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Ausstellung: Ägyptens Schätze aus der See

Tausend Jahre ruhten die Götter und ihre Schätze verborgen im Meer. Bis ein Meisterdetektiv kam und ihre Städte wiederentdeckte: Der Unterwasserarchäologe Franck Goddio fördert Kostbarkeiten vor Ägyptens Küste zutage - und zeigt sie in einer spektakulären Ausstellung.

Von Helge Bendl, Bonn

Am besten ist es, still zu staunen. Weil einem ohnehin die Worte fehlen, und weil, wer hier unten glaubt reden zu müssen, zwangsläufig ziemlich viel Wasser schluckt. Algen filtern das Sonnenlicht grünlich in acht Metern Tiefe - eine surreale Beleuchtung für die beiden Taucher mit der Saugpumpe und ihre eingespielte Choreographie. Am Meeresboden haben sie einen Messrahmen aus Metall fest verankert und auf Zentimeter genau dessen Lage mit einem Unterwasser-Positionsbestimmungssystem festgehalten. Nun tragen sie mit ihrer Art Staubsauger Schicht um Schicht der Sedimentablagerungen ab, stochern vorsichtig mit dem Messer, räumen große Steine beiseite, gehen behutsam immer weiter zurück in der Geschichte, bis Jahrhunderte vor Christi Geburt.

Anker liegen hier unten, steinerne Brocken mit Löchern für die Taue; daneben pechschwarze Holzplanken, Reste eines versunkenen Handelsschiffs. Auf Fundzetteln aus Polyester notieren die Taucher, was sie entdeckt haben, sammeln Scherben in Nylonnetzen und Plastiktaschen ein und etwas, das aussieht wie eine Schöpfkelle. Nach Stunden unter Wasser, wenn nur noch wenig Luft in den Flaschen bleibt, der Druckausgleich: Nase zuhalten und kräftig schlucken, man ist wieder an der Wasseroberfläche. Ein paar Meter weiter taucht an der Reling des Forschungsschiffes "Princess Duda" ein schlanker Mann auf, die blitzenden Augen versteckt hinter einer Sonnenbrille. Noch das Salz auf den Lippen führt Expeditionsleiter Franck Goddio zu seinem Laptop. "Hier", sagt der 59-Jährige Franzose und deutet auf die Karte der blauen Bucht von Abukir, "ist heute alles Wasser."

Goddio hat die Stadt wiederentdeckt

Per Mausklick legt er das vom Echolot erstellte Relief des Meeresbodens über das Blau, ein weiterer Klick zeigt die von einem Kernspinresonanz-Magnetometer festgestellten Anomalien im Magnetfeld. Noch ein Klick: die Ergebnisse des Seitenscanner-Sonars, das die Größe von Objekten am Meeresboden misst. Langsam werden die Grundrisse einer Stadt sichtbar, mit Hafenbecken und Kanälen, Inseln und einem großen Heiligtum. Noch ein Klick, der Laptop muss kräftig rechnen: In allen Farben des Regenbogens werden nun die Objekte angezeigt, die das Team des Unterwasserarchäologen hier gefunden hat. Hunderte von Ankern, mehr als ein Dutzend Wracks, unzählige Amphoren, gigantische Kolossalstatuen, riesige Stelen, Goldschmuck und Alltagsgegenstände: Alles Zeugnisse von Thonis-Heraklion, dem einst wichtigsten Hafen des alten Ägyptens, der vor mehr als tausend Jahren durch Naturkatastrophen im Meer verschwand. Franck Goddio hat die Stadt wieder entdeckt.

Sechs Wochen liegt die "Princess Duda" für eine Forschungsmission im Hafen von Alexandria und in der Bucht von Abukir vor Anker, dann fährt sie wieder in ihren Heimathafen Valletta auf Malta. "Wir könnten hier die nächsten 200 Jahre tauchen, aber sechs Wochen vor Ort bedeuten Arbeit fürs ganze Jahr", sagt Expeditionsleiter Goddio. Byzantinische Goldmünzen, Amphoren aus Kleinasien, eine Bronzestatue des Totengottes Osiris, den Mini-Sarkophag einer mumifizierten Eidechse und die Reste von Hafenanlagen, Tempeln und Palästen haben Taucher dieses Jahr entdeckt und an die Wasseroberfläche gebracht. Experten analysieren und dokumentieren in den nächsten Monaten die Funde - seit 1992 laufen die Forschungen. Goddios Sponsor, die Hilti Foundation, unterstützt auch das Zentrum für Meeresarchäologie der Universität Oxford, wo sich Doktoranden um die wissenschaftliche Aufarbeitung der Objekte kümmern. Lange zuvor, an Bord der "Princess Duda" nämlich, müssen die Fundstücke aber erst einmal zum Zahnarzt.

Praxis mit Skalpellen und Pinzetten

Hinter Küche und Kapitänskabine hat er seine Praxis. Skalpelle und Pinzetten liegen vor ihm ausgebreitet, dazu Bohrer und Mikromeißel samt zischendem Kompressor. Betäubungsspritzen fehlen, denn seine Opfer verspüren keinen Schmerz. Olivier Berger blickt nicht auf, wenn man sich ihm nähert; er konzentriert sich, hat die Augen an die Okulare eines Mikroskops geheftet. Die Taucher haben dem 37-Jährigen die Schöpfkelle vorbeigebracht, die sie gerade gefunden haben. Nun studiert er die Konturen des komplett von Muschelresten überzogenen, vermutlich etwa 2500 Jahre alten Löffels. Mit dem Messer kommt er nicht weiter: Er braucht die Meißel, um mit ruhiger Hand die Verunreinigungen abzutragen. "Mal sehen", murmelt der auf Unterwasserfunde spezialisierte Restaurator, "was haben wir denn da?" Den gerade noch unförmigen Griff des Löffels ziert ein Entenkopf.

Olivier Berger ist kein Schönheitschirurg - einige wenige Fundstücke belässt er ganz bewusst verunreinigt in dem Zustand, in dem sie die Taucher finden. Doch meist muss er handeln: "Ein Zahnarzt entfernt Karies, um Zähne zu retten. Ich entferne Ablagerungen, um Artefakte zu retten." Denn mit der Bergung beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Im Meer waren die Objekte gegen Zerfall und Zerstörung geschützt. Wenn sie nun wieder an die Luft kommen, beginnt sofort eine Vielzahl chemischer Prozesse. Steinerne Statuen bekommen Risse und werden instabil, weil das in ihnen eingelagerte Salz Kristalle bildet. Amphoren aus Keramik verlieren ihren Schmuck, weil die Oberfläche abplatzt. Bei Bronzeobjekten wie der Schöpfkelle, die Olivier Berger gerade bearbeitet, sorgen Chloride für Korrosion - bliebe sie unbehandelt, wäre bald der ganze Metallgegenstand verschwunden.

Entsalzung hat zehn Monate gedauert

Um nicht zu verlieren, was man gerade erst gefunden hat, beginnt der Restaurierungsprozess deswegen bereits auf dem Schiff. In den Ablagerungen steckt viel Salz, sie müssen sofort weg. Die Funde selbst lagern dann in Süßwasser. An Land geht die Arbeit dann weiter - mit Elektrolyse, Ultraschallbehandlung und dem Einsatz von Chemikalien. Schon bei kleinen Fundstücken ist der Aufwand beträchtlich. Und bei übermenschlich großen, wie der stark verwitterten, monumentalen Stele aus dem Tempelbezirk von Heraklion? Ihre Entsalzung hat zehn Monate gedauert.

Nun ist sie noch bis Ende Januar bei der Ausstellung "Äyptens versunkene Schätze" in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen, zusammen mit knapp 500 anderen Artefakten aus den versunkenen Städten Thonis-Heraklion und Kanopos sowie dem versunkenen Hafen von Alexandria, wo einst die legendäre Kleopatra lebte. Nicht nur die spektakulärsten Funde der vergangenen zehn Jahre werden gezeigt: Die Ausstellung spannt den Bogen vom Luxus, der im berühmten Alexandria einst herrschte, zur magischen Stadt Kanopos, wo Pilger göttlichen Segen suchten und viele andere nur den weltlichen Rausch, bis hin zu Thonis-Heraklion, Stadt des Handels an einem heute versiegten Mündungsarm des Nils.

"Für mich ist ein Artefakt wichtig, wenn es eine Geschichte zu erzählen hat - dann ist es mehr wert als ein glänzendes Goldstück", sinniert Franck Goddio. Der berühmteste Unterwasserarchäologe der Welt ist er geworden, hat die Technik des Suchens unter Wasser perfektioniert, hat als Unterwasserdetektiv Wracks gefunden und verschollene Städte aufgespürt. Kein Wunder, dass manche ihn in einer Mischung aus Ehrfurcht und Neid den Indiana Jones der Meere nennen. Doch die Helden des vermeintlichen Helden sind die steinernen Götterstatuen und die Säulen der antiken Tempel, die Kochtöpfe und die Ohrringe, die Stelen der Pharaonen und die Büste des als Mann mit wallendem Bart dargestellten Nils: Sie alle erzählen denen, die sie hören wollen und verstehen können, Geschichten. So wie die Statue der ptolemäischen Herrscherin, die sich als Göttin Isis mit ägyptischem Gewand zeigt, aber eine griechische Frisur trägt - ein Zeichen für die Annäherung der Kulturen im zweiten Jahrhundert vor Christus. Oder das versunkene, festungsartig geschützte Hafenbecken, in das Schiffe nur über eine schlauchartige enge Öffnung hinein konnten - vielleicht einst der Standort von Heraklions Flotte an Kriegsschiffen. Die Forscher werden es genauer untersuchen, im nächsten Jahr.

Franck Goddio lächelt. "Können 2000 Jahre alte Steine sprechen?", fragt er. Und gibt die Antwort gleich selbst: "Ja - man muss ihnen nur die richtigen Fragen stellen."