, das Ambiente erinnert dann allerdings an die Ausbildung bei den Kaiserjägern. Aufschläge für Kurzbucher sind unbekannt, alle Mahlzeiten liegen um und meist unter zehn Euro. Zu diesen Preisen kommt man in Kühtai sonst nicht unter und auch zum doppelten Entgelt geht es kaum.

Die Wirtsleute der Hütte gehören zu den wenigen echten Kühtaiern, die anderen sind nur während der Saison im Ort. Am Abend üben die Jäger in der Stube ihre Weisen auf dem Horn, am Tag lässt der Wirt die Pferde aus dem Stall. Wie junge Füllen springen sie in dem tiefen Schnee. Mit krummen Rücken werfen sie sich zur Sonne, keilen vor Lebensfreude aus. Denn schon am nächsten Tag ist nicht nur eine Piste geöffnet, am Nachmittag strahlt der blaue Himmel über dem Tal. Zeit, den müden Sesselfurzern zu Hause eine hämische Mail zu schicken.

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