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Sachsen-Anhalt: Nächste Ausfahrt "Himmelswege"

Sie ist die älteste Sternenkarte, die wir kennen. Rund 3.600 Jahre lag die Himmelsscheibe von Nebra nur wenige Zentimeter unter der Erde verborgen. Jetzt ist das Glanzstück in Halle zu sehen, dem Ausgangspunkt der neuen Reiseroute "Himmelswege", die selbst NASA-Forscher begeistert.

Von Dana Trenkner

Diese Geschichte hat das Zeug zum Bestseller: Eine 3.600 Jahre alte Schatzkarte, gemeine Räuber, furchtlose Helden und ein Happy End. Sie beginnt vor 3.600 Jahren auf dem Mittelberg im Süden Sachsen-Anhalts und endet im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, wo ein Herr mit Brille und bayrischem Akzent gerade die Tür aufschließt. Eineinhalb Jahre wurde das Museum generalsaniert, jetzt steht es Besuchern wieder offen. Das sagenumwobene Original der bronzezeitlichen Himmelsscheibe leuchtet hier geheimnisvoll in einem schwarzen Raum, darüber funkelt ein Sternenhimmel.

"Nach dem Bau 1911 wurde das Haus nur noch angefasst, um es zu verunstalten", erzählt Museumsdirektor Harald Meller und wettert: "In anderen Museen müssen wir ehrfürchtig an langen Vitrinen mit Faustkeilen entlang marschieren. Da ist der Neandertaler nur ein stammelnder, keulenschwingender Dummkopf, und wir sind die Intelligenzbestien mit dem Laptop". In Halle haben die Archäologen eine moderne Ausstellung zur Jungstein- und Bronzezeit geschaffen, die dem Besucher nichts vorschreibt. Hier ist der Faustkeil kein Kunstwerk, sondern Teil einer Lebensrealität.

Und die wird nicht ausgestellt, sondern inszeniert. 3.700 Steinbeile, alles Originale, regnen auf einen Baumstamm nieder, monumentale Gräber mit kompletten Familien sind als Blockbergung an die Wand gebracht, ein saalhoher, eiszeitlicher Gletscher bricht durch die Wand, Absperrungen sucht man vergebens. Wer mehr sehen will, kann an den Schubladen der Vitrinen in die Tiefe gehen. Beim Rundgang kommt es auf den eigenen Horizont an. Auf Kinderhöhe verstecken sich weitere Schubladen und kleine Fenster.

Der Taschenkalender aus der Vorzeit

Prunkstück des Museums ist die Himmelsscheibe, die für die archäologische Welt ähnlich bedeutend ist wie Ötzi oder das Grab des Pharao Tut-ench-Amun, denn sie erzählt die Geschichte unserer Vorfahren neu. Wie eine Art Taschenkalender aus der Vorzeit diente sie unter anderem dazu, die Abweichungen zwischen Mondkalender und Sonnenjahr mittels einer Schaltregel in Einklang zu bringen und so auch Saat- und Erntetermine zu bestimmen. "So komplexes Wissen hatte unseren bronzezeitlichen Vorfahren bisher niemand zugetraut, das hat uns alle total verblüfft", sagt Meller.

Die Raubgräber hielten die Scheibe zunächst für einen alten Eimerdeckel und gaben ihr mit der Hacke ordentlich eins mit, bevor sie das komische Bronzeding am 4. Juli 1999 auf dem Rücksitz ihres Trabi neben bronzenen Schwertern und Armspiralen nächtens nach Hause kutschierten. Dort wuschen sie den vorzeitlichen Dreck mit Spüli ab und wischten anschließend mit Akupatz nach. Meller könnte heute noch heulen, wenn er daran denkt.

Nach mehreren dubiosen Verkäufen kam ein Sammler im Februar 2002 auf die glorreiche Idee, die Scheibe ausgerechnet dem sachsen-anhaltischen Landesarchäologen zum Kauf anzubieten. Meller spielte mit, bis die Polizei aus dem Nebenzimmer kam. Nicht ganz ungefährlich, aber lohnenswert, denn ohne den bronzenen Goldschatz gäbe es heute weder ein teuer saniertes Landesmuseum, noch die Himmelswege-Stationen, die jetzt sogar auf der Autobahn ausgeschildert sind.

Die Arche von Nebra

Zweite Station der Route ist das verschlafene Örtchen Wangen bei Nebra, rund 50 Kilometer von Halle. Hier schwebt scheinbar eine goldene Arche über dem Unstruttal. Ein Raumschiff aus der Bronzezeit, beladen mit Wissen für die Menschen von heute. Das multimediale Besucher- und Informationszentrum ist symbolisch der Himmelsbarke auf der Scheibe nachempfunden und soll auf 1.400 Quadratmetern Einblick in das Leben der frühen Astronomen geben. Ganz in der Nähe ragt ein 30 Meter hoher Aussichtsturm in den Himmel. Hier wurde die Scheibe, vermutlich als Gabe an die Götter, vergraben.

Wer steht zufällig vor dem Eingang? Hoher Besuch von der Nasa, einer der Chefs des ISS-Programms und der Mars-Mission. Jesco von Puttkammer vom Office of Space Operations (OSO) staunt: "Die ganze Kultur der Menschheit baut auf unseren Himmelsbeobachtungen, und hier sind ihre Ursprünge zu sehen. Sachsen-Anhalt hatte ich mir ganz anders vorgestellt, aber jetzt bin ich begeistert", sprachs und entschwebt mit dem Wirtschaftsminister des Landes.

Das älteste Sonnenobservatorium der Welt

Es scheint, als müsste man in Sachsen-Anhalt nur einen Spaten in die Erde stechen, um archäologisch Bedeutsames zu finden. Nur 18 Kilometer von der Arche entfernt, in Langeneichstädt, haben Mellers fleißige Kollegen ein Großsteingrab ausgegraben, das von den Jenseitsvorstellungen steinzeitlicher Menschen zeugt - die dritte Himmelswege-Station. 32 Kilometer von Nebra ragen die 1.675 Eichenstämme des mit 7.000 Jahren ältesten Sonnenobservatoriums der Welt aus dem Boden, das Luftbildarchäologen 1991 entdeckten. "Nur noch dunkle Verfärbungen im Boden waren von der gewaltigen Anlage zu sehen und die Stämme längst verfault", erklärt der Archäologe und Sprecher des Landesmuseums, Alfred Reichenberger. Die Nachfahren der ersten Bauern Europas bestimmten rund 4.800 vor Christus ihre Saat- und Erntezeiten mit Hilfe des hölzernen Sonnentempels - der auch Kultstätte war - nach ähnlichem Prinzip wie mit der Himmelsscheibe. "Der Fund war ein Glückstreffer, denn schon 2.000 Jahre vor Stonehenge erforschten hier Steinzeitmagier den Himmel. Stonehenge ist aus Stein und war einfacher zu entdecken", sagt er.

Rund 10,6 Millionen Euro haben die EU, der Bund und das Land in die Tourismusroute gesteckt. Doch die Risikoinvestition scheint sich zu lohnen. Über 100.000 Besucher zählte die Arche Nebra seit ihrer Eröffnung im Juni 2007, die Wangener kamen aus dem Stauen nicht mehr raus, wer da alles zu ihrer "Orche" hochkraxelte. Kultusminister Olbertz hält 300.000 Besucher für das Landesmuseum im ersten Jahr für "durchaus realistisch", und selbst Goseck, das eigentlich nirgendwo in der Nähe liegt, übertrifft die Erwartungen. Es sieht so aus, als hätten die Sachsen-Anhalter, die geschichtlich vor 1990 nur von 1945 bis 1952 zusammen gehörten, mit der Scheibe etwas wirklich Identitätsstiftendes gefunden.

Die Botschaft ihrer Himmelswege ist einfach: Die Menschen vor 3.600 Jahren waren nicht viel anders als wir, auf der Suche nach den Geheimnissen des Lebens. Und nachts sahen sie die gleichen Sterne.

Infos Himmelswege-Stationen

Dass Wissenschaftler in Sachsen-Anhalt so viel archäologisch Bedeutsames finden, ist kein Zufall. Eines der wichtigsten Zentren im vorgeschichtlichen Europa befand sich in Mitteldeutschland. Fruchtbare Böden, reiche Salzvorkommen und sich kreuzende Handelswege machten die Region zum bevorzugten Siedlungsraum.

Am 21. Juni wird die Arche Nebra ein Jahr alt und lädt zum Sonnenwendfest. Auch im Gosecker Sonnenobservatorium wird der längste Tag des Jahres gefeiert. In Nebra werden ab 13 Uhr Führungen angeboten.

Informationen zu allen Stationen unter www.himmelswege.de
und www.sachsen-anhalt-tourismus.de
Hier können auch Pauschalen gebucht werden. Von der Wochenendtour mit dem eigenen Auto, bis zum einwöchigen Aktiverlebnis per Fahrrad oder Kanu.

Landesmuseum für Vorgeschichte und
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie
Richard-Wagner-Str. 9-10, 06114 Halle, Tel. 0345 - 52 47 30
www.archlsa.de
Arche Nebra
An der Steinklöbe 16, 06642 Wangen, Tel. 034461 - 25 750
www.himmelsscheibe-erleben.de
Gosecker Sonnenobservatorium e.V.
Burgstraße 53/Schloß, 06667 Goseck, Tel. 03443-284489
Am Schloss Goseck gibt ein umfassender Infopoint Auskunft über die Nutzung desSonnenobservatoriums und seine Erbauer.
www.gosecker-sonnenobservatorium.de
Dolmengöttin von Langeneichstädt
Warteverein e.V. Langeneichstädt, Ansprechpartner; Herr Kaminsky, Tel. 034632 - 40 162
Die Ausgrabungen sind frei zugänglich. Führungen sind nach Anmeldung möglich. Das Original der Dolmengöttin steht im Landesmuseum für Vorgeschichte.

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