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M. Streck: Last Call: Der Brexit vor unserer Haustür

Vor dem Haus unseres Kolumnisten spielt sich ein Spektakel ab. Bauarbeiter flickschustern seit fast einem Jahr an einem Stück Bürgersteig. Ihn erinnert die Planlosigkeit an die EU-Verhandlungen in Brüssel.

Der Bürgersteig vor dem Haus des Kolumnisten

Der Bürgersteig vor dem Haus des Kolumnisten

Seit etwa einem Jahr ist ziemlich viel Leben in unserer kleinen und an sich recht ruhigen Straße. Alle paar Wochen rücken Bauarbeiter an und reißen den Bürgersteig auf. Erst entfernten sie im Herbst Platten, die noch einigermaßen gut aussahen, und statt der Platten legten sie eine Asphaltschicht. Der Bürgersteig sah danach genauso aus wie die Straße.

Uns war das ziemlich egal. Den übrigen Anwohnern war es aber nicht egal. Sie beschwerten sich beim Stadtrat, und der “Evening Standard“ machte sogar eine Geschichte über die große Empörung in unserer kleinen Straße – “North London residents fuming after council 'tears up pretty pavement and replaces it with tarmac“. Es war, glaube ich, das erste und einzige Mal, das etwas über unsere Straße in der Zeitung stand.

Irgendwann im Frühjahr rückten die Bauarbeiter wieder an. Sie rissen den Asphalt auf und legten neue Platten. Das heißt: An einigen Stellen legten sie Plattenstreifen und teerten dann den Rest. Das sah nun bescheuert aus und fast so, als sei ihnen mittenmang das Geld ausgegangen. Wir haben das größte Pech von allen Anwohnern, weil vor unserem Häuschen ein Baum steht. Irgendwem muss dann eingefallen sein, dass Bäume Wurzeln haben und auf Dauer die Platten anheben. Letzte Woche kamen die Bauarbeiter also wieder an, rissen die Platten raus und teerten alles. Auf dem kleinen Stück vor unserem Haus sieht es jetzt genau so aus wie letztes Jahr. Außerdem ist alles abgesperrt rund um den Baum, als sei der Fleck radioaktiv verseucht. Es fehlt eigentlich nur noch ein Sarkophag aus Blei oder Beton. 

Vermutlich wird die Sagrada Familia eher fertig

Die Bauarbeiten in unserer kleinen Straßen ziehen sich jetzt schon ein dreiviertel Jahr hin, was vielleicht auch daran liegt, dass die Bauarbeiter, wann immer ich sie sehe, gerade Pause machen. Immer. Vermutlich wird die Sagrada Familia in Barcelona eher fertig als unser Bürgersteig.

Irgendwie erinnern mich die planlosen Arbeiten an die Brexit-Verhandlungen. Da geht es ganz ähnlich zu, nur noch langsamer, nämlich: Ein Schritt vor, zwei zurück. In Brüssel sind sie gerade recht sauer. Nicht wegen des Brexit, das ist nun mal so. Sondern weil sie das Gefühl haben, die Briten schlafwandelten in die Gespräche. Sie flehen dort “nun sagt uns endlich, was ihr wollt“. Die EU hat neun konkrete Verhandlungspositionen vorgeschlagen, Großbritannien hat nur auf einen konkret geantwortet. Ich finde das fast bewundernswert fahrlässig. Unser Bürgersteig ist in seiner ganzen Flickschusterei wie eine Allegorie auf den Brexit. An ihm wird jetzt auch schon ebenso lange rumgefuhrwerkt.

Letzte Woche ging bei uns ein Fenster kaputt. Wir riefen einen Glaser, er hieß John, sprach das schönste Cockney-Englisch, das ich je gehört hatte und kam erstaunlicherweise auch sofort vorbei. John erzählte erst einmal eine halbe Stunde lang von seiner reizenden Enkelin, trank danach in Ruhe eine Tasse Tee und inspizierte dann das kaputte Fenster. John sagte sehr kenntnisreich, es müsse von außen repariert werden, aber er könne momentan keine Leiter aufstellen, weil unten gerade der Teer um den Baum trocknete. Dann verließ er uns, trampelte durch die radioaktive Zone über den warmen Teer, hinterließ tiefe Fußspuren und wollte montags wiederkommen. Montags kamen auch die Bauarbeiter wieder, fluchten über die Fußspuren im Teer, “Who the fuck…?, und schütteten neuen Teer drüber. Danach machten sie Pause. John fuhr vor und konnte wieder seine Leiter nicht aufstellen, weil: siehe oben. So ergibt eine Verzögerung die andere. In Brüssel ist das auch so.

Ende März zog Premierministerin May den Artikel 50, seitdem ist nicht viel passiert. Sie rief auch noch Neuwahlen aus, und fast zwei Monate ruhten danach die Vorbereitungen. Der Vorsitzende des “National Audit Office“, des britischen Rechnungshofes, Amyas Morse, warnte gerade, die Brexit-Strategie sei maximal vage. Er erkundigte sich mehrmals im dafür zuständigen Ministerium von David Davis. Eine befriedigende Antwort bekam er nicht. Sir Amyas ist ein öffentlich eher zurückhaltender Mann. Wenn er sich mal äußert, muss ihn etwas schwer bedrücken. Und er ist bei weitem nicht allein. Der kluge überparteiliche Lord Gus O'Donnell schrieb, die EU habe wenigstens eine klare Linie, wohingegen die Briten nach wie vor über einen Kurs zankten. Auch er macht sich Sorgen und fürchtet nunmehr großes Chaos. Ich kann ihn verstehen und bestätigen beim Blick vor die Tür. Kein klarer Kurs, im Kleinen wie im Großen. Vor ein paar Tagen sagte der französische Verhandlungsführer Michel Barnier, dass die Uhr ticke. Aber in Großbritannien ticken die Uhren offenbar etwas anders.

Im März 2019 läuft die Frist ab. Dann sind sie raus aus der EU. Oder vielleicht auch noch nicht, man weiß es nicht. Mit etwas Glück ist bis dahin aber unser Bürgersteig fertig. Oder die Sagrada Familia.

  

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