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M. Streck: Last Call: Wir müssen alle tapfer sein. Die Briten gehen, echt jetzt

Niemand wünscht sich den Exit vom Brexit offenbar mehr als die Deutschen. Sie wünschen sich das sogar mehr als die Briten selbst. Aber es nutzt nichts. Leider.

Brexit-Minister David Davis

Brexit-Minister David Davis

Neulich war ich in Deutschland und stellte dort wieder einmal fest, wie sehr sich die Deutschen wünschen, dass es sich die Briten noch mal anders überlegen und den Brexit einfach rückgängig machen. Sie wünschen sich das mehr als die Briten selbst. Überall hörte ich das von Freunden, Bekannten, in der eigenen Familie und auch in der stern-Redaktion. Sie sagten alle ungefähr so was wie: "Na ja, wahrscheinlich überlegen sie sich das Ganze ja noch mal." Denn, nicht wahr, so doof könnten sie doch gar nicht sein. Und überhaupt, falls heute noch mal gewählt würde, entschieden sie sich doch bestimmt ganz anders und schon deshalb...

Die Deutschen sind nach dem Brexit ganz besonders enttäuscht, vermutlich aus enttäuschter Liebe. Aber ich muss diese Liebe jetzt noch mal enttäuschen und was klarstellen: Falls heute, ein Jahr danach, nochmals abgestimmt würde, sähe die Sache kaum anders aus. Sie wären vermutlich immer noch weg. Es tut mir leid, auch und explizit für einen geschätzten Kollegen, der an dieser Stelle gerne seine Stimme erhebt und spricht, es werde schon nicht so kommen und die Briten würden vermutlich einen Exit vom Brexit anstreben.

Sorry, lieber Kollege, Sie müssen jetzt ganz tapfer sein. Wir alle müssen tapfer sein. Denn das werden sie nicht. Die Briten gehen. Fakt. Tatsache. Nix zu machen. Zugegeben: leider. Womöglich, ja, würde Remain heute knapp gewinnen, womöglich. Das variiert in Umfragen von Monat zu Monat. Ändert aber nichts, auch wenn sechs von zehn Briten gern ihren EU-Pass behielten, logisch, best of both worlds. Die Mehrheit hat sich damit abgefunden, dass sie gehen werden. Auch die Verlierer. Sie gehen sogar sehenden Auges auf den Abgrund zu, was nicht besonders schlau ist, aber das war es vor einem Jahr ja auch nicht. Es ist auf jeden Fall sehr britisch. Es ist so britisch wie der britische Professor Matthew Goodwin, der eines der besten Bücher über den Brexit geschrieben hat, das natürlich “Brexit“ heißt, und darin er gemeinsam mit einigen Kollegen die vielen Gründe für den EU-Abschied aufdröselt (1. Einwanderung, 2. Einwanderung, 3. Einwanderung) und gegen Ende zu dem Schluss kommt, es habe sich in diesem einen Jahr an der grundsätzlichen Einstellung seiner Landsleute nicht viel geändert. Vor kurzem twitterte Goodwin den Inhalt von 272 Seiten recht bündig: “Brexit one year on: 52:48.“

Der Professor, der sein eigenes Buch aufaß

Allerdings lag er mit einem anderen Tweet vor geraumer Zeit gründlich daneben. Für den Fall, dass Labour bei den Parlamentswahlen 38 Prozent erreichen sollte, kündigte Goodwin an, sein Buch vor laufenden Kameras zu verspeisen. Labour holte 40 Prozent, und Goodwin verzehrte in einer Nachrichtensendung das vermutlich saftigste Kapitel. Ein Mann, ein Wort, ein Buch: Breakfast means Breakfast.

Vor ein paar Tagen stand ich mit Freunden vor einem Pub in Whitehall, im Regierungsviertel. Viele Politiker und noch mehr Beamte trinken dort ihr Feierabendbier oder auch zwölf. Ein junger Mann stellte sich zu uns, bat freundlich um Feuer, wir kamen ins Gespräch. Er arbeitet im für den Brexit zuständigen Ministerium von Brexit-Minister David Davis und sagte, alles sei gerade eine ziemliche Katastrophe. Es sei fürchterlich. Es sei planlos und schrecklich und sein Chef ein Idiot. Der junge Mann war fraglos einer der 48 Prozent. Ich fragte ihn, ob er an einen Exit vom Brexit glaube, wenn erst mal die Verhandlungen in Brüssel den Bach runtergingen und so. Da guckte er mich an, erst leicht verstört, dann amüsiert und sprach: “Wo denkst du hin? Wir sind Briten.“

David Davis, Minister und Illusionskünstler

Sein Chef, David Davis, ist der zur Zeit vermutlich wichtigste Brite und eine Art Illusionskünstler. Er ist in der Kunst der Illusion so gut, dass er sich wahrscheinlich selbst glaubt. Gerade trat er bei einer Veranstaltung der “Times“ auf. Er redete dort vor Unternehmern offenkundig einen derartigen Stuss zusammen, dass sich die hauseigene Kolumnistin Jenni Russell anderntags gezwungen sah, den Gast für seine Naivität in Grund und Boden zu schreiben. Davis sagte, es sei ein Leichtes, einen Deal mit der EU bis März 2019 zu erzielen, der den Briten alle Handelsmöglichkeiten ließe, und danach stünden ihnen obendrein alle Türen zu einer glorreichen Zukunft mit allen anderen großen Nationen offen. Rule Britannia!

Auch seine Kollegen schimpfen ihn hinter britisch vorgehaltener Hand einen Utopisten und Cheerleader, der nur dann zuhöre, wenn ihm die Dinge passen, und sonst alle Ratschläge ignoriere. Sie sagen nichts anderes als der junge Mann im Pub. Davis sei ein Idiot.

Einerseits.

Andererseits ist das Schöne und weitgehend Einmalige an den Briten, dass sie ihr Ding störrisch durchziehen in dem Glauben, es werde schon und sogar wider besseres Wissen.

Störrische Entscheidungen wider die Vernunft

Diese Woche spielten die englischen Fußball-Junioren gegen die deutschen Fußball-Junioren. Die Engländer waren hoffnungslos unterlegen und wollten sich eine Stunde lang ins Elfmeterschießen retten. England! Elfmeterschießen! Gegen Deutschland! Sie schafften es tatsächlich ins Elfmeterschießen. Und verloren selbstverständlich. Wie immer im Elfmeterschießen.

So ähnlich verhält sich die Sache auch mit dem Brexit. Man weiß jetzt schon, wie es ausgeht. Mit dem Unterschied, dass es beim Brexit keinen Gewinner gibt. Die Briten werden das dennoch durchprügeln, gnadenlos. Ein Volk, ein Referendum, ein Brexit. Sehr zum Leidwesen vieler Deutscher, die das nicht glauben wollen und sich offenbar nichts sehnlicher wünschen als den Exit vom Brexit. Außer vielleicht: England verliert im Elfmeterschießen.

Fahrplan, Reisen, Proteste: Was passiert jetzt mit dem Brexit?
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