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M. Streck: Last Call: Die quälenden Tage von Manchester enden qualvoll

Die erstarkten Wahlverlierer von Labour feiern sich. Und die schwächelenden Sieger von den Konservativen zerreiben sich bei ihrem Parteitag. Theresa Mays verunglückte Rede zum Abschluss passt zum Bild.

Der britische Komiker Simon Brodkin reicht der britischen Premierministerin Theresa May symbolisch ihre Entlassung

Der britische Komiker Simon Brodkin reicht der britischen Premierministerin Theresa May während ihrer Rede am letzten Tag des Parteitags der britischen Konservativen ein P45-Formular, das in Großbritannien üblicherweise nach einer Entlassung ausgehändigt wird, um damit Arbeitslosengeld zu beantragen

Früher, als die Welt noch in Ordnung war und es noch keinen Brexit gab und Boris Johnson lediglich Bürgermeister von London war, hielt er bei den Parteitagen der Konservativen jedes Jahr eine Rede, auf die sich alle Delegierten freuten. Weil meistens geistreich und witzig und wortgewaltig. Vor allem aber ohne große Hintergedanken. David Cameron war Premierminister, George Osborne sein Schatzkanzler und Boris war einfach nur Boris.

Dann kam der Brexit.

Cameron schreibt nun seine Memoiren in einer Art Luxus-Laube. Osborne schreibt auch und zwar in seiner Eigenschaft als Chefredakteur des "London Evening Standard" Leitartikel gegen Theresa May und will dem Vernehmen nach nicht eher ruhen, bis die Premierministerin filetiert in Tiefkühlbeuteln in seinem Gefrierschrank ruht. Und Boris? Ist zwar längst nicht mehr nur Boris, sondern Außenminister mit großen innenpolitischen Ambitionen. Aber auch er schreibt. Vorzugsweise über den Brexit und wie er sich den, immerhin größter Wegbereiter, so vorstellt. Erst im "Daily Telegraph", für den er einst als Journalist diente, zuletzt in der "Sun". Johnson sorgt damit unablässig für Aufsehen, Unruhe und Furor. Weshalb vor dem Parteitag der Tories in Manchester die große Frage war, wie lange sich seine Chefin Theresa May noch von ihm her treiben lässt.

Auf Boris Johnson und seine Aussetzer ist Verlass

Man muss wissen: Es gibt zur Zeit nicht viel, worauf bei den Konservativen Verlass ist. Auf Johnson und seine Aussetzer aber schon. Anfang der Woche lief eine wenig schmeichelhafte Dokumentation auf Channel 4, in der Johnson auf Auslandstripp in Myanmar zu sehen ist, wie er ein Gedicht von Rudyard Kipling rezitiert über ein burmesisches Mädchen und damit um einen Haar einen diplomatischen Eklat ausgelöst hätte.

Am Dienstag nun sagte er, man müsse nur die Leichen aus den Straßen von Sirte in Libyen räumen, und schon könne daraus ein Tip-Top-Touristenort werden. Wieder Aufschrei. So ist das ständig mit Johnson. Er teilt aus. Frisst eine Weile Kreide. Teilt wieder aus. Frisst Kreide. Er kann nicht anders. In Manchester hielt er eine für seine Verhältnisse blasse und eklektische Rede, die vom dankbaren Auditorium dennoch und deshalb frenetisch gefeiert wurde, weil die Delegierten von den noch blasseren Vorrednern verbal anästhesiert worden waren.

Das war das Dilemma des gesamten Veranstaltung.

Draußen toben Protestler, drinnen tobt Kleinkrieg

Die Tories erlebten die fadeste Konferenz seit Menschengedenken, eine schmerzhafte Seelensuche, die auch den Zustand Partei und der gesamten Nation im Jahr eins nach Brexit reflektiert: Wo sind wir, wo stehen wir, wo wollen wir hin? Draußen vor den hohen Gittern lärmten Demonstranten "Tories Out", und drinnen sinnierten sie darüber, was so dramatisch schief laufen konnte in diesen zwölf Monaten seit sie sich trafen bei der letzten Konferenz in Birmingham, euphorisiert seinerzeit vom Referendum.

Ein Jahr kann eine verdammte Ewigkeit sein.

Jeder Parteitag hat seinen Star. 2016 hieß der Daniel Hannan, Europa-Abgeordneter und geistiger Architekt des Brexit. In diesem Jahr schlich Hannan eher unbehelligt durch die Flure, trat verhältnismäßig selten auf, wurde von einem Blogger lächerlich gemacht und erzählte, wenn er denn mal auftrat, von der rosigen Zukunft des Vereinten Königreichs, in etwa so rosig wie Singapur.

Fahrplan, Reisen, Proteste: Was passiert jetzt mit dem Brexit?

Dieses Jahr hatten die Tories gleich zwei Stars: Den ehrpusseligen Hinterbänkler Jacob Rees-Mogg, vor kurzem noch als Witzfigur belächelt, der nunmehr Hallen füllte, mit seinem näselndem Eton-Englisch den Brexit besang, damit vornehmlich ältere Damen zum Schwärmen brachte, von denen eine in Ohnmacht fiel. Er befriedete sogar Demonstranten, die eine seiner dreizehn Veranstaltung kurzzeitig kaperten. Sie beschimpften ihn erst, "Sie sind verabscheuungswürdig", wollten sich danach aber mit dem politischen Feind sogar brav fotografieren lassen.

Dieser Rees-Mogg war es schließlich auch, der die Atmosphäre auf den Punkt brachte: Die Konferenz fühle sich an wie eine Parteiveranstaltung in Nord Korea. Und es war kein Zufall, dass er dieses Verdikt ausgerechnet bei einer Diskussion mit dem Titel "Liegt das intellektuelle Momentum vollends bei den Linken?" zum Vortrag brachte. Denn der zweite Star, obschon physisch nicht anwesend, hing wie ein Gespenst über dem Gelände als ewige Referenzgröße: Jeremy Corbyn, der Labour-Chef und Alt-Linke, der bei der Konferenz der Seinen in Brighton vor Wochenfrist gefeiert wurde wie eine Mischung aus Rockstar und Messias. Und der – da schließt sich der Kreis – seinen Aufschwung ironischerweise Theresa May verdankt. Deren erratische Entscheidung, Neuwahlen auszurufen, brachte Labour überhaupt zurück in den Ring. Und Premierministerin in die Ring-Ecke, aus der sie nicht mehr heraus kommt.

Ein Festival der faden Redner

Und also feierten die Verlierer in Brighton ein fröhlich anarchistisches Fest, und die Gewinner in Manchester zerrieben sich in Flügelkämpfen über Boris und, inhaltlich armselig, über Brexit und die Zukunft der Partei. Die wenigen Jungen bei den Tories beneideten die Jungen von der anderen Partei. Sie hörten auf Veranstaltungen am Rande, den "Fringes", wie sich insbesondere alte Männer in die Welt der Jugend hineinzudenken versuchten und über Hausbau und sichere Renten nicht hinaus kamen. 

Auch in der Main Hall hörten sie, falls nicht zuvor geflüchtet, weitgehend leblose Reden weitgehend von alten Männern oder aberwitzig Selbstgefälliges etwa aus dem Mund der Entwicklungshilfeministerin Priti Patel, die es fertig brachte in kürzester Zeit 37 Mal das Personalpronomen "I" zu benutzen. Sonderlich attraktiv kann auf das junge Menschen nicht wirken. Den Tories fehlte es an Kraft, an Vision, an Ideen. Es fehlte in einem Wort: Leben.

So war das vier quälende Tage lang in Manchester beim Parteitag, der zu Ende gehen sollte mit einer kraftvollen Rede von May. Und dann zu Ende ging mit einer qualvollen Rede von May.

Sie begann stark, entschuldigte sich für die Neuwahlen, versprach Milliarden für den Wohnungsbau. Es schien anfangs, als könnte sie einen ihrer besseren Vorträge liefern. Dann aber stürmte ein Komödiant ans Pult und überreichte ihr ein Schriftstück, mit dem man in Großbritannien Arbeitslosengeld beantragt. Das lächelte und scherzte sie noch recht gekonnt weg. Räusperte sich hernach allerdings zusehends. Sie hüstelte, die Stimme versagte, sie schien den Tränen nahe, trank Wasser, hustete weiter, ihr Schatzkanzler reichte ihr Pastillen, nichts half. Es tat weh, ihr dabei zuzuschauen, wie sie sich tapfer und bis zum Schluss durch das Manuskript pflügte, während sich zu allem Überfluss hinter ihr auch noch ein Buchstabe aus dem Parteitag-Slogan von der Kulisse löste und zu Boden rauschte. Kein Klamauk-Regisseur hätte so ein Drehbuch zu schreiben gewagt. Sie wirkte in ihrer ganzen Verletzlichkeit aber eben auch so menschlich und warm wie nie zuvor.

Was bleibt? Die Erinnerung an diese Rede, die wie eine Metapher ihrer Amtszeit wirkte. Ein bisschen Erinnerung auch an Jacob Rees-Mogg und seine Brexit-Näseleien. Und bestimmt auch die Erinnerung daran, dass ausgerechnet die Konservativen fast neidisch auf Labour blickten.

Jeremy Corbyn, Labour-Chef und Tory-Gespenst, wird sich unterdessen an ruhige Tage erinnern in seinem Schrebergarten im Londoner Norden. Während die Tories ihre Seele suchten und nicht fanden, erntete er auf seiner kleinen Scholle in East Finchley Obst und Gemüse, stopfte das Grünzeug in die Satteltaschen seines Rades, trank ein Tässchen Tee in einem türkischen Café und sprach, es sei ein guter Sommer gewesen.

Er meinte damit nicht seine wiederbelebte Partei oder den moribunden politischen Gegner. Er meinte tatsächlich den Salat, der aus den Satteltaschen lugte. 

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