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Griechenland : Kreta jenseits der Bettenburgen: Trekking durch Natur und Einsamkeit

Um auf Kreta die Hotelanlagen und Pauschaltouristen zu vergessen, muss man nur einmal die Berge überqueren. Wer die Südküste entlangwandert, kann die Schönheit der Insel fast ganz allein genießen.

Von Raphael Geiger

Auf dem Weg entlang der Südwestküste Kretas trifft man beim Wandern über Stunden kaum auf andere Menschen.

Auf dem Weg entlang der Südwestküste Kretas trifft man beim Wandern über Stunden kaum auf andere Menschen.

Der Weg beginnt an einer Lagune ganz im Süden von Europa, wo das Libysche Meer seine Wellen bis kurz vor die Zelte nackt badender Hippies spült. Es ist ein Ort, an dem alles wirkt, als wäre es schon immer so gewesen.

Das Wasser, der Sand, die Hippies und die Berge gleich dahinter, die das Leben hier abschirmen. Eine Barriere gegen alles, was die Menschen hier nicht mögen: Schnelligkeit, Ungeduld, Lärm. All das bleibt nördlich der Berge.

Die Lagune, sie heißt Elafonissi, liegt am Ende einer Autofahrt, die am Flughafen von Chania beginnt. Am Flughafen trennen sich die Wege. Die allermeisten Urlauber lassen sich in eins der All-inclusive- Hotels bringen, die sich in ein paar wenigen Touristenorten entlang der Nordküste von Kreta ballen.

Europäischer Fernwanderweg auf Kreta

Kreta boomt – es lebt fast nur von diesem Tourismus, von den Millionen, die hier jedes Jahr verlässliche Wärme und eine Strandbar suchen und ihr Hotel kaum verlassen. Dabei verpassen sie die wilde Schönheit auf der anderen Seite der Insel, südlich der Berge. Die Steilküste dort verhindert größere Hotels, manche Orte erreicht man nur mit der Fähre. Oder wandernd.

Immer das Meer im Blick: Wandern auf Kreta.

Immer das Meer im Blick: Wandern auf Kreta.

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Die Straßen werden schmaler Richtung Süden, sie führen durch Dörfer, über Pässe, Elafonissi erreicht man am Ende nur noch auf einem Schotterweg. Man hört das Meer und sonst nicht mehr viel. Der Strand streckt sich wie eine Landzunge ins Meer hinein, so ist eine Lagune entstanden. Auf einem Schild steht: E4, Europäischer Fernwanderweg. Der beginnt zurzeit in Spanien, führt über Frankreich in die Alpen, weiter nach Ungarn und über den Balkan nach Griechenland, wo er vom Festland nach Kreta springt. Östlich von Elafonissi liegt die kretische Südküste, man kann sie auf dem E4 in großen Teilen entlangwandern – und sich dabei fragen, ob das hier wirklich dieselbe Insel ist, auf der man zusammen mit den Pauschaltouristen aus dem Flugzeug stieg.

Zivilisationsentzug als Droge

Von Elafonissi aus geht es immer weiter weg von Straßen und Häusern, links die Berge, rechts das Meer. In einer der Buchten, die nur über diesen Weg erreichbar ist, sitzen an diesem Morgen ein Mann und eine Frau im Sand und spielen ein Lied auf ihren Ukulelen. Dazu singen sie, nur für sich. Sie haben die Augen geschlossen. Vielleicht sind sie seit Tagen hier, vielleicht seit Wochen, vielleicht wissen sie es selbst nicht mehr, es interessiert sie wahrscheinlich nicht. In fast jeder Bucht trifft man auf Menschen wie sie: Weltflüchtlinge, die wirken, als würden sie nichts vermissen.

Der Weg führt zwischen den Buchten steil bergauf, die Kilometer wollen erkämpft werden, 18 sind es auf der ersten Tagesetappe. Man muss sich konzentrieren, darf nicht einen Schritt zu weit nach rechts machen, in die Tiefe. Manchmal kommt eine Stunde lang niemand entgegen. Und bald wünscht man sich, dieser Küstenpfad würde niemals wieder auf menschliche Besiedlung treffen. Wasser gibt es unterwegs an einem Brunnen. Ist einem heiß, springt man ins Meer. Das Alleinsein kann süchtig machen. Als wäre Zivilisationsentzug eine Droge.

Man hat die Wahl: entweder im nächsten Hafenort, Paleochora, ins Hotel einchecken, sich in der Dusche den Dreck abwaschen, danach in der Taverne Fisch essen. Oder, falls man der Menschheit am späten Nachmittag immer noch nicht wieder begegnen möchte: sich den Dreck im Meer abwaschen und die Nacht im Zelt verbringen. Das Zelt kann man aufschlagen, wo einem danach ist. Im Sand. Auf einem der Berge. Diese Seite von Kreta bietet nichts außer Natur und Einsamkeit, aber eins doch noch: Freiheit. Warum überhaupt ein Zelt? Warum nicht unter freiem Himmel schlafen?

Im Hafen von Agia Roumeli: Sind die Beine müde, lässt sich der Weg entlang der Südküste mit der Fähre abkürzen.

Im Hafen von Agia Roumeli: Sind die Beine müde, lässt sich der Weg entlang der Südküste mit der Fähre abkürzen.

Getty Images

Paleochora liegt auf dem Weg und muss auf jeden Fall durchquert werden, ein Zwischenstopp in der Zivilisation. Die hält einen Vorteil bereit: den einzigartigen griechischen Eiskaffee, Freddo Espresso oder Freddo Cappuccino, er macht den Wandertag garantiert besser.

Der zweite Tag fängt mit einer Überraschung an: Man hat Lust, weiterzugehen, obwohl die Füße schmerzen, der linke Knöchel aufgeschürft ist. Egal. Den Rucksack umschnallen und losgehen, das ist ein Glück.

Auf Paleochora folgt das noch kleinere Dorf Sougia und nach der dritten Tagesetappe das winzige Agia Roumeli, das nicht mehr ans Straßennetz angeschlossen ist. Eine Fähre pendelt die Küste entlang – als Alternative, wenn die Füße mal zu sehr schmerzen. In Agia Roumeli teilt sich der Weg. Der E4 führt weiter die Küste entlang. Geht man stattdessen nach Norden, gelangt man in die Samaria-Schlucht. Mit 17 Kilometern einer der längsten Canyons in Europa.

Wie lange wandern?

Die kretische Südküste ist einsam, aber es ist nie zu weit zum nächsten Ort, zur nächsten Fähre, zum nächsten Bus. Man kann es darauf ankommen lassen: Wie lange schaffe ich es? Dieser Wanderweg ist gut, um ein paar Tage abzuschalten. Er hat aber auch Potenzial für eine lange Auszeit.

Die einen kriegt dieser Weg mit seinen sportlichen Herausforderungen. Andere mit seinen unfassbar schönen Ausblicken aufs Meer. Wieder andere lieben dieses seltsam ruhige Glück, eins mit sich zu sein, das jene Menschen ausstrahlen, die in den Buchten ihr Lager aufgeschlagen haben und die Zeit vergessen.

Die Tage vergehen in Schritten, und eine Leichtigkeit zieht im Kopf ein. Den Freddo Espresso im Strohhalm trinkt man jeden Morgen langsamer: die sogenannte Freddo-Espresso-Meditation. Man hört auf, die Stunden zu zählen, die Welt liegt links versteckt hinter den Bergen und rechts hinter dem Meer. Die Welt ist gar nicht da, man sieht nur Grün und Blau. Schöne Farben.

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Eine Kellnerin mit Tellern in der Hand.

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