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Urlaub in der Heimat: Ein Urwald für alle

Wald- und wasserreich, mit rauem Charme, zieht sie sich durch zwei Bundesländer von Aachen bis nach Trier - die Eifel.

Heute gibt es Zeugnisse. 87 Absolventen haben sich im Gemeinderaum oberhalb des Stausees versammelt, und viele von ihnen wirken nervös, weil sie sich nicht sicher gewesen sind, ob in totem Holz 1000 Insektenarten leben oder doch nur 100. Erst als die Chefprüferin verkündet, dass keiner der Anwesenden durchgefallen ist, weicht die Spannung, beklatschen sich die Schüler selbst: Sie sind Urwaldführer geworden. Künftig werden sie Touristen durch die neue Hauptattraktion des Mittelgebirges Eifel führen: den Nationalpark, gegründet zum Jahresanfang 2004 als 15. seiner Art in Deutschland.

Neben der Prüferin, die jedem Waldführer sein Zeugnis überreicht, steht Henning Walter, ein Mann mit Pudellocken, feinem Schnurrbart und stark durchbluteten Wangen. Walter blickt noch stolzer als die Absolventen: Er ist der Oberförster des Urwalds, er hat den Nationalpark miterfunden. Als der gebürtige Westfale vor über 25 Jahren seine erste Stelle in der Eifel antrat, erlebte er etwas Seltsames. Auf seine Frage, ob die jeweilige Gemeinde bereits zur Eifel gehöre, bekam er regelmäßig die Antwort: "Nein, die beginnt erst im nächsten Ort." Walter: "Für die meisten schien die Eifel damals ein Schandfleck zu sein."

Kühle Schönheit und rauer Charme

Henning Walter kannte natürlich die Eifelhöhen und ihren rauen Charme; er kannte die kargen Landstriche, die sich ausstrecken wie ein kalter Ozean und die nur durch Buchenhecken gegliedert werden. Henning Walter hatte auch die Geschichten von früher gehört, als man die Eifel ein Armenhaus nannte, weil der dürre Boden und heftige Niederschläge eine ertragreiche Landwirtschaft nahezu unmöglich machten.

Walter erschien der angebliche Schandfleck eher als kühle Schönheit, die erobert werden will. Denn der Forstmann sah auch jene Wälder, die sich majestätisch auf den Höhen erheben, als wollten sie stummen Widerspruch einlegen gegen die Ödnis der Heckenfelder. Irgendwann auf seinen Wanderungen zwischen den Bäumen ist ihm die Idee gekommen, dass man hieraus eine Region machen könnte, in der die Natur sich selbst überlassen bliebe, gänzlich ungeplant. Ein Urwald, in dessen Wachsen und Vergehen die Menschenhand nicht mehr eingreift.

"Schön, ne?"

"Dieser Urwald darf aber kein Selbstzweck sein, er soll Wanderer und Ausflügler anziehen sowie Menschen, die Ruhe suchen", sagt Walter heute. Bisher hat die Landschaft vor allem viele Camper angelockt, die mit ihren Wohnwagen in die Täler hineinrollen, um dort Kolonien zu bilden und mit einer Flasche Bier in der Hand auf eine der vielen Eifelburgen zu schauen und zu sagen: "Schön, ne?" Die Mehrzahl der Touristen ist lediglich bis Monschau gelangt, dessen beschauliches Altstadt-Ensemble Jahr für Jahr 1,7 Millionen Gäste anzieht; die meisten von ihnen essen ein Stück Kuchen oder trinken ein Glas vom Eifelschnaps Elz und bleiben nur bis zum frühen Abend, weshalb Monschau nach 18 Uhr einem geschlossenen Museum gleicht.Der Plan, den Henning Walter zusammen mit seinen Mitarbeitern vom Forstamt fasste, lautete: die Eifel vereinen! Eine Idee, auf die nur ein Zugezogener wie Walter kommen konnte - verband doch die Eifelorte oft nicht mehr als eine von Herzen kommende Ignoranz oder gar Abneigung. Die Bewohner von Kalterherberg etwa werden heute noch in den Nachbardörfern "die Ochsen" genannt, die von Simmerath "die Esel". Nur die Bewohner der Stadt Höfen haben einen schönen Namen, sie sind "die Schmetterlinge", wie Ortsvorsteher Heinz Kerkmann verrät. Mit dem Projekt Nationalpark scheint die Versöhnung der Trotzköpfe auf dem Weg zu sein.

Höfen liegt im Monschauer Land, auf einer windigen Höhe, umlagert von vielen Feldern. Etwas mehr als 2000 Menschen leben hier - oft hinter gewaltigen Buchenhecken, die bis zu neun Meter hoch gewachsen sind. Höfen ist eine Heckenstadt, und Ortsvorsteher Kerkmann präsentiert die Gewächse wie ein Juwelier seine Kostbarkeiten: "Die Längste misst 40 Meter", sagt er, "und die Älteste ist vor 300 Jahren gepflanzt worden." Die Blattfront ist gen Westen gerichtet: "Weil von dort der Wind kommt und mit ihm Regen oder Schnee." Die Häuser werden auf diese Weise gegen die schneidende Kälte im Winter geschützt - einmalig in Europa. Nur in Japan gebe es etwas Vergleichbares, behauptet Kerkmann. Er verschweigt, dass in Kalterherberg, keine zwei Kilometer entfernt, auch solche Hecken wachsen.

Kilometerweit kein Anzeichen von Zivilisation

Die Eifel kann karg sein; sie kann aber auch von berauschender Schönheit sein. Wer von Nordosten über die Orte Nideggen und Heimbach naht, fährt idyllische Waldstraßen hinauf, die sich hinziehen wie gewundene Bäche. Kilometerweit kein Anzeichen von Zivilisation. Nur Grün auf allen Seiten - helles Laubgrün, dunkles Nadelgrün, zartes Buschgrün. Und da es fast auf Niveau null losgeht, ist der Weg bis auf 600 Meter Höhe lang.

Es kommt der Eindruck eines fernen Ortes auf, von Kanada etwa. Besonders, wenn sich plötzlich die Aussicht auf die großen Stauseen der Urft und Rur öffnet: auf ein gewaltiges Wasserreservoir, das tief zwischen zwei Höhenzügen liegt. Die Übergänge von Berg zu Wasser sind spektakulär: An manchen Stellen fallen die Hänge hinunter zum Wasser so steil ab wie Felswände im Gebirge. Statt Gemsen klettern hier Wildschafe rum. Eine Welt in Grün und Blau.

Er kommt vom Wald nicht los

Ralf Hilgers kennt diese Welt, seit er als Kind in den Wald aufbrach, um dort Abenteuer zu erleben. Seither kommt er vom Wald nicht los. Der Hilgers Ralf, wie er sich vorstellt, hat seit 1983 als Waldarbeiter geschuftet; ist jeden Morgen, bei Sonne wie Regen, mit der Motorsäge losgezogen, hat gearbeitet, bis die Dauervibration seinen Fingerspitzen jedes Gefühl raubte und sein Rücken vom Bücken und Schleppen krumm wurde. Dann beschloss das Forstamt, einen Nationalpark anzulegen und den Wald sich selbst zu überlassen. Statt sägen zu gehen, lernte Hilgers bei einer Umschulung mit anderen Waldarbeitern die Bäume zu verstehen. Inzwischen ist er Ranger und trägt einen Hut wie seine Kollegen in den US-Nationalparks. "Früher", sagt der Mann mit dem John-Wayne-Gang, "habe ich einen Baum angeschaut und mir gesagt, der bringt 5000 Mark. Heute staune ich über die Pflanzen, die in seinem Schatten wachsen."

Wo überwintern die Fledermäuse?

Ein Ranger hat die Aufgabe, den Wald zu kontrollieren, ihm beim Gedeihen zuzuschauen und zu protokollieren, wo sich was verändert und an welchen Stellen die Vögel ihre Nester bauen. Er soll wissen, wo die Wildkatzen streunen und in welchem Dunkel die Fledermäuse überwintern. Außerdem soll er Wanderern helfen, die sich verlaufen haben. Und Liebespärchen, die er auf einer Waldwiese erwischt, soll er beibringen: "Bitte bleibt auf den Wegen." Denn ein Wald kann nur Urwald werden, wenn man ihn in Ruhe lässt.Um zu zeigen, wie es einmal überall im Nationalpark aussehen soll, schlägt Hilgers den Weg ein zu einem Buchenhain. Ein Baum, der hier umfällt, bleibt liegen. Äste, die abknicken, werden nicht aufgelesen. Niemand lichtet das Unterholz. Auf den ersten Blick: Chaos. Tatsächlich eine geordnete Welt, hier regieren die Gesetze der Natur - ausschließlich. Dieser Wald sei etwas Besonderes, sagt der Ranger. Offensichtlich beeindruckt die Wildnis auch die Besucher; eine der am meisten gestellten Fragen von Wanderern ist: "Kostet der Urwald Eintritt?"

Der Nationalpark passt nicht allen

Die Region ist im Umbruch, vom vergessenen Land zum Platz für sanften Tourismus. Das Land Nordrhein-Westfalen hat immer wieder versucht, der Nordeifel den Rücken zu stärken, hat die Bauern ermuntert, auf Bio-Fleisch zu setzen, hat Solaranlagen auf Scheunendächer und Windräder auf die Höhenwiesen gestellt. All das hat relativ wenig gefruchtet; erst jetzt, mit dem Nationalpark, scheint ein Mittel gefunden, das Schwung bringt in die Region: Bis zu zwei Millionen Besucher pro Jahr werden hier erwartet, doppelt so viele wie bisher.Doch dort, wo sich etwas ändert, tauchen auch Menschen auf, die das Neue aufhalten wollen. Sie leben zum Beispiel in Wolfgarten, einem winzigen Ort, der gerade seine erste Kanalisation erhält. Wolfgarten ist in den Wald hineingebaut, die Wege, die von den Häusern in das Grüne führen, wirken wie Versorgungsstränge. Die Menschen hier leben seit Generationen von dem, was der Wald hergibt: von Holz, Wild, Beeren, Pilzen. Damit soll jetzt Schluss sein, verlangt das Forstamt, schließlich soll der Urwald unberührt bleiben von Menschenhand.

"Jetzt müssen wir wach werden"

"Mein Vater rauft sich jeden Tag die Haare vor Wut", sagt Karl Heinz Kruff, gebürtiger Wolfgartener, der zusammen mit seiner Frau Else die Kermeterschänke betreibt. "Für ihn ist der Nationalpark eine einzige Sauerei." Bislang kehrten vor allem Jäger in Kruffs Schänke ein und erzählten von den erlegten Hirschen und Keilern. Die Jäger, die guten Umsatz brachten, bleiben jetzt aus, denn das Schießen ist weitgehend verboten im Nationalpark. Während sich Kruff senior ärgert, setzt sein Sohn darauf, dass das einstige Armenhaus für Touristen attraktiv wird. "Wir wollen den neuen Gästen auch etwas bieten", sagt er. "Wir haben 20 Jahre lange geschlummert, jetzt müssen wir wach werden." Also hat er das Restaurant um einen Wintergarten vergrößert.

Oliver Creutz / print

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