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Neue Economy Class Lufthansa macht Schläfern das Leben schwer

Die deutsche Airline bestellt neue Stühle: Die Rückenlehne lässt sich nicht mehr so weit zurückstellen, sonst sind sie aber ganz bequem - und für die Beine ist auch etwas mehr Platz.
Von Till Bartels

Jeden Tag begrüßen die Stewardessen der Lufthansa auf ihren Deutschland- und Europastrecken 110.000 Passagiere. Doch auf diesen Routen haben die Billigflieger der Kranich-Linie viele Passagiere abgejagt. Diese gilt es zurückgewinnen. Statt das Modell der Konkurrenz zu kopieren, die Kosten zu senken und das Essensangebot immer weiter zu reduzieren, geht die Lufthansa mit der neuen Economy Class einen anderen Weg. Europas größte Fluglinie packt zwar mehr Passagiere in die Maschinen, setzt aber auf mehr Beinfreiheit und führt den Kurzstrecken-Imbiss wieder ein.

"Wir schenken unserer Fluggästen eine neuen Kabine", sagt Passage-Vorstand Thierry Antinori bei der Vorstellung des ersten umgerüsteten Airbus für den Kurz- und Mittelstreckenverkehr. Herzstück der komplett überarbeiteten Inneneinrichtung ist der neue Flugzeugsitz. An die fliegende Bestuhlung werden Anforderungen gestellt, die sich eigentlich widersprechen: Der Passagier hat das Bedürfnis nach mehr Platz und Komfort, die Fluggesellschaft dagegen möchte die Effizienz erhöhen, indem sie die Sitzreihen zusammenschiebt und mehr Menschen pro Flugzeug befördert. Mit den neuen Sitzen, die deutlich schlanker gebaut sind und von der Firma Recaro für Lufthansa entwickelt wurden, gelingt diese Quadratur des Kreises.

Schöne Bescherung: engere Sitzreihen

Je nach Flugzeugtyp passen jetzt ein bis zweieinhalb Sitzreihen mehr in die Kabine, wodurch Lufthansa jeden Tag 2000 Tickets mehr verkaufen kann, ohne die Flotte aufzustocken. Ein weiterer Vorteil für Airline und Umwelt ist das geringere Gewicht der neuen Sessel, die um ein Drittel leichter sind und den Treibstoffverbrauch bei einem Airbus A319 um 4,3 Prozent pro Passagier senken. Die radikale Gewichtsdiät gelingt durch eine Rahmenkonstruktion mit Bespannung statt herkömmlicher Schaumstoffpolster.

Der am Boden gemessene Sitzabstand verringerte sich allerdings um mehrere Zentimeter. Paradoxerweise hat aber der Passagier mehr Platz. Denn die schlanken Rückenlehnen sind nur noch zwei Daumen breit. Außerdem wanderte die Sitztasche für das Bordmagazin aus dem störenden Kniebereich auf Augenhöhe. Weitere Maßnahmen wie das Verkleinern der Küchen und Entfernen der Garderobenschränke stehen im Zeichen der Wirtschaftlichkeit. Davon profitieren Airline und Aktionär.

Keine Mogelpackung

Doch was bedeutet das Stühlerücken für den Fluggast? Das Interieur des ersten umgestalteten Airbus sieht aufgeräumter und durch die Ledersitze dunkler aus. Die Sitze wirken etwas härter, die Beinfreiheit ist nicht nur gefühlt größer geworden, sondern um vier Zentimeter gewachsen. Auf dem Klapptisch kann man am Laptop weiterhin arbeiten. Besonders praktisch: Der Kleiderhaken ist jetzt seitlich angebracht, so kann das Jackett auch bei heruntergeklapptem Tischchen aufgehängt werden. Der Stauraum in den Gepäckfächern der Boeing 737 hat um 40 Prozent zugenommen.

Allerdings lässt sich die Rückenlehne nicht mehr so weit wie früher zurückstellen, der Neigungswinkel wurde eingeschränkt. So dürfte das Nickerchen auf der Kurzstrecke weniger bequem ausfallen, der Hintermann sich aber freuen, dass er weiterhin eine Zeitung aufschlagen kann. Das Probesitzen im Testflieger mit Rüttelprobe ergab: Das Rückenteil federt Belästigungen hibbeliger Kleinkinder besser ab. Auch bohren sich keine Knie in den Rücken des Vordermanns.

Die Zunahme an Passagieren verkauft die Airline geschickt mit einem aufgewerteten Bordservice. Ab sofort gibt es auch auf innerdeutschen Routen neben dem Getränkeservice einen kostenlosen Imbiss. Lufthansa bietet das Minimum an Gastfreundschaft, auf das Ryanair und Esayjet längst verzichten. So werden zum Beispiel auf der Strecke München - London statt Brötchen wieder Snacks serviert. Ab einer Flugzeit von zwei Stunden stehen warme Gerichte auf dem Speiseplan. Mit dem verbesserten Bordservice möchte sich die Lufthansa von der Billigkonkurrenz absetzen, die Essen und Getränke nur gegen Bargeld oder warme Mahlzeiten nur gegen Aufpreis und Vorbestellung anbieten. Die neue gastronomische Versorgung wird bei der Kranich-Airline ab sofort auf allen Flugzeugen im Europaverkehr angeboten, auch dort, wo die Kabine noch nicht umgerüstet ist.

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