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Maltesische Inseln: Gigantisches im Zwergenstaat

Die karge, felsige Landschaft muss man mögen. Doch Malta, der Bonsai-Staat im Mittelmeer, reizt durch die ungewöhnliche Melange der Kulturen: arabische Sprache, mediterrane Küche, britischer Habitus.

Malta liegt geographisch und kulturell irgendwo dazwischen. Zwischen Sizilien und Nordafrika, einer stark vom römischen Katholizismus geprägten und einer muslimischen Welt also. Das Land ist bunt gescheckt - und ein Zwerg obendrein. Mit einer Hauptinsel, die nur 43 Kilometer Länge zählt und einer Gesamtbevölkerung, die gerade einmal die der Stadt Bochum übertrifft. Der Insel-Archipel Malta, Gozo und Comino erscheint dem mit dem Flugzeug Anreisenden wie drei honigfarbene Kleckse (die kein einziger Fluss durchzieht!) auf einer blaugrünen Farbpalette, die Mittelmeer heißt. Der Miniaturstaat hat, wenn man mit Auto oder Bus unterwegs ist, Riesenvorteile: Im Nu ist man von einem Dorf im nächsten. Besonders augenfällig wird dies auf Gozo: Hier gibt es nur eine einzige Ampel. Wer die Insel erkundet, passiert diese Kreuzung mindestens fünfmal am Tag - was bereits nach kurzem das Gefühl von Vertrautheit hervorruft.

Bewegte Geschichte

Maltas Eigenheit liegt aber nicht in seiner Größe. Sie ist vielmehr in seiner Geschichte zu suchen, einer Geschichte, die 6000 Jahre zurückreicht und keine zweite europäische Insel derart nachhaltig geprägt zu haben scheint. Alle großen Kulturen waren als Eroberer auf Malta - erst die seefahrenden Phönizier, die Römer (unter ihnen angeblich auch der Apostel Paulus), die Araber, dann nach einer Reihe europäischer Dynastien die Johanniterritter, Napoleon - und nicht zu vergessen das britische Königreich. Letztere hinterließen in ihrer 150 Jahre andauernden Kolonialherrschaft vielleicht die deutlichsten Spuren. Zugleich versuchten die Bewohner Maltas in all den Jahrhunderten der Besatzung an ihrer Lebensweise festzuhalten. Nicht zuletzt ihre Sprache, das Malti, das neben dem Englischen von allen gesprochen wird und stark vom Arabischen geprägt ist, ist Ausdruck dieser erkämpften Selbständigkeit. Genau diese Mischung, die bis heute auf Malta zu spüren ist, macht den Reiz dieser Urlaubsinsel aus. Malta ist stark italienisch geprägt, aber es ist nicht Italien: Kein Mensch sitzt abends auf der Straße vor seinem Haus, das Auftreten der Malteser ist viel zurückhaltender, das Essen indes sehr mediterran. Das heiße Klima, die felsig-flache, oft karge Landschaft, die arabische Sprache lassen an nordafrikanische Länder denken - doch die Bewohner sind durch und durch Europäer. Mancher spricht akzentfrei britisches Englisch, schmiert sich morgens Bitterorangenmarmelade auf den Toast - und ist doch Malteser. Der eigentliche Schatz dieser Insel ist deren reiches kulturelles Erbe. Wer sich auf historische Spurensuche begibt, darf insbesondere Valletta und Mdina, die jetzige sowie die ehemalige Hauptstadt Maltas, nicht links liegen lassen.

Hauptstadt Valletta

Valletta liegt im Nordosten der Insel Malta auf einer felsigen Landzunge zwischen den Naturhäfen Marsamxett und dem Grand Harbour. Einen guten Start für jede Erkundungstour und einen fantastischen Ausblick auf den Hafen Vallettas bietet der "Upper Barracca Garden", ein alter Garten der Johanniter-Ritter. Von hier aus, auf dem höchsten Punkt der Stadtmauer, erblickt man den "Grand Harbour", und die gegenüberliegenden "Three Cities" Vittoriosa, Senglea und Cospicua, die weitaus älter sind als Valletta selbst. Der Ausblickspunkt lässt erahnen, dass Valletta, 1565 nach der Belagerung der Insel durch die Türken gegründet, geometrisch wie ein Schachbrett angelegt wurde. Neben dem schönen Blick auf die nur 7.000 Einwohner zählende Stadt, ist der Upper Barracca Garden die schönste Parkanlage Vallettas. Wenige Schritte weiter kommt man am schmucken Auberge de Castille, dem heutigen Sitz des Premierminsters, vorbei. Auberges, also ehemalige Wohnhäuser der Ritter, gibt es viele in der Stadt. Eine ist nobler als die andere. Ein Blick, etwa in die Auberge de Provence, in der das National Museum of Archeology beherbergt ist, lohnt auf alle Fälle.

Sehenswürdigkeiten und Ausflüge

Die Straße Triq Il-Merkanti führt zum ersten Höhepunkt und dem absoluten "Must" jedes Malta-Reisenden: Zur St. John's Co-Cathedral. Die ehemalige Konventskirche des Johanniterordens, im 16. Jahrhundert erbaut und Johannes dem Täufer geweiht, wirkt von außen recht unscheinbar. Doch die barocke Üppigkeit der Innenausstattung, die fast 400 Grabplatten aus buntem Marmor auf dem Boden der Kirche sowie deren Seitenkapellen überwältigen jeden Besucher. Welche Kirche kann zudem von sich sagen, im Besitz eines echten Caravaggios zu sein? Das Gemälde "Die Enthauptung des Heiligen Johannes" des berühmten italienischen Barockmeisters befindet sich im Betsaal der Kathedrale - und ist mit Abstand das berühmteste Altarbild der Insel. Ein Abstecher im Grand Master’s Palace, dem Sitz des maltesischen Parlaments lohnt sich für all jene, die sich Waffen und Gobelins interessieren. Mit welch raffinierten Waffen und Rüstungen sich die maltesischen Ritter gegen ihre Feinde wehrten, wird hier eindrücklich vor Augen geführt. Weniger pompös, aber weitaus feiner ist der kleine Stadtpalast aus dem 16. Jahrhundert, die Casa Rocca Piccola in der 74 Republic Street. Hier wird dem Besucher echte maltesische Wohnkultur aus dem 19. Jahrhundert vorgeführt. Vorsicht, der Name täuscht! Das Haus, das zum Teil noch heute von einer einheimischen Adelsfamilie, des 9. Marquis de Piro, bewohnt wird, ist eine stattliche Villa. Unter dem Stadt-Palazzo befinden sich zwei Schutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg sowie ein mittelalterlicher Brunnen. In Valletta gibt es viele schöne Ecken: Die Märkte auf den Straßen, die bunten Krimskrams feilbieten; die Straßencafes, die engen Gassen mit Blick auf den Hafen. Jeder sollte die winzige Kapitale wie er Lust und Laune hat zu Fuß erkunden. St. Julian's, Maltas Amüsierviertel, sollte man besser meiden. Dort sind die meisten englischen Sprachschulen angesiedelt und im Sommer tobt hier der Bär. Wer laute Musik, grölende Teenager und Massentourismus pur wünscht, ist dort natürlich richtig.

Weiter geht es mit dem Bus - Malta hat ein fantastisches öffentliches Verkehrsnetz für Touristen - Richtung Westen nach Mdina. Die Stadt war bis zur Ankunft der Johannisritter in Malta im Jahre 1530 Hauptstaat, ihr Name zeugt noch heute von der arabischen Herrschaft. Im Vergleich zu Valletta und den umliegenden Orten, in denen sich das politische und größtenteils auch kulturelle Leben abspielt, gilt Mdina als "stille Stadt". Den Besucher empfängt Mdina fast menschenleer. Schön an der kleinen Stadt sind die zahllosen honigfarbenen Adelspalästen und mittelalterlichen Gebäuden, ihre raffinierten Portale, die verschnörkelten Balkone und die staubigen Gassen, in denen nur eine streunende Katze oder eine alte Frau hindurchspaziert. Ein Blick in die Innenhöfe der Häuser, die oft mit Oleander, Efeu und Kapernbüschen bewachsen sind, offenbart manches Schmuckstück. Auf der Terrasse des Fontanelle Tea Garden kann man typisch maltesischen Backwaren probieren und in einem schattigen Plätzchen bei einem Cappuccino den wunderbaren Ausblick auf das Umland Mdinas genießen.

Vielfältiges Inselleben

Man kann sich auch mit dem Hubschrauber nach Gozo fliegen lassen, aber klassisch betritt man die Schwesterinsel Maltas über das Meer. Mit der Autofähre am Fährhafen Cirkkewa, im Norden Maltas, ist man in 25 Minuten auf Gozo. Es ist ratsam, die Erkundung des Insel-Archipels mit Malta zu beginnen - und erst dann nach Gozo überzusetzen (Comino, den Inselwinzling, auf dem fünf Menschen wohnen, kann man getrost übersehen - die einzige historische Sehenswürdigkeit ist ein Wachturm). Gozo, das ist Malta wie es vor 60 Jahren war - grün, dünner besiedelt, gemächlich, mit kalksteinernen Farmhäusern und verschlafenen Dörfern in denen die strenggläubigen Katholiken alle Nase lang Festas zu Ehren ihrer Schutzheiligen feiern. Wer die wenigen Kilometer Wasser zwischen Malta und Gozo überquert, spürt sofort die komplett unterschiedliche Mentalität der Gozitaner, die andere, da terrassenförmigere, fruchtbarere Landschaft mit ihren zahlreichen Weinfelder und winzigen Ortschaften. Im Vergleich hierzu ist Malta modern, hektisch, laut. Kein Wunder, ist doch die Hauptinsel so dicht besiedelt wie der Ruhrpott! Zunächst führt unser Weg an "Mgarr ix-Xini" vorbei, der wohl schönsten kleinen Bucht der Insel, zwischen dem Plateau von Ta’Cenc und Xewkija im Süden Gozos gelegen. Die Bucht ist noch immer relativ unberührt und für Taucher ein Eldorado. Nach einer kurzen Erfrischung geht es weiter ins Landesinnere, in Richtung Victoria, der Hauptstadt Gozos. In Xewkija erscheinen bereits von weitem die Umrisse der Xewkija Rotonda. Sie ist die größte Rundkirche der maltesischen Inseln. Wer mit einem Aufzug den Kirchturm hinauffährt, hat einen fantastischen Blick über Xewkija. Weiter geht es nach Victoria, Gozos kleine Hauptstadt. Klein heißt, wie fast immer auf Malta, winzig. Das Zentrum des Städtchens ist der Markt It-Tokk, von dort ist man zu Fuß in wenigen Minuten überall, so auch auf der Zitadelle "Gran Castello", dem touristischen Highlight des Städtchens. Ein Spaziergang über die dicken Festungsmauern gibt den Blick frei auf das Umland. Die Wein- und Gemüsefelder an den niedrigen Tafelbergen lassen erahnen, weshalb Gozo auch als "Gemüsegarten Maltas" bezeichnet wird. Geschützt von den Festungsmauern der Zitadelle ist die Basilica of. St. George, der einzigen Kathedrale Gozos, die im 17. Jahrhundert entstand und, wie viele sakrale Bauten der Insel, im Innern sehr prunkvoll ausgestattet ist.

Kirchen und Tempel

Wer von den maltesischen Kirchen noch nicht genug hat - das streng katholische Land hat über 400 davon - sollte einen Abstecher bei der neoromanischen Wallfahrtskathedrale von Ta’Pinu machen. Weniger der Kircheninnenraum als die zahllosen Dankesschreiben, Prothesen und sonstigen Mitbringsel sind von Interesse, die in der Sakristei ausgestellt sind und von dankbaren Gläubigern stammen. Auch ein Brief eines Maltesers befindet sich darunter, der den 11. September 2001 in New York überlebte und der heiligen Maria dankt, die einer Bäuerin 1883 an der Stelle der Kirche erschienen sein soll. Von der Marienwallfahrtskirche Ta’Pinu in Gharb führt der Weg weiter an die Westküste, nach Dwejra. Hier steht das "Azure Window", ein beeindruckender, fast zwanzig Meter hoher Felsbogen an der Küste vor Dwejra Point. Dieser Blick durch das steinige Fenster ist das klassische Postkartenmotiv von Gozo schlechthin, deshalb aber nicht minder beeindruckend. Südlich des „Blauen Fensters“ ragt der Fungus Rock aus dem Meer. Auf dem Monolithen wächst eine seltene Pflanze, die bereits zu Kreuzritterzeiten als Heilpflanze eingesetzt wurde. Besonders beliebt bei Tauchern ist der Dewjra Point auch, da ein kleiner Tunnel einen See mit dem offenen Meer verbindet. Taucher starten vom See aus ihre Wasserexkursion; Ausflügler können in Booten durch den "Inland Sea" fahren. Der kulturhistorische Höhepunkt der Reise liegt zwischen Victoria, und Nadur, im Inselinnern: Der Tempel von Ggantija. Die steinernen Tempelreste enttäuschen womöglich, sind sie doch weder so imposant wie die Pyramiden in Ägypten noch wie Stonehenge in England. Und doch: Um 3500 v.Chr. datiert, ist die Kultanlage aus der jungsteinzeitlichen Megalithkultur die älteste freistehende Struktur der Welt. Die Anlage wurde erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert entdeckt und bis heute gibt sie Rätsel auf. Wie konnten die Menschen der Jungsteinzeit tonnenschwere Steine transportieren, die aus einem Steinbruch der Umgebung kamen? Was haben die zahlreichen Löcher im Tempelinneren zu bedeuten? Auf die erste Frage hatten Generationen von Maltesern nur eine Antwort: Es konnte nur das Werk eines Giganten seinen - deshalb der Name Ggantija. Eine Riesin, so erzählt eine örtliche Legende, soll den einst mindestens zehn Meter hohen Tempel in einer Nacht erbaut und dabei noch ein Baby auf dem Arm getragen haben.

Roter Sandstrand und blau-grünes Meer

Glaubt man einer anderen Erzählung, dann hat die Grotte Calypso's Cave, im Norden der Insel, Odysseus und seiner Nymphe Kalypso als Liebeslager gedient. Die Grotte ist klein und ziemlich unspektakulär. Viel schöner ist der Blick am Calypso's Cave auf Ramla Bay, einer der wenigen Buchten mit Sandstrand, die Malta besitzt. Mit seinem rötlichen Sand unterscheidet er sich von allen anderen Stränden. Das Meerwasser ist erstaunlich klar und besitzt eine für das Mittelmeer untypische blau-grüne Farbe - hier bekommt man einen Eindruck von der Schönheit der Insel, wie sie vor Jahrhunderten ausgeschaut haben könnte. In Marsalforn und Xlendi, beides Fischerdörfer, finden sich pittoreske Restaurants und Cafes, direkt am Wasser gelegen. In Restaurants kann man den arabischen Singsang der Malteser lauschen, ihre leckeren Antipasti und Fische kosten und den britischen Habitus erfahren. Wer den Inselzwerg besucht, die Gerüche, Klänge und Farben aufsaugt, fragt sich ständig, wo er denn nun eigentlich gelandet ist. In einem Land jedenfalls, das durch die Vermengung diverser Kulturen seinen ganz besonderen Charme gewinnt.

Claudia Schuh

Wissenscommunity