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ARD-Autorin Annette Dittert: Leben im Brexit-Land: Warum man England zugleich lieben und hassen kann

Seit vielen Jahren lebt Annette Dittert in Großbritannien. Die ARD-Autorin beschreibt in ihrem Buch "London Calling" ihr Leben als Deutsche auf der Insel. Im Interview spricht sie auch darüber, wie der Brexit ihre Wahlheimat verändert.

Annette Dittert

Annette Dittert war ARD-Korrespondentin in Großbritannien

Sie lebt auf ihrem Hausboot "Emilia" an einem idyllischen kleinen Kanal mitten in London. Und fühlte sich nach ihrer Ankunft in Großbritannien vor fast zehn Jahren nach einem langen Wanderleben als ARD-Korrespondentin endlich angekommen. Doch dann kam der Brexit. Und Annette Dittert merkte, wie sich das Land veränderte. Um zu verstehen, was mit ihrer Wahl-Heimat passiert ist, reiste sie in diesem Jahr noch einmal intensiv durch London und England, vom rauen Osten der Hauptstadt bis zum englischen Traditionsort Rugby, von der Portobello Road bis in die armen Viertel von Hull, von der Wohnung ihres Nachbarn und Paddington-Autor Michael Bond bis zu einem bankrotten Baron in alten Gemäuern. Wer ihren Reisen folgt, versteht, warum man England zugleich lieben und hassen kann. Und was der feine Unterschied ist zwischen einer Heimat und einem Zuhause.

Frau Dittert, haben Sie nach dem Brexit-Votum gedacht: Ich muss jetzt hier weg?

Nein, das hat eine Weile gedauert, bis ich überhaupt wirklich begriffen habe, was da passiert war. Ich hatte an diesem Tag für die ARD aus Edinburgh berichtet. Als ich im Zug zurück nach London saß und am Telefon Deutsch sprach, verstummte plötzlich das ganze Abteil – erst da habe ich verstanden, dass jetzt etwas anders war. Meine Sitznachbarin, eine junge Frau, Anfang 20, brach in Tränen aus: "I'm so sorry, es tut mir so Leid, wir wollten doch gar nicht, dass ihr jetzt gehen müsst." Das war der Moment, in dem mir allmählich dämmerte, was passiert war. Erst da habe ich verstanden, dass wir Europäer und damit auch ich jetzt nicht mehr wirklich und ungefragt dazu gehören, in diesem Land.

Auch ein Jahr danach fragen sich immer noch viele: Was ist das passiert. Verstehen Sie es jetzt besser?

Ja und Nein. Denn je genauer man nachfragt, desto vielfältiger werden die Gründe für das Brexit-Votum. Denn im Wesentlichen hat der Brexit mit Europa oder gar der EU gar nichts zu tun. Das Referendum wurde ja nicht einberufen, weil im Land eine Stimmung gegen Europa herrschte, das Thema hat vorher niemanden interessiert, sondern einfach deshalb, weil Cameron den extremen Partei-Flügel seiner Tories stilllegen wollte. Doch dann wurde das Referendum von der Bevölkerung genutzt, um dem verhassten reichen London eins auszuwischen, um der Regierung Widerstand zu zeigen, um die Banken aus dem Land zu jagen, um latente Fremdenfeindlichkeit zu artikulieren. Angeheizt und angefacht von Populisten, die ihr eigenes Süppchen kochten. Jeder hatte seine eigenen vielfältigen Motive der Unzufriedenheit. Und so ist das passiert. Ein tragischer Unfall der Geschichte.

Im Buch zeigen Sie auch die verletzte Seele Londons, die Ausgestoßenen und Abgehängten...

...auch das war natürlich einer der Gründe für den Brexit.

"London hat nicht für den Brexit gestimmt"

London ist, das zeigen Sie, eine schwierige Stadt. Die einen nicht unbedingt mit offenen Armen empfängt...

Mich schon. Ich habe London als außerordentlich warme und fast liebevolle Stadt empfunden, als ich hier landete. Ich kam aus New York, auch einer aufregenden Stadt, die im Vergleich aber hektisch und anstrengend ist, in der ich mich aber nie wirklich zu Hause gefühlt habe. London hingegen empfing mich sanft und freundlich, an einem warmen Apriltag, und ich wusste gleich, dass ich hier bleiben wollen würde. Ein Freund hat London einmal eine unverlassbare Stadt genannt, und irgendwie trifft es das, auch heute noch, nach dem Brexit.

Das hat sich nicht geändert?

Nein. London ist London. London hat nicht für den Brexit gestimmt und man spürt es hier am allerwenigsten. London ist mein Zuhause. Umso härter war es für mich persönlich, dass insgesamt auf der Insel die Nähe zu Europa nun plötzlich so in Frage gestellt wurde. Das hat auch mein Lebensgefühl ganz grundlegend verändert. Am Anfang habe ich es fast persönlich genommen. Jetzt ist es eher wie ein permanenter Schatten, der über meinem Kanal liegt, und der sich auch in den glücklichsten Momenten nicht mehr ganz auflöst. Aber man lernt, damit zu leben.

Was bewirkt dieser Schatten?

Vor allem mache ich mir Sorgen. Dieser Brexit ist ein absehbares ökonomisches Desaster, die meisten Briten ahnen das mittlerweile. Aber es gibt sie tatsächlich noch immer, diese Keep-Calm-und-Carry-On-Mentalität: Jetzt müssen wir da durch und irgendwie wird das schon, wir haben schließlich auch den Krieg gewonnen. Also werden wir auch diese Katastrophe überleben. Dabei wird die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nostalgisch verklärt – in Wirklichkeit war das eine sehr, sehr schwierige Zeit für die Briten. Vor allem für die, die nicht zur Upper Class gehörten. Und auch diesmal werden nicht die Reichen zahlen, sondern die normalen Briten, die Working Class vor allem. Für die wird es bitter. Und das Schlimme ist, es gibt auch jenseits der konservativen Partei keine Opposition gegen die Brexit-Clique in der Regierung. Corbyn, der Labour-Führer, ist ein heimlicher Brexiteer, ein Altlinker, der in Brüssel die Verschwörung des internationalen Kapitals vermutet. Und das heißt, auch von Labour-Seite ist derzeit nicht viel Common Sense zu erwarten. Beide großen Parteien sind zur Zeit in der Hand von ganz ähnlich ideologisch verblendeten und fundamentalistischen Flügeln. Und das ist beunruhigend.

Annette Dittert: "London Calling. Als Deutsche auf der Brexit-Insel"; Hoffmann und Campe, 271 S., 20 Euro

Annette Dittert: "London Calling. Als Deutsche auf der Brexit-Insel"; Hoffmann und Campe, 271 S., 20 Euro

Was hat sich für Sie verändert nach den Recherchen für das Buch?

Ich habe jetzt das Gefühl, ich brauche eine Wohnung in Berlin, also in Deutschland. Für den Fall, dass wirklich alles schief geht. Denn wenn es wirklich zum Brexit kommt, wird die Infrastruktur der Insel das nicht überleben. Grossbritannien ist schon jetzt ein Land voller sozialer Probleme. Und ich möchte nicht auf ein System angewiesen sein, in dem von Krankenversorgung bis zum öffentlichen Transport alles kollabiert. Man kann nur hoffen, dass der Pragmatismus der Engländer, der ebenfalls nicht nur Klischee ist, dass dieser Pragmatismus und gesunde Menschenverstand wiederkommt und diesem absehbaren Albtraum ein Ende bereitet. An guten Tagen hoffe ich darauf.

Ihr Buch durchzieht eine große Zuneigung zu dem Land...

Ja, klar. Sonst würde ich mich damit nicht so intensiv beschäftigen....

Aber Sie leiden auch an der Situation...

Natürlich.. und ich bin nicht die einzige – auch die Mehrheit der Briten leidet darunter. Und vielen ist das so peinlich, die möchten mit Europäern wie mir darüber am liebsten gar nicht mehr reden. Selbst die, die für den Brexit gestimmt haben, wissen mittlerweile, dass das wahrscheinlich so gar keine gute Idee war. Aber sie kommen da nicht mehr raus.

"Als Heimat sehe ich die Insel nicht mehr"

Sie haben also keine Hoffnung mehr – auf einen Exit vom Brexit?

Keine Ahnung, wie es endet. Ob vielleicht sogar mit einem No Deal, einem Ausstieg ohne Einigung. Die politische Situation hier ist so unberechenbar, das ist schwer vorherzusehen. Ob Theresa May diese Woche als Premierministerin überstehen wird, keine Ahnung. Jeden Tag gibt es neue Überraschungen. Aber besonders optimistisch bin ich derzeit nicht, dass es grundsätzlich noch einen Weg zurück gibt. Die Ideologen und Populisten, die allgemeine Unvernunft, hat das Land noch immer fest im Griff.

Wird London denn trotzdem Ihre Heimat bleiben?

Vielleicht nicht mehr meine Heimat, aber ganz sicher weiterhin mein Zuhause. Das hat sich geändert. Als Heimat sehe ich die Insel nicht mehr. Das ist vorbei. Zumindest im Moment. Heimat bedeutet doch das gewisse Etwas mehr. Das unbedingte, bedingungslose Dazugehören, egal was passiert. Und das ist nicht mehr da. Aber ein Zuhause bleibt es. Ich kann ja nicht einfach mit Emilia über die Nordsee nach Hamburg oder Berlin fahren. Sie ist schliesslich ein englisches Narrowboat, lang, bunt und quirky. Auf einem deutschen Kanal wäre sie so fehl am Platz wie ich mit ihr. Und London ist und bleibt die schönste Stadt der Welt. Daran wird auch der Brexit nichts ändern. Insofern, nein, vorerst wird der Anker nicht gelichtet.

Annette Dittert schreibt weiter von Emilia und London: @annettedittert und unter http://annettedittert.de

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