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Mehr Service, teurere Tickets: Ryanair will kein Billigflieger mehr sein

Die irische Airline Ryanair machte Billigflieger marktfähig. Nun will Firmen-Chef Michael O'Leary wieder Trendsetter sein: Mehr Service, aber auch teurere Tickets. Ob der Plan funktioniert?

Von Jennifer Lachman und Titus Kroder

Angesichts des langsameren Wachstums im Billigsegment will sich Ryanair neu positionieren. "Im Moment geht es nur um den Preis, den Preis, den Preis", sagte der Chef von Europas größtem Low-Cost-Anbieter, Michael O'Leary , der Finanznachrichten-Agentur Bloomberg. In Zukunft werde er aber zunehmend darauf verzichten, seine Maschinen mit verbilligten Tickets zu füllen, so der Manager. Vielmehr werde er größeren Wert auf die Leistung und den Service legen und dafür auch höhere Preise verlangen. Im Fokus stünden dann etwa die Pünktlichkeit oder eine geringe Verlustquote beim Gepäck. Auch wolle er größere und zentraler gelegene Flughäfen anfliegen: "Künftig wird es eine Bandbreite von größeren Airports geben, neben den zweitrangigen."

O'Learys Vorgehen ist ein Beispiel dafür, wie sich die Branche derzeit wandelt. "Die Geschäftsmodelle von Netzwerk-Carriern und Low-Cost-Anbietern bewegen sich rasend schnell aufeinander zu", sagte der Chef der Lufthansa-Billigtochter Germanwings, Thomas Winkelmann, kürzlich der "Financial Times Deutschland". Inzwischen buhlen die Anbieter, die einst sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle verfolgten, oft um die gleichen Kunden. In der Folge müssen etwa Lufthansa oder Air France-KLM ihre Preise senken.

Fluglinien wie Germanwings oder Easyjet hingegen, die vor allem für billige Städtereisen bekannt waren, werben - vor allem seit Ausbruch der Finanzkrise - zunehmend um zahlungskräftige Kunden. Germanwings etwa vergrößert gerade in den ersten elf Sitzreihen den Sitzabstand und verkauft dafür die Tickets teurer.

Imagewechsel wird schwierig

Ryanair hatte sich dieser Entwicklung lange Zeit verweigert. Die Fluglinie pflegt ein krawalliges Image als Mutter aller Billigflieger. Ihre Basen hat sie bis vor Kurzem ausschließlich an Wald-und-Wiesen-Flughäfen eröffnet - etwa auf ehemaligen Militärflughäfen wie Hahn. Die Einsparungen gab sie weiter und warb zudem mitunter mit Tickets ab 1 Cent. Damit verdiente Ryanair gut: Bei drei Milliarden Euro Umsatz belief sich im Geschäftsjahr 2009/10 (bis Ende März) der Nettogewinn auf 319 Millionen Euro. Die Fluggesellschaft war damit eine der wenigen, die zuletzt profitabel arbeiteten.

Inzwischen muss aber auch Ryanair umdenken. Die Fluglinie konnte die Zahl der Gäste zwar zuletzt erneut um 14 Prozent auf jährlich 66,5 Millionen Passagiere steigern. Die Märkte gelten jedoch als gesättigt; der durchschnittliche Ticketpreis sank von 40 Euro ein Jahr zuvor auf 35 Euro: "Das aggressive Wachstum der Vergangenheit lässt sich somit auf Dauer nicht durchhalten", sagte Johannes Braun, Analyst bei der Commerzbank. Gespräche, bis zu 200 neue Flugzeuge von Boeing zu kaufen, liegen daher derzeit auf Eis.

Zudem kämpfen die Fluggesellschaften, vor allem in Europa, mit steigenden Kosten. In Deutschland wird ab Januar die Ticketsteuer fällig, die vor allem Billiganbieter nur begrenzt an ihre preisbewussten Kunden weitergeben können. Ab 2012 werden die Fluglinien zudem in den Emissionshandel einbezogen. Es ist aber fraglich, ob der neue Plan von O'Leary aufgeht. Der Manager ist dafür bekannt, seine Strategie kurzerhand zu ändern. Auch wirbt er - anders als etwa Easyjet das tat - gezielt um sehr preisbewusste Konsumenten. Es dürfte schwierig sein, dieses Image zu verändern.

Schwieriger Kunde

Die Idee, zentraler gelegene Flughäfen anzusteuern, hatte er zudem schon einmal geäußert. Die jüngste Krise habe das Interesse der Flughäfen gesteigert, sagte er. Seit Kurzem fliegt Ryanair den Flughafen El Prat in Barcelona an. Nach eigener Aussage führt O'Leary - mit Ausnahme der großen drei London-Heathrow, Paris-Charles de Gaulle und Frankfurt - mit "fast allen" größeren Airports in Europa Gespräche.

Das Low-Cost-Prinzip basiert darauf, dass die Flieger maximal ausgelastet sind. Eine Ryanair-Maschine muss daher 25 Minuten nach der Landung schon wieder in der Luft sein. An mittelgroßen Flughäfen ist das möglich. Zumindest in Deutschland wird deren Interesse aber als eher gering eingeschätzt, denn Ryanair gilt als schwieriger Kunde.

"Wir sind offen für alle Anbieter", sagte eine Sprecherin des Flughafens Hamburg, der für Ryanair eine Alternative zum 65 Kilometer entfernten Flughafen Lübeck sein könnte. "Bei uns wird aber nicht subventioniert. Wenn Ryanair das akzeptiert, sind sie willkommen." Airports wie Hahn müssen dem Billigflieger hohe Rabatte gewähren. Bei Verhandlungen droht O'Leary schnell mit einem Abzug der Maschinen.

FTD

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Von:

Titus Kroder und Jennifer Lachman