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Wandern im Herbst: Besser als Fantasy

Ideale Temperaturen und Wälder, die Hobbits neidisch machen. Der Feldberg im Hochschwarzwald begeistert unseren Wanderexperten - und seinen kritischen Sohn. Sechs Vorschläge für Wanderungen in deutschen Wäldern.

Von Bernd Schwer

Wir stapfen seit einer halben Stunde bergauf, als wieder ein Baumstamm quer über dem Pfad liegt - der dritte. Kahl und glatt wie die anderen, hat er seine Rinde längst verloren und leuchtet weiß in der Morgensonne. Ein paar letzte Äste ragen in die Luft, und Sohlenabdrücke auf dem hellen Holz verraten uns, dass wir an diesem klaren Herbsttag hier nicht die ersten Wanderer sind. Wer den "Felsenweg" am Feldberg im Hochschwarzwald geht, sollte nicht nur steiles Gelände mögen, sondern auch nichts dabei finden, ab und an Hindernisse zu überwinden.

"Keine Ablatsch-Wander-Autobahn"

An den steilen Ostflanken des Feldbergs bleibt gebrochenes und gestürztes Holz mit voller Absicht liegen: Hier soll wieder ein Urwald heranwachsen, eine natürliche Mischung aus Tannen, Fichten und Buchen, die der Witterung in rund 1200 Meter Höhe besser trotzen und in der mehr Tier- und Pflanzenarten leben können als in Fichtenplantagen. Zudem macht es besonderen Spaß, durch solch einen wilden Wald zu stapfen, wie mein Sohn feststellt: "Cool hier. Keine Ablatsch-Wander-Autobahn." So nennt er die breiten, zweispurigen Waldwege, ohne die in Deutschland kaum ein ordentlicher Forst auszukommen scheint.

Auf dem "Felsenweg" aber ist alles anders: Wir folgen einem schmalen, steinigen Pfad, der mal bergauf führt, dann einen Felsvorsprung umrundet, sich an den Hangfalten entlangwindet und in einer kleinen, steilen Schlucht abwärts weist. Mal kraxeln wir über die mächtigen Wurzelstränge riesiger Schwarzwaldtannen, mal balancieren wir über glitschige Steine. Schließlich überqueren wir eine Holzbrücke, unter der ein Bach in die Tiefe schießt. Von dort sind es noch ein paar Schritte bis zu einem sonnenbeschienenen Aussichtspunkt. Mein Sohn und ich sind uns spontan einig: Das ist unser Rastplatz. Einen besseren werden wir an diesem Tag nicht mehr finden.

Der Ruhepol liegt auf einem kleinen Balkon: eine vorspringende Nase, vor unseren Füßen bricht der Hang fast senkrecht ab. Wir lehnen uns an die Wurzeln einer gewaltigen Fichte, der Boden ist dick und weich mit Nadeln gepolstert, ein Natursofa. Unter uns, in einem engen Kar, liegt der Feldsee. An den Hängen rundum leuchtet das Grün der Nadelhölzer, durchwirkt vom Gelb und Braun einzelner Laubbäume - an solch einem Herbsttag mit seiner klaren Luft erstrahlt alles in extrasatten Farben.

Weite und Wälder im Hochschwarzwald

Vor gut zwei Stunden sind wir in Fleecejacken und Mützen losmarschiert, froh, die Handschuhe nicht vergessen zu haben: Der Morgen im Tal roch nach Kaminfeuer, Reif lag auf den Wiesen. Jetzt, gegen Mittag, ist alles weggetaut, und wir rasten hoch oben im T-Shirt. Temperaturschwankungen, die nur der Herbst beschert: Die Sonne läuft spät im Jahr zu großer Form auf, und der Winter scheint eine Möglichkeit in ferner Zukunft zu sein.

Roman, 18 Jahre, isst zufrieden sein Brot. Einmal im Jahr gehen wir eine Woche zusammen wandern. In dieser Oktoberwoche haben wir es besonders gut erwischt: allerbestes Wetter, dazu die Naturkulisse des Hochschwarzwalds. Mein Sohn ist nicht gerade anspruchslos. Zum einen war er einige Jahre lang Pfadfinder und hat sich seine ersten Wandererlebnisse auf irischen Hügeln geholt, in den slowenischen Alpen und an norwegischen Fjorden. Der "Herr der Ringe" vollendete seine Naturerziehung. Zuerst verschlang er die drei Wälzer des Autors J.R.R. Tolkien. Darauf folgte Peter Jacksons Kinoversion mit ihrer atemberaubenden Kulisse: Berg- und Traumlandschaften in Neuseeland. Und schließlich lud er sich das Hörbuch auf seinen iPod.

Solche Fantasy-Bilder von Weite und Wäldern konkurrieren natürlich mit der Realität. Eine Wanderung muss darum, wenn sie aus Sicht meines Sohnes gelingen sollte, schon ein Abenteuer bieten - und ganz sicher war ich mir nicht, ob der Schwarzwald da mithalten konnte. Konnte er aber. Als wir am Nachmittag wieder vom Feldberg-Gipfel abstiegen, machte Roman unserer Wandertour das größtmögliche Kompliment: "Der ,Herr der Ringe‘, der war jetzt mal gar nichts dagegen."

Sechs Tipps für Wanderungen im Herbst

Leckere Waldbeeren sind reif, und Couch Potatoes schwitzen nicht bei der kleinsten Steigung. Wir sagen, wo die Natur im Herbst besonders nett zu Wanderern ist.

Felsenweg im Hochschwarzwald: Unser Autor und sein Sohn machten eine Rundwanderung, Dauer 3-4 Stunden. Start am "Haus der Natur" am Feldberger Hof. Übernachtungstipp: "Berghotel Jägermatt" auf dem Feldberg in gut 1200 Meter Höhe, Tel. 07676-92 620, www.berghotel-jaegermatt.de; DZ/F ab 52 Euro. Mehr Infos zur Feldbergregion: www.naturpark-suedschwarzwald.de und www.feldberg-schwarzwald.de

Expeditionen in der Eifel

: Ranger und Naturführer bieten Wanderungen durch das Hohe Venn und den Nationalpark. Themen sind zum Beispiel Pilze, Biber, Fossilien oder Fledermäuse. Auch Planwagenfahrten und Radtouren. Naturpark Nordeifel, Tel. 02486-91 1117, www.naturpark-hohesvenn-eifel.de, www.eifel-expeditionen.eu

Obstgenuss im Saarland

: Wandern und Radeln durch die "Äppelkeschd" auf "Premium-Wegen", durch Flusstäler, vorbei an Streuobstwiesen. Unterwegs ein Gläschen "Viez", frischen Apfelwein. Schön: der Tiefenbach-Pfad ab St. Wendel oder der Losheimer Felsenweg. Fremdenverkehrsamt Merzig, Tel. 06861-852 21, www.wanderbares-saarland.de; individuell oder pauschal: 6 Ü ab 249 Euro p.P.

Rotweinprobe im Ahrtal

: 35 Kilometer von Bad Bodendorf nach Altenahr durch Weinberge, wo Blauer Spätburgunder, Portugieser und Dornfelder reifen. Lese ist meist im Oktober. Einkehrtipp: Flammkuchen und ein Schoppen im Augustinerkloster Marienthal, Tel. 02641-980 60, www.weingut-kloster-marienthal.de. Infos: Ahr-Rhein-Eifel-Tourismus, Tel. 02641-977 30, www.ahr-rotweinwanderweg.de

Königssee und Steinernes Meer in Oberbayern

: Bei Föhn klettern die Temperaturen auf 20 Grad und mehr. Urig: Die Gotzenalm auf dem Watzmann mit tollem Panoramablick ist bis Mitte Oktober geöffnet, Tel. 08652-69 09 00, www.gotzenalm.de Infos allgemein: Tourismusregion Berchtesgaden, Tel. 08652-96 70, www.berchtesgadener-land.info, www.nationalpark-berchtesgaden.bayern.de

Walchensee im Voralpenland

: Etwa sechs Kilometer wandert man durch das Landschaftsschutzgebiet entlang des Ufers von Niedernach nach Urfeld. Karwendel und Herzogstand bilden die Kulisse (siehe auch Titelfoto). Einkehrtipp: "Panoramahotel-Seerestaurant Karwendelblick" in Urfeld, www.hotel-karwendelblick.vpweb.de; DZ ab 42 Euro

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