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Viel Lärm und (fast) nichts

Theresa May müsse die Rede ihres Leben liefern, hieß es in den Tagen vor der Ansprache der britischen Premierministerin zum Brexit in Florenz. Tat sie zwar nicht. Aber ihr warmer Ton war ein Signal zum Guten.

Die britische Premierministerin Theresa May bei ihrer Rede zum Brexit in Florenz

Historischer Schauplatz, aber keine historische Rede: Die britische Premierministerin Theresa May bei ihrem Auftritt in Florenz

hatte Florenz ganz bewusst gewählt als Bühne ihrer programmatischen Rede. Diese großartige und ikonische Stadt in der Toskana, Kapitale der Renaissance, Wirkungsstätte von Dante, Da Vinci, Michelangelo. Schauplatz famoser Duelle der größten Künstler und Denker ihrer Zeit. Aber eben auch, und das war der Hintergrund der Ortswahl, das historische Herz Europas, blühend einst als mächtiger Stadtstaat, Jahrhunderte bevor die europäische Idee geboren war. Später allerdings auch ziemlich pleite.

Boris Johnson, nicht Theresa May setzte die Agenda 

Es ging darüber hinaus aber auch um Mays ganz persönliche Renaissance. In Brüssel warten sie seit Monaten und mit zunehmender Ungeduld auf klare Ansagen aus London und wundern sich über die Briten, die stoisch oder störrisch Richtung -Austritt schlafwandeln.

Und in der Heimat gilt sie nach den desaströsen Wahlen im Juni als schwach und Premier auf Zeit. Seit Monaten köchelt eine Nachfolgediskussion, das Kabinett ist gespalten in Verfechter von hartem und weichem Brexit, der von gleich drei Ministerien orchestriert wird. Und als wäre das nicht schon chaotisch genug, muss sie ständig auch noch ihren Außenminister, den untherapierbaren Boris Johnson, einfangen. Der kann es nicht verwinden, bei den Austrittsverhandlungen lediglich Randfigur zu sein, obschon er im vergangenen Jahr noch das Gesicht des Brexit war. Vor Wochenfrist verfasste er einen Leitartikel für den "Daily Telegraph", in dem er – leicht abgewandelt – die Lügen der Leave-Kampagne schamlos wiederholte.

Der Zausel Johnson, nicht May, setzte damit die Agenda in den Tagen vor , in denen es hieß, die Premierministerin müsse nicht mehr und nicht weniger als die Rede ihres Lebens liefern. Was wiederum mehr oder weniger der Quadratur des Kreises gleich kommt. May, muss man wissen, ist an sich eine miese Rednerin, wie sie jüngst vor den Vereinten Nationen in New York abermals eindrucksvoll unter Beweis stellte. Selbst die konservative "Times" höhnte, ihr sei es gelungen, mit ihrem drögen Vortrag die Hälfte der Delegierten aus dem ohnehin nur spärlich gefüllten Saal zu langweilen.

Immerhin der Ton war versöhnlich und warm

Nun also Florenz, historische Stadt, aber keine historische Rede, kein Durchbruch und auch kein Befreiungsschlag. Was womöglich auch daran lag, dass ihr Kabinett tags zuvor beim Probelauf der Ansprache noch Änderungen verfügen durfte und eine ohnehin dünne Suppe damit weiter verwässerte. Einerseits.

Andererseits konnten nur Utopisten wirklich mehr erwarten als viel um (fast) nichts.

Der Ton, immerhin, war versöhnlich und warm und völlig anders als vor Monaten beim ersten Versuch im Lancaster House. Sie erklärte, dass ihr Land den Haushaltszahlungen selbstverständlich nachkommen werde und keinem EU-Land Nachteile entstehen sollten. Eine Summe, von Brüssel als Startpaket ernsthafter Verhandlungen gefordert, nannte sie nicht, aber signalisierte deutlich Entgegenkommen. Sie wurde auch durchaus konkret mit dem Wunsch nach einer zwei Jahre währenden Übergangsphase nach dem offiziellen Austritt. Die Briten wollen mithin noch ein Weilchen Mitglied des gemeinsamen Marktes und der Zollunion bleiben und auch den Millionen zusehends besorgten EU-Bürgern auf der Insel entgegenkommen und ihnen zumindest eine Zeitlang den Schutz europäischen Rechts zugestehen.

Keine historische Rede, aber ein Signal

Ketzer können nun einwenden: Die Briten spielen auf Zeit, wissend, dass bis März 2019 bei Weitem nicht alles verhandelt werden kann. Zwei Jahre "Übergangszeit" heißen de facto ja nichts anderes als Brexit 2021, den May ungewöhnlich konziliant umschrieb. Sie sprach: "Wenn wir uns einigen, wenn dieses Kapitel unserer europäischen Geschichte geschrieben ist, wird es nicht wegen der Unterschiede, die wir überwanden, in Erinnerung bleiben. Sondern wegen der Vision, die wir teilten. Nicht für die Herausforderungen, die wie durchlebten, sondern für die Kreativität, mit der wir sie bezwangen. Nicht für eine Beziehung, die endete. Sondern für eine neue Partnerschaft, die begann."

Sie erinnerte auch an die Verantwortung für künftige Generationen, "die in einer Welt leben müssen, die wir ihnen hinterlassen". Erwähnte aber wohlweislich nicht, dass die Mehrheit der Briten im Juni 2016 eben diese Verantwortung für künftige Generationen mit den Füßen trat. Als Wortführer und allen voran jener Boris Johnson, der in der ersten Reihe saß, zu den Ausführungen seiner Chefin brav applaudierte und hernach fast euphorisch twitterte. Nicht weit entfernt, in der Santa Croce Basilika, liegt im Übrigen Machiavelli begraben.

Es war nicht die Rede ihres Lebens, vielleicht wird sie die nie halten. Aber es war ein Signal zum Guten. Die Kluft zwischen Britannien und dem Kontinent ist seit dem Referendum erheblich größer geworden als der schmale Streifen Wasser, der die Insel vom Kontinent trennt. Der Ton rauer, härter, unbeugsamer. Ihre Worte klangen nun nach Versöhnung und Freundschaft. Sie klangen irgendwie nach weichem Brexit. Das ist ein Fortschritt. Schließlich, May konnte es eigentlich niemandem Recht machen. Den einen, vor allem in Brüssel, ging die Rede nicht weit genug. Den anderen, vor allem in London, ging sie zu weit.

Der größte Erfolg dieser Rede von Florenz bestand darin, dass May sie überhaupt hielt.

Man wird demütig in diesen Zeiten.


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