HOME

Davoser Sommer: Stadt über den Wolken

Von wegen, Schweizer seien geizig. Davos, die Stadt des World Economic Forum, hilft beim Abbau des privaten Defizits. Die Oberländer geben ihren Gästen viele Dinge umsonst, die traditionell das Ferienbudget belasten.

Von Marina/Gernot Kramper

Was die Schweiz als Urlaubsland betrifft, gibt es für uns EU-Europäer zwei gute Nachrichten. Die Erste: Seit der Einführung des Euro ist die Schweiz nicht mehr viel teurer und somit als Destination viel attraktiver als früher, als es Wein und Espresso in Italien fast geschenkt gab.

Schlau sind sie dabei auch, die Schweizer! Nur einheimische Produkte, möglichst naturbelassen und unbehandelt kommen auf den Tisch. Das ergibt nicht nur den unverwechselbar ursprünglichen Geschmack, sondern hat auch sonst politisch eine Menge positive Nebeneffekte. So werden alle Milchprodukte direkt vom Bauern am Berg in die jeweiligen Molkereien gebracht, wo sie nicht nur zu Ende gelagert, sondern auch professionell vermarktet und verkauft werden. Da kann der Gammelfleisch geplagte Geiz-Deutsche nur lernen.

Morbus Zauberberg

Wenn die Reise nach Davos im Kanton Graubünden führt, denkt man unvermeidlich an die morbide Welt von Thomas Manns Zauberberg. Im wunschlosen Kranksein dahinparlierende reiche Leidende gibt es im Hotel Schatzalp schon lange nicht mehr. Davos ist mit 12.560 Einwohnern auf 1600 Metern über dem Meeresspiegel die höchstgelegene Stadt Europas. Das sagt sich leicht, bedeutet aber tatsächlich, dass Davos ein urban-kulturelles Angebot hat, wie es nur eine Stadt bieten kann. Inmitten einer Natur, die zum Wandern, Skilaufen und allen anderen Out-Door-Sportarten nur so einlädt. Diese einzigartige Kombination macht den besonderen Reiz im Sommer wie im Winter aus. Urlauber, die die größtmögliche Einöde suchen, werden schockiert sein, aber alle, die flanieren oder shoppen möchten, können sich per Seilbahn in wenigen Minuten in die grandiose Bergwelt katapultieren lassen. Diese Verknüpfung von Urbanität und Alm hat im Sommer seine Reize, fällt aber in der Wintersaison noch stärker ins Gewicht. Wenn andere Destinationen außer Bar, Hotel und Lift nur Auslauf auf 1000 Meter geräumter Hauptstraße bieten, prunkt hier eine lebendige Stadt mit den schönsten Boutiquen, mit Museen und Kultur. Zahlreiche Sportangebote garantieren sommers wie winters abwechslungsreiche Tage. Gebirgsseen zum Segeln und Schwimmen, Mountainbiketrails, Reiten, Tennis, Outdooreislaufen und natürlich endlose Wanderwege für alle Konditionsstufen. Dazu Shoppingmöglichkeiten auf dem neusten Stand der Mode, Boutiquen von Gucci bis Billabong.

Freigiebige Schweizer

Damit man sich die guten Dinge leisten kann, gibt es erstaunliche Angebote. Die Restaurants bieten in der Sommersaison einen "Dine around"-Service. Mit gebuchter Halbpension und einem Coupon kann man jeden Abend in einem anderen Hotel oder Restaurant des Ortes und der Umgebung essen gehen. So viele Häuser machen beim "Dine around"-Service mit, dass der Gast abwechslungsreich und mehrere Gänge quasi à la carte essen kann und dies zum kalkulierbaren Pensions-Preis. Der Vorteil der Abwechslung liegt auf der Hand, der Preisvorteil zum Urlaub mit Frühstück und individuellem Abendessen dürfte für ein Paar bei etwa 30 Euro pro Tag liegen.

Mit einem anderen Angebot sind die sparsamen Schweizer noch weiter über ihren Schatten gesprungen. In diesem Jahr gab es erstmals die "Davos Inclusive Card". Alle Gäste, die einen kommerziell vermieteten Betrieb gebucht haben, erhalten die Karte ohne Zuzahlung. Hauptattraktion ist die vollkommen kostenlose Benutzung aller Bergbahnen. Zusätzlich gibt es zahlreiche weitere Gratis-Benutzungen, herausragend die Strecke mit der weltberühmten Rhätischen Bahn von Davos Monstein nach Klosters. Natürlich kann auch der Bus in Davos benutzt werden. Jetzt ist es in Davos problemlos möglich, Wanderungen oder auch kleinere Spaziergänge in die Bergwelt zu unternehmen, ohne jedes Mal kalkulieren zu müssen. Der Preisvorteil für eine vierköpfige Familie sollte etwa 50 Euro pro Tag betragen. Schön, dass es die attraktive Offerte auch im nächsten Jahr gibt.

Im Bann der Sanatorien

Literarische Berühmtheit erlangte die Stadt in den Alpen durch Thomas Manns "Zauberberg". Einem für viele Davoser zweifelhaftem Ruhm, denn man ist nicht nur stolz auf dieses aufgesetzte Image. So gleichgesetzt wurden Stadt und Krankheit, dass ein harmlosen Husten in Deutschland mit "Letzte Grüße aus Davos" quittiert wurde. Tatsächlich eröffnete Dr. Albert Spengler gemeinsam mit dem Holländer Willem Jan Holsboer 1868 die erste Lungenkuranstalt Spengler-Holboer. Letzterer war auch der Begründer der Rhätischen Bahn, die schnell die Verbindung zur Außenwelt herstellte und Davos zu Beginn des 20. Jahrhunderts einem ernormen Wachstumsschub bescherte. Ein eigenes Englisches Viertel mitsamt Kirche entstand, Teetrinken will auch im Exil entsprechend zelebriert sein. Damals ließ sich Arthur Conan Doyle, der Erfinder des Sherlock Holmes, von den Reizen der Berge zu Kriminalgeschichten inspirieren.

Die Penicillintablette machte den Kuraufenthalt nach dem Zweiten Weltkrieg über Nacht überflüssig. Dennoch kündet das Stadtbild architektonisch immer noch von diesen Zeiten. Die ehemals großen Kliniken besiedeln die Hänge oberhalb der Stadt, sind vielfach aber zu Hotelbauten umgestaltet. In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts fühlte sich der Davoser dem Geiste des aufkeimenden Bauhauses verpflichtet. Hell und licht sollte es sein. Kein Haus in Davos hat, ganz unschweizerisch, ein spitzes Chalet-Dach, dafür trägt man oben ohne. Begründet wurde diese Besonderheit mit dem Hereinlassen von Sonne und Luft. Das "kalt hinterlüftete" Davoser Flachdach prägt das Stadtbild mehr, als es den Davosern heute recht sein kann. Freunde der "Heidi"-Romantik sollten nicht im Ort unterkommen, sie finden in Klosters oder in den Seitentälern von Davos kleine und romantische Orte. In der Stadt verströmen manche Gebäude aus vergangenen Zeiten den Charme einer alten Schauspielerin, die den Unterschied zwischen Theater und Varieté nicht mehr wahrnehmen kann. Gestützt wird dieser Eindruck durch freudig vergossenen Beton, der seine Nüchternheit auch durch Art-déco-Zierrat nicht verbergen kann.

Stadt der Ökonomen, der Kultur und des Sports

Heute ist Davos den Nicht-Skiläufern vor allem als Kongressstadt bekannt. Das "World Economic Forum" spült Bill Clinton sowie Angelina Jolie ins Belvedere, dem Ersten Haus am Platz. Auf Großleinwänden werden die Reden in alle Hotels und auf Plätze übertragen. Die zahlreichen Kongresse bieten ein gutes Pflaster für kulturelle Veranstaltungen. Konzerte wie die "young artists in concert" und Festivals wie das Jazz-festival "Davos sounds good" sind weit über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt. Freiluftkinos zeigen familientaugliches Entertainment. Für Kunstinteressierte prägte der expressionischtische Maler Ludwig Kirchner das Stadtbild, mit seinen farbigen und überaus modernen Gebirgsbildern setzte er dem Ort ein Denkmal.

1917 kam er nach Davos und blieb hier bis zu seinem Freitod im Jahre 1938. Das 1992 gebaute Kirchner-Museum sorgt auch in architektonischer Hinsicht für Aufsehen. Dieser "Kristall aus gläsernen Kuben" wurde von den jungen Architekten Gigon und Guyer entworfen, heute beherbergt er mit mehr als 500 Werken die größte Kirchner-Sammlung überhaupt.

Stadt der Einflüsse

Im Herbst präsentiert sich Davos manchmal als "Stadt in den Wolken". Auch bei diesem Wetter liegt ein eigentümlicher Charme über der Stadt. Kaffeehäuser wie das renommierte "Schneiders", das sich erfolgreich dem Druck der Bauhausmoderne widersetzen konnte und sein Chaletdach als einziges Haus in Davos erhalten konnte, werden zum Lieblingsplatz des flanierenden Reisenden. Kino und das Spielkasino ohne Kleiderordnung zur attraktiven Abendunterhaltung. Zahllose Bars mit und ohne Pianos künden von den Freuden zwischen Après-Ski und Literaturzirkel. Davos zeigt sich innerlich wach und äußerlich auf merkwürdige Weise verschlafen. Davos erscheint von den Bergen aus wie ein Gefäß, eine offene Schale, in das verschiedenste kulturelle Strömungen ihre Ausformungen ergießen: Kongresse, Politik, Medizin, Lifestyle, Nachleben, Literatur, Kunst, Musik und nicht zu vergessen der Sport, sie alle haben sich in das Stadtbild eingegraben, ihre tiefen Spuren hinterlassen und einen Platz im Nebeneinander gefunden. Und Davos hat es zugelassen, hat sich bereitwillig geöffnet für diese unterschiedlichen Welten. Wahrscheinlich sind die Berge ringsherum einfach mächtig, alt und majestätisch genug, um dem Treiben im Tal mit Gelassenheit zu begegnen.

Wissenscommunity