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In der Verkehrsleitzentrale Stuttgart: Streik verursacht Chaos auf den Straßen

Die Stadt Stuttgart ist in Sachen Staus einiges gewöhnt. Das Chaos, das der Bahnstreik auf den Straßen dort auslöste, überraschte aber auch die Verkehrsleitzentrale. Der stern war vor Ort.

Von Ingrid Eißele

Viel zu tun während des Bahnstreiks: die Verkehrsleitzentrale in Stuttgart

Viel zu tun während des Bahnstreiks: die Verkehrsleitzentrale in Stuttgart

Man kann nicht erwarten, dass sich Verkehrsplaner besonders über einen Stau aufregen. Das ist ihr täglich Brot. Aber was am ersten Streiktag der Bahn auf den Straßen in und um Stuttgart los war, dafür hat Ralf Thomas, 39, Leiter der Integrierten Verkehrsleitzentrale in Bad Cannstatt, nur ein einziges Wort: "Hammer!" Thomas hat eine Karte ausgedruckt. Sie zeigt die Region Stuttgart am Donnerstag, 10 Uhr. Rot gleich Stau. Nahezu jede Einfallsstraße nach Stuttgart ist rot eingefärbt.

An diesem Morgen, als der Streik begann, gab es nicht nur den üblichen Stau der Berufspendler auf ein, zwei Einfallsstraßen. Die Region Stuttgart, ein Ballungsraum mit 2,7 Millionen Menschen, stand seit dem frühen Morgen nahezu still. 400.000 Fahrzeuge fahren täglich aus dem Umland durch das Zentrum von Stuttgart, genauso viele verlassen das Stadtgebiet am Abend. "Schon ohne Bahnstreik sind die Straßen überlastet", erklärt Thomas. Gestern aber kamen noch tausende Umsteiger hinzu. Auf einer Skala von eins – alles fließt – bis zehn lag der gefühlte Wert für Ralf Thomas "bei zehn. Schlimmer kann es nicht mehr kommen."

Wenig zu steuern

In der Integrierten Leitzentrale sitzen ein halbes Dutzend Controller an ihren Bildschirmen, mit Blick auf die Bilder von Überwachungskameras, die den Verkehrsfluss an neuralgischen Punkten in der Stadt zeigen, beispielsweise im Schwanentunnel, bei der Schwabengarage oder am Marienplatz. Vier Institutionen arbeiten Schreibtisch an Schreibtisch – vorne links die Polizei, vorne rechts die Stuttgarter Straßenbahnen, hinten links ein Mitarbeiter vom Ordnungsamt der Stadt, hinten rechts sein Kollege vom Tiefbauamt. Sie steuern die Anzeigen auf den elektronischen Anzeigentafeln längs der Bundesstraßen und leiten den Verkehr in Stuttgart auf Umleitungsstrecken.

Aber was kann man steuern an einem Tag wie Donnersta? "Wenig", bekennt Thomas. "Dieser Bahnstreik ist ein Sonderfall." Natürlich lässt sich der Verkehr beispielsweise durch Ampelschaltung beeinflussen, aber was hilft die, wenn auch sämtliche Umleitungsstrecken dicht sind?

Immerhin, ein Rat der Leitzentrale wurde beherzigt. "Die Leute sind viel früher losgefahren als sonst." Die nächste Welle wird für den Abend erwartet, allerdings sind heute merklich weniger Autofahrer unterwegs. Viele haben sich auf den Streik eingestellt - und einen freien Tag genommen.

Stuttgart eine der stauträchtigsten Städte

Stuttgart gilt als eine der stauträchtigsten Städte in Deutschland. Am schlimmsten sei die Situation aber nicht in der Innenstadt, sagt Thomas, sondern im Umland, vor allem auf der Autobahn. "Ist die A 8 zu, läuft bei uns die Innenstadt über", sagt Thomas. Anders als beispielsweise München hat Stuttgart, das im Talkessel liegt, keinen Verkehrsring, der die Innenstadt entlastet. "Man kann nicht ausweichen, es geht nur durch die Stadt." Dort aber will man die Verkehrsmassen nicht mehr haben, die Anwohner fühlen sich durch Feinstaub und Lärm extrem belastet.

Blitzer am effektivsten

Thomas sehnt nicht nur das Ende des Bahnstreiks herbei, sondern auch moderne Navigationssysteme, die das Leitsystem mit dem Navi im Auto vernetzen und den Fahrern beispielsweise blitzschnelle Alternativen anbieten können, wenn Straßen dicht oder Parkhäuser überfüllt sind. Mit Tomtom und Garmin sei man im Gespräch, wie sich Staus auf diese Weise vermeiden lassen. Allerdings: "Wir stehen noch am Anfang." Die Interessen seien doch sehr unterschiedlich. Die Hersteller wollten ihren Kunden den schnellsten Weg zeigen, die Leitzentrale habe auch die Interessen von Fußgängern, Radfahrern und Anwohnern im Blick.

Solange regelt die Stadt Stuttgart den Verkehr mit Ampeln, Informationen auf elektronischen Anzeigetafeln und – sofern er läuft – mit Blitzern. Das effektvollste Steuerungsinstrument überhaupt, sagt Ralf Thomas und hebt seinen Geldbeutel vom Schreibtisch. "Einsicht allein bewegt nicht genug, es muss weh tun." Seit neue Blitzer die Bundesstraße in der Stuttgarter Innenstadt säumen, fahren die meisten Autofahrer strikt Tempo fünfzig. "Es gibt kaum noch Tempoüberschreitungen."

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