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Probleme der Klimaanlagen im ICE: Reisen mit Mehdorns Rache

Das Himmelfahrtswochenende endete für manche Bahnfahrer in der Vorhölle. Durch die sommerlichen Temperaturen versagten mal wieder die Klimaanlagen - auch im ICE unseres Redakteurs.

Von Till Bartels

Der Vatikan hat sie 2007 abgeschafft, die Bahn hat sie vergangenes Jahr wieder eingeführt: die Vorhölle. Temperaturen von 40 Grad plus sind in den Hightech-Zügen der Bahn inzwischen die Regel, wenn die Klimaanlage ihren Dienst quittiert. Denn kaum scheint die Sonne etwas kräftiger, geraten Klimatechnik und Passagiere an ihre Grenzen.

Bereits an den warmen Ostertagen setzten die vom vergangenen Jahr bekannte Probleme bei der Bahn wieder ein. War es nur ein Einzelfall? Nein, denn mit dem meteorologischen Sommeranfang zum 1. Juni werden bei Reisenden alte Erinnerungen wach. Nein, viel schlimmer: Sie sind wieder Realität.

Schwitzen in überfüllten Zügen

Ich durfte am Sonntag am eigenen Leib erfahren, was die Bahn aus den Pannen im letzten Sommer gelernt hat: nämlich wenig. Auf der Fahrt von München nach Hamburg kündigte der Zugchef des bereits verspäteten ICE vor dem Umsteigen in Würzburg an, welche Anschlusszüge noch warten - kein Wort vom ICE nach Hamburg.

Der war nicht etwa abgefahren, sondern noch gar nicht eingetroffen. 20 Minuten Verspätung. Ein Grund zur Freude. Doch die verflog, als ich mit der Reservierung in der Hand den Wagen 32 betreten wollte: gähnende Leere an einem Sonntagnachmittag. Ein handgeschriebener Zettel am Geisterwaggon verriet: Klimaanlage defekt.

"Das ist schon wieder einer dieser Sonntage", entschuldigte sich der Zugbegleiter. In drei der 14 Wagen war die Klimaanlage ausgefallen. So saßen im überfüllten ICE die Bahnkunden trotz Reservierung in den Gängen und auf den Fußböden vor den WC-Türen. Macht nix, denn die Hälfte der Toiletten war eh defekt.

Von diesen Sonntagen dürften wir noch viele erleben. "Das wird die nächsten Jahre so bleiben", beruhigte uns der Zugbegleiter. Der alte Bahnchef habe so viele Werkstätten und Ersatzteillager schließen lassen, argumentierte er, dass die Reparaturen an den Zügen nicht rasch genug durchgeführt werden. Seinen ICE nannte er bitter "Mehdorns Rache". Ich verzog mich in den Speisewagen und wartete auf einen freien Platz. Doch ab Göttingen wurde das Servieren eingestellt. Der Küche war das Wasser zum Kochen ausgegangen.

20 Züge mit Problemen

Erinnern wir uns: Nach den Pannen mit den Sauna-Zügen hatte die Bahn vergangenes Jahr versprochen, sie wolle in Zukunft besser kommunizieren. Nichts davon. Keine Ansage auf dem Bahnsteig, welche Waggons vom Ausfall betroffen sind. Während der Fahrt kein aktives Verteilen von Gutscheinen oder Erstattungsanträgen für die wertlosen Platzreservierungen. Die Ausgabe von kostenlosen Tetra Paks mit lauwarmen Mineralwasser wirkte da eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Nicht nur Reisende im ICE 90 waren an diesem Wochenende betroffen. Eine Bahnsprecherin räumte ein, dass bei 20 Zügen Probleme mit den Klimaanlagen auftraten. So wurde am Bielefelder Hauptbahnhof der ICE 548 von Berlin nach Köln sogar komplett geräumt. Wer denkt, ein Ausweichen auf ältere IC-Züge würde helfen, bei normalen Temperaturen zu reisen, wurde an diesem Wochenende eines Besseren belehrt: Auch diese Bahnen waren von den Ausfällen betroffen.

Verspätung all-inclusive

Ironie des Bahnfahrer-Schicksals: In meinem ICE 90 dürften sich am Sonntag einige Reisende auch heftig erkältet haben. Denn ein Waggon war nicht überhitzt, sondern wie zum Ausgleich tiefgekühlt: Die Reisenden saßen schlotternd mit Jacken und Pullis auf ihren Plätzen. Positiv jedoch fiel mir auf, dass am Ende der Reise der Zugchef auf die Ansage "Senk ju vor träwelling" verzichtete.

In Hamburg traf ich mit nur 50 Minuten Verspätung ein. Glück für die Bahn. Denn erst bei mehr als einer Stunde Verspätung gibt es 25 Prozent des Ticketpreises als Entschädigung zurück. Bei meinen Bahnreisen im letzten Sommer hatten die Abweichungen vom Fahrplan noch zwischen 70 Minuten und über zwei Stunden betragen.

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