Potsdam Nun aber Schloss!


Prunk, Parks und Promis - Potsdam bietet Geschichte und Geschichten. Die einstige preußische Residenzstadt vor den Toren Berlins lohnt nicht nur wegen Sanssouci.
Von Jan-Philipp Sendker

Momente gibt es, da kehren die Erinnerungen mit einer Macht zurück, dass Carsten Wist eine Gänsehaut bekommt. Dann steht der 49-jährige Buchhändler in seinem Laden in der Potsdamer Innenstadt und denkt an die kalten Herbsttage, an denen er in Babelsberg säckeweise Kastanien sammelte, um damit ein wenig Geld zu verdienen. Oder an die Stasi-Spitzel, die dafür sorgten, dass er als Student wegen einer harmlosen politischen Bemerkung exmatrikuliert wurde. Wist gehörte in der DDR zu jenen querdenkenden Menschen, für die im real existierenden Sozialismus kein Platz war. "Der Fall der Mauer war für mich eine Art Wiedergeburt", sagt er. "Am Ende der Ostzeit hatte ich nicht mal mehr einen Traum. Ich ging auf Friedhöfen spazieren, weil ich das Gefühl hatte, nichts in meinem Leben oder in dieser Stadt bewegt sich mehr."

Nach dem Mauerfall kaufte Wist von seinem ersten Westgeld Bücher und eröffnete mit einem Freund auf dem Bassinplatz einen Verkaufsstand. Als es zu kalt wurde, zogen sie damit in einen Container um. Daraus entstand eine kleine, feine Buchhandlung in bester Einkaufslage, in der schon so berühmte Schriftsteller wie Paul Auster, Martin Walser oder die Nobelpreisträger Toni Morrison und Imre Kertész gelesen haben. "Heute kommt es mir manchmal vor, als lebte ich einen Traum", sagt er. Er sitzt am Nauener Tor im Café Heider, das in der DDR Treffpunkt der alternativen Szene Potsdams war und Wist als zweites Zuhause diente. Nun wurde es im Stil eines Wiener Kaffeehauses renoviert und ist beliebtes Ziel für Einheimische und Touristen. "Man kann wirklich nicht mehr behaupten, dass sich in der Stadt nichts bewegt", sagt Wist und lacht.

Das Gesamtkunstwerk Potsdam

Wer Potsdam heute besucht, kann sich kaum vorstellen, wie heruntergekommen die Stadt noch vor wenigen Jahren ausgesehen hat. Während in den 90er Jahren in Weimar, Erfurt oder Dresden die ersten Straßenzüge mit historischen Gebäuden in altem Glanz neu erstrahlten, passierte in der brandenburgischen Landeshauptstadt wenig. Auf einem Großteil der Altbausubstanz lagen Rückübertragungsansprüche. Die ungeklärten Besitzverhältnisse lähmten die Stadt ebenso wie die politischen Querelen im Rathaus. An die Zeiten erinnert nur noch der Alte Markt in der Nähe des Hauptbahnhofs. Er war früher städtebauliches Zentrum und ist heute von überwältigender Hässlichkeit. In der Mitte steht allein das aufwendig renovierte Fortunaportal des im Krieg beschädigten und später gesprengten Stadtschlosses, umgeben von Plattenbauten und einer Hauptstraße. Der Platz wirkt wie die letzte offene Wunde einer einst geschundenen Stadt, die sich in den vergangenen Jahren zu einem Gesamtkunstwerk entwickelt hat. Potsdam liegt mit seinen Schlössern, Parks und Gartenanlagen eingebettet in eine Seen- und Flusslandschaft, von der schon Theodor Fontane und Alexander von Humboldt schwärmten.

Fast die gesamte barocke, über 250 Jahre alte Innenstadt ist restauriert, ohne sich in eine Puppenstube verwandelt zu haben. In der Brandenburger Straße, der Haupteinkaufsmeile, gleicht zwar ein frisch gestrichenes Häuschen dem anderen, sind zumeist jene Ladenketten vertreten, die man aus anderen Städten kennt, aber schon in den Gassen links und rechts geht es so bunt und abwechslungsreich zu wie im Berliner In-Bezirk Prenzlauer Berg. In den Straßencafés sitzen junge Mütter mit ihren Säuglingen neben Geschäftsleuten und Studenten. In den Alleen haben sich kleine Läden etabliert, in denen Blechspielzeug, Weine, Käse, Stoffe verkauft oder Schokolade Wasund Bonbons in Handarbeit hergestellt werden. In den Hinterhöfen arbeiten Instrumentenbauer, Sattler oder Schuhmacher in ihren Werkstätten, dazwischen mischen sich Meditationszentren und Galerien. Nur ein paar Meter weiter liegt das Holländische Viertel, eine der schönsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Versteckten Orte und verwunschene Pfade

Mit 134 Giebelhäusern ist es das größte Viertel im holländischen Baustil außerhalb der Niederlande. Friedrich Wilhelm I. und sein Nachfolger Friedrich der Große haben es zwischen 1732 und 1742 erbauen lassen, um Handwerker, Künstler und Ingenieure aus dem damals fortschrittlichen Holland nach Preußen zu locken. Am Nachmittag fallen die Strahlen der tief stehenden Sonne auf die roten Klinkerbauten. Besucher aus Japan, Amerika, Spanien und Frankreich bummeln durch Innenhöfe und Antiquitätenläden, vor manchen sitzen die Besitzer und trinken in der Abendsonne einen Tee oder ein Glas Wein. In solchen Momenten besitzt die Stadt eine fast südländische Gelassenheit. Verständlich, dass sie als Wohnort, Reiseziel und Wirtschaftsstandort immer beliebter wird. Die Einwohnerzahl ist seit 2001 um über 15 Prozent auf fast 150.000 gestiegen, Arbeitslosigkeit und Wohnungsleerstand gehören zu den niedrigsten in Ostdeutschland

Der amerikanische Softwarehersteller Oracle hat eine ganze Vertriebsabteilung nach Potsdam verlegt, VW eröffnete an der Havel sein erstes Design- Zentrum außerhalb von Wolfsburg. Jahr für Jahr fahren mehr Touristen in die ehemalige preußische Garnisonsstadt. Die meisten kommen, um das Rokokoschloss von Friedrich dem Großen, Sanssouci, das Neue Palais und den Cecilienhof, das letzte Schloss der Hohenzollern, zu bewundern. Sie wandern an Schinkels genialen Bauten vorbei durch die großartigen Parkanlagen Lennés und absolvieren auf ihren Spaziergängen noch Intensivkurse in deutscher Geschichte. Aber oft sind es nicht die bekannten Touristenziele, sondern die versteckten Orte, von denen eine besondere Magie ausgeht. Der Bornstedter Friedhof zum Beispiel, gegenüber dem Krongut Bornstedt. Eine verwilderte Anlage mit verwunschenen Pfaden, wo Persönlichkeiten aus der Potsdamer Geschichte begraben liegen.

"Vielleicht ist Potsdam die erste wirklich deutschdeutsche Stadt geworden"

Oder eine steinerne, vermooste Parkbank, die im Neuen Garten versteckt am Ufer des Heiligen Sees steht. Ein paar Meter entfernt verharrt ein Graureiher im Wasser, in der Ferne zieht ein Schwimmer seine Runden. Der Blick nach links geht zum Marmorpalais, zeitweiliger Wohnsitz des letzten deutschen Kronprinzenpaares. Kürzlich wurde es eindrucksvoll renoviert. Gegenüber, am anderen Ufer, liegen die schönsten Villen der Stadt, in denen Prominente wie Modedesigner Wolfgang Joop, Axel- Springer-Verlagschef Mathias Döpfner oder TV-Moderator Günther Jauch leben. Wolfgang Joop ist gebürtiger Potsdamer. Als Achtjähriger verließ er mit seinen Eltern die Stadt und zog später durch die Welt. Aber die Potsdamer Verwandten besuchte er regelmäßig. "Es fiel mir wahnsinnig schwer, mich von dieser Stadt zu lösen", sagt er und blickt ein wenig melancholisch auf die Rosenbeete in seinem Garten.

Joop kaufte 1998 die ehemalige britische Militärmission, ließ das verwahrloste Gebäude renovieren und nannte es "Villa Wunderkind". Seit fünf Jahren lebt er wieder in seiner Heimatstadt. "Potsdam ist so angenehm unneurotisch", sagt er. "Hier fühle ich mich eingebettet und integriert. Alles ist dicht beisammen. Die Schlösser. Die Parks. Die Seen. Die Innenstadt. Und alles in unbeschreiblicher Schönheit." Potsdam wurde in den vergangenen Jahren nicht nur für Prominente eine Alternative zu Berlin. Seit dem Mauerfall haben fast 60.000 Einwohner die Stadt verlassen, gleichzeitig ist eine noch größere Zahl hinzugekommen, die meisten aus der Hauptstadt und den alten Bundesländern. "Das hat uns gut getan", meint Buchhändler Wist. "Das Schöne an Potsdam ist, dass die Frage, ob man aus dem Westen oder aus dem Osten kommt, keine Rolle mehr spielt", sagt er bei einem letzten Espresso. "Vielleicht ist Potsdam die erste wirklich deutschdeutsche Stadt geworden."

Hotels

  • Potsdam Telefonvorwahl: 0331

  • 1. NH Voltaire Potsdam, Friedrich-Ebert- Straße 88, Tel.: 23 17-0, Fax: -100, www.nhhotels.com. DZ/F ab 106 Euro. Vier-Sterne-Hotel, zur Straße aufwendig renovierter Altbau, im Hof Neubau, gegenüber Holländischem Viertel
  • 2. Travel Charme Am Jägertor, Hegelallee 11, Tel.: 20 11-100, Fax: -333, www.travelcharme.com. DZ/F ab 139 Euro. Schönes Hotel in ehemaliger Stadtresidenz, Gartenterrasse, zentral gelegen
  • 3. Relexa Schlosshotel Cecilienhof, Neuer Garten, Tel.: 37 05-0, Fax: 29 24 98, www.relexahotels.de, DZ/F ab 130 Euro. Wer mal in einem Schloss übernachten möchte, ist hier richtig. Etwas bieder, im historischen Cecilienhof, dem letzten Hohenzollernschloss. Traumhafte Lage im von Lenné gestalteten Park am See.
  • 4. Remise Blumberg, Weinbergstraße 26, Tel.: 280 32 31 Fax: 601 27 34, www.pensionblumberg.de DZ/F ab 85 Euro. Kleine Pension mit einfachen Zimmern in einem ruhigen, schön gestalteten Hinterhof.

Restaurants/Biergärten/Cafés

  • 5. Restaurant Juliette, Jägerstraße 39, Tel.: 270 17 91, www.restaurant-juliette.de. Eines der besten Restaurants in Potsdam. Kleine Karte mit anspruchsvoller französischer Küche.
  • 6. Pfeffer & Salz, Brandenburger Straße 46, Tel.: 200 27 77. Köstliche Pizzen und hausgemachte Nudeln zu erschwinglichen Preisen.
  • 7. Ristorante Villa Kellermann, Mangerstraße 34–36, Tel.: 29 15 72, www.villa-kellermann.de. Italienisches Restaurant in alter Villa mit schöner Terrasse und Garten, direkt am Heiligen See.
  • 8. Restaurant-Café Drachenhaus, Maulbeerallee, Tel.: 505 38 08. Wer im Sommer dem Trubel von Sanssouci entfliehen möchte, findet hier sein Refugium. Historische Gaststätte im 1770 erbauten Drachenhaus, zauberhafter Garten, regelmäßig klassische Konzerte.
  • 9. Café Heider, Friedrich-Ebert-Straße 29, Tel.: 270 55 96. Hier trafen sich vor dem Mauerfall Potsdams Aussteiger und Dissidenten. Heute im Stil eines Kaffeehauses renoviert, gute Kuchen, köstlicher Cappuccino, sehr schöne Terrasse am Nauener Tor.
  • 10. Meierei Potsdam, Neuer Garten, Tel.: 704 32 11, www.meierei-potsdam.de. Brauhaus und Biergarten in ehemaliger Meierei, romantisch am Ufer des Jungfernsees gelegen.

Sightseeing

Potsdam und seine weiten Parks und Gärten sind sehr gut mit dem Fahrrad zu erkunden, auch wenn man in den Grünanlagen manchmal schieben muss. Der Fahrradverleih Cityrad ist in zwei blauen Containern auf der Babelsberger Straße untergebracht, direkt gegenüber dem Nordausgang des Hauptbahnhofs.

Reservierungen und Auskünfte: Tel.: 270 62 10 oder 0177/825 47 46.

Potsdam ist von Wasser umgeben und vom Schiff aus besonders schön anzusehen. Das Potsdamer

Wassertaxi

verkehrt regelmäßig auf der Havel und den Seen. Fahrplan und Infos: www.potsdamer-wassertaxi.de. Außerdem gibt es mehrmals am Tag Sightseeingtouren rund um die Stadt und ihre Schlösser. Mehr: www.schiffahrt-in-potsdam.de. Potsdams Seen sind sauber und verlocken im Sommer zum

Baden

. Der Landschaftsschutz verbietet es aber an vielen Stellen. Eine schöne und legale Bademöglichkeit liegt in der Mitte der Seestraße am Heiligen See, dort gibt es klares Wasser, aber keine Liegewiese. Die hat dafür das

Strandbad

im Park Babelsberg, unweit der Humboldtbrücke.

Reiseführer/Literatur

Potsdam und Umgebung, Christiane Petri, DuMont Verlag, 25,90 Euro. Kein langatmiger Kunstreiseführer, sondern eine gelungene Einführung in die Kultur und Geschichte Potsdams, dazu praktische Tipps.

Damals im Café Heider

, Martin Ahrends, Eigenverlag, 29,90 Euro. In Form von Interviews gibt das Buch einen faszinierenden Einblick in die alternative Szene Potsdams in den 70er und 80er Jahren. Zu kaufen nur in den Buchhandlungen von Potsdams Innenstadt, zum Beispiel bei Wist – Der Literaturladen, Dortustraße 17, Tel.: 280 04 52.

Information

Weitere Tipps, Bücher, Kultur- und Veranstaltungsprogramm: Potsdamer Touristeninformation, Brandenburger Straße 3, Tel.: 275 58-0, www.potsdamtourismus.de


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