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Trampen: Mit dem Daumen im Wind

Wird die Reise per Anhalter in Zeiten der Krise wieder populär? Unser Autor hat sich an den Straßenrand gestellt. Ein Selbstversuch von Berlin nach Hamburg.

Von Roland Brockmann

Der Weg zum Asphalt führt über das Internet. Zulange ist es her, dass ich selbst den Daumen raus hielt, aber an eines erinnere ich mich noch: Zunächst muss man mal von der Stadt wegkommen. Man braucht einen Lift, mindestens bis zur nächsten Raststätte. Aber wo starten? Autobahnen werden nicht vom öffentlichen Nahverkehr versorgt.

Die Internetseite hitchbase.com kennt die Antwort. Egal ob Argentinien oder Türkei, die Datenbank des Trampwesens hat den passenden Tipp für die erste Mitfahrgelegenheit; kommentiert und aktualisiert durch Gleichgesinnte.

Für die Strecke von Berlin nach Hamburg klingt das so: "Tegel, Kurt-Schumacher-Damm, etwa 200 m bis zum Beginn der A11. Man stelle sich mit Daumen raus in die Bucht, fragt Mitnahmewillige an der Tanke oder man geht noch 50 m bis an die Ampel direkt an der Auffahrt und fragt bei Rotphasen die Mitnahmewilligen." Prädikat: Zwei Daumen nach oben. Klingt gut, aber der Eintrag stammt von 2004. Darauf will ich mich nicht verlassen. "Superplatz!!!!" heißt es noch 2006, dann "Baustelle im Tunnel" - und endlich 2009: "Der Spot jetzt wieder geöffnet". Keine Frage: Die deutsche Gilde der Tramper ist bestens organisiert.

350 Kilometer in einem Rutsch

Vor der Tegeler Tanke stehe ich nun. Sieht wirklich ideal aus; wer auf die Autobahn will muss sich hier rechts halten, die Parkbucht bietet genug Platz zum Anhalten. Optimistisch halte ich meine handgemalte "HH"-Pappe in den Wind. Trampen braucht Technik.

Strahlender Sonnenschein. Schmetterlinge im Bauch. Ich bin längst Familienvater, meine letzte Tramp-Episode liegt eine Dekade zurück. 1997 wollten wir an der ostdeutschen Ostseeküste zum nächsten Badeort. Das klappte prima. Danach Kenia, 2001, als der Zug von Nairobi Richtung Mombasa liegen blieb. Sengende Hitze, mit dem Rollkoffer über Geröll und Gleise zur Straße; nach nur zwei Minuten hielt ein Laster. Auch gut gegangen.

Nun Berlin - Hamburg, 350 Kilometer, A1, die alte Transitstrecke. Da werden ganz andere Erinnerungen wach: schikanöse Grenzkontrollen etwa; aber für Tramper war‘s optimal. Zwischen Zarrentin und Stolpe ging es eisern gerade aus - Abbiegen durch Vopos verboten. Damals rutschte man in einem Lift durch. Heute gibt es Mitfahrzentralen und braucht die Bahn nur noch zwei Stunden. Doch die kostet im ICE fast siebzig Euro; die Mitfahrgelegenheit immerhin 15 Euro.

In Zeiten der Krise können sich die hohen Fahrtkosten nicht alle leisten - etwa Anna Motzel, 24, die plötzlich neben mir auftaucht. Ohne Pappschild streckt sie den Arm mit erhobenem Daumen energisch dem Verkehr entgegen. Sie will nach Kiel. Ob über Hamburg oder anders ist ihr egal. Nur erst mal weg von hier. Ein Schild mit der Enddestination, belehrt die erfahrene Tramperin mich, verschreckt viele Autofahrer nur: "Die denken‚ soweit fahre ich ja nicht - also halten sie erst gar nicht."

Warten auf den nächsten Lift

Ich stehe hier nun seit 30 Minuten. LKWs, Lieferwagen und PKWs rauschen an mir vorbei, ohne anzuhalten. Ich habe kaum Gepäck, bin adrett gekleidet. Was mache ich falsch? Aus Langeweile zähle ich die Wagen mit Hamburger Nummernschild. Auf über zehn komme ich nicht.

Da stoppt ein kanariengelber Ka - allerdings weder für Anna oder mich. Der Fahrer will nur die Straßenkarte studieren. Anna klopft trotzdem an seine Scheibe. Der Mann am Steuer drückt auf einen Knopf, das Beifahrerfenster surrt lautlos runter, - "Ja?" - "Nach Kiel, aber die nächste Raststätte wäre auch super". Der Mittdreißiger mit Dreitagebart steckt bereits in der Tramperfalle - sobald persönlicher Kontakt besteht, fällt es schwerer, jemanden abzulehnen.

Ich könnte auf dem Rücksitz mitkommen. Aber der Mann fährt nur bis zum nächsten Rasthof, Stolpe, sechs Kilometer von hier; für Anna ein erster Schritt in die richtige Richtung, eigentlich auch für mich - aber ich will direkt reisen. Was passiert, wenn ich am Rasthof stranden sollte? Von dort geht es nur schwer zurück. Also harre ich aus. Die Ziel-Pappe wie ein Schild vor meiner Brust. Ein Glücksritter am Straßenrand, der irgendwann anfängt, die Minuten zu zählen, denn es hält einfach niemand an.

An der Tanke besorge ich mir Zigaretten und Kaffee, stelle mich wieder an die Ausbuchtung und träume von alten Zeiten, als Trampen noch einem alternativen Volkssport glich: von Kassel bis nach Katmandu immer nur dem Daumen nach. Ganze Pulks von Hippies standen einst am Parkstreifen von Dreilinden. Irgendwann hielt immer ein Wagen.

Aus solchen Träumen weckt mich ein dunkler BMW, der in der Parkbucht anhält. Ich gebe mir einen Ruck und gehe auf den Wagen zu. Ja, man muss die Leute ansprechen! Aber da gibt der Fahrer Gas - weg ist er.

Aus der Traum. Ich gebe auf, klappe meine Pappe zu und trolle mich Richtung U-Bahnhof, sechs Stationen bis nach Hause.

Hilfreiche Internet-Links

Deutscher Tramperverein: http://abgefahren.hitchbase.comTipps rund ums Trampen: http://trampen.veitkuehne.deOrtsdatenbank für Tramper: www.hitchbase.com

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