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Uno-Flüchtlingshilfe Damenstrümpfe gegen Wüstensand


Passionierter Wanderer, Buchautor und langjähriger Co-Moderator von Harald Schmidt - jetzt hat Manuel Andrack auch die Sahara durchquert. Ein Erfahrungsbericht aus der Wüste.
Von Manuel Andrack

Im südwestlichen Zipfel Algeriens findet jedes Jahr im Februar der Sahara-Marathon statt. Bis zu 500 Läufer und Wanderer mühen sich durch die Westsahara, ein Krisen- und Flüchtlingsgebiet, das immer weniger mediale Aufmerksamkeit erreicht. Das wollte ich durch meine Teilnahme ein wenig ändern.

Einige Wochen vor dem Abflug begann ich mit den Vorbereitungen. Ich kaufte Thunfischdosen und Malbücher. Als Gastgeschenke. Pensionen oder Hotels gibt es in der Westsahara nicht. Wir sollten in den Flüchtlingscamps bei Gastfamilien untergebracht werden und da bringt man eben Gastgeschenke mit. Ich organisierte fünf 1.FC Köln-Trikots in der Annahme, das man sich über die Leibchen der Zweitliga-Kicker in der Wüste sehr freuen würde. Außerdem kaufte ich Damenstrümpfe. Die sollte man nicht verschenken, sondern, so wurde uns geraten, wie Gamaschen über die Schuhe ziehen, um sich gegen den feinen Wüstensand zu schützen. Und ich besorgte Abfalltüten aus Papier und Feuchttücher, denn die sanitären Gegebenheiten wären, nun ja, speziell und man müsse schon selbst für die Entsorgung seiner Hinterlassenschaften sorgen. Außerdem packte ich Magen-Darm-Tabletten ein.

Erinnerungsfoto vom Bier

Ich flog über Algir in die Garnisonsstadt Tindouf, 2000 Kilometer südlich von Algir. Kurz vor Abflug tranken viele der 25 deutschen Reiseteilnehmer ein Hefeweizen. Das letzte Bier für die nächsten fünf Tage, das Alkoholverbot wird in Algerien ernst genommen. Ein Berliner machte noch ein digitales Erinnerungsfoto, um sich die schäumende Gerstenkaltschale während des Wüstenaufenthalts anschauen zu können.

Nachts kamen wir in Smara, einem von vier Flüchtlingscamps an. Dort wurden wir von unserer Gastfamilie in Empfang genommen. In den Camps der Westsahara leben ungefähr 170.000 Sahauris, die 1976 von Marokko aus ihrem angestammten Siedlungsgebiet am Atlantik vertrieben worden sind. Algerien bot ihnen ein Stück Land von der Größe des Saarlands an. Es entstand die autonome „Republik Westsahara“, mit eigener Flagge, Ministerpräsident und 20 Ministern.

2500 Kilometer Mauer

Die „Republik Westsahara“ wird von 75 Ländern der Welt anerkannt. Nicht von den G-8-Staaten, da man es sich nicht mit den Marokkanern verscherzen will. Diese bauten nämlich eine 2500 Kilometer lange Mauer durch die Wüste, um die Sahauris an einer Rückkehr zu hindern. 2.500 Kilometer Mauer, wenn das Ulbricht noch erlebt hätte! Seit 1976 sind alle internationalen Bemühungen um eine Lösung des Konflikts gescheitert.

Die Lehmhütte unserer Gastfamilie war erstaunlich luxuriös eingerichtet. Es gab elektrisches Licht und einen Fernseher. An drei Wänden befanden sich Liegen, auf denen wir zu fünft nächtigen würden, während unsere Gastfamilie in ihr benachbartes Zelt ausgewichen war. Trotz der fortgeschrittenen Zeit ließ es sich die Gastmutter nicht nehmen, uns noch Tee zu bereiten. Bei den Sahauris wird zu fast jeder Gelegenheit und Tageszeit Tee zubereitet. Und das dauert ungefähr eine Stunde. Immer wieder wird das kälter werdende Getränk zwischen den Gläsern hin und her geschüttet, bis ein schaumiges, ziemlich süßes Gebräu entsteht, das man wie einen Schnaps innerhalb von Sekunden genießt. Sehr lecker.

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Auch die sonstige Verpflegung war hervorragend. Es gab täglich eine warme Mahlzeit mit der größten lokalen Delikatesse: Kamelfleisch, das in Konsistenz und Geschmack mit Rindfleisch vergleichbar ist. Die befürchteten Magen-Darm-Beschwerden blieben aus. Allerdings wurde unter den deutschen Lauf- und Wanderteilnehmern ein Darüber-spricht-man-eigentlich-nicht-Thema sehr relevant: die sanitären Gegebenheiten. Eine Hock-Toilette ohne Spülung für sieben Familienmitglieder plus fünf Gäste. Ohne Licht - dafür waren uns also die Taschenlampen empfohlen worden. Den Nagel zum Abschließen entdeckten wir auch erst nach zwei Tagen. Und das Beste: Die gleiche Örtlichkeit diente auch als Dusche. Dafür standen ein Wasserkanister und eine abgeschnittene Plastikflasche bereit. Es gab einige Momente, in denen ich mir die Gemeinschaftsdusche einer deutschen Jugendherberge herbeiwünschte. Aber man gewöhnt sich an alles und nach zwei Tagen hatten wir unseren „Wellnessbereich“, wie wir ihn liebevoll getauft hatten, bereits ins Herz geschlossen.

Die meisten Teilnehmer waren leidenschaftliche Marathonläufer, die aber in der Wüste nicht nur den Kick des unbekannten Abenteuers suchten, sondern für die das humanitäre Interesse im Vordergrund stand. Ein Großteil des Teilnehmerbeitrags kommt den Flüchtlingen zu Gute.

Die Bedingungen waren eigentlich ganz gut. Es war um die 25 Grad warm und meistens schien auch die Sonne. Also, eigentlich schien die Sonne die ganze Zeit, aber an den ersten beiden Tagen kämpften wir mit einem leichten Sandsturm und der feine, ständig herumwirbelnde Sand sorgte dafür, dass die Sonne nur durch einen milchigen Schleier sichtbar war. Wegen des gelegentlichen Sandsturms kaufte ich mir ein dreieinhalb Meter langes Stück Stoff und ließ mir von den Sahauris zeigen, wie man es nach Berberart um den Kopf bindet. Ein idealer Schutz gegen Wind, Sand und Sonne. Außerdem hatte ich nun schon mein Karnevalskostüm für für nächste Saison.

Stimmung wie beim Rosenmonatsumzug

Nach zwei Tagen Akklimatisierung und Kennenlernens stand am dritten Tag der Lauf an. Ich hatte mich dafür entschieden, die Halbmarathonstrecke zu wandern. In einem Bus holperten wir quer durch die Wüste zum Startpunkt im Camp Auserd. Der Fahrer beschallte den Bus mit höllenlauter Musik und zwei junge Sahauri-Damen tanzten derart lasziv, dass es strenggläubigen Muslimen wahrscheinlich die Tränen in die Augen getrieben hätte. Es war eine Vorfreude wie in einer Kölner Straßenbahn kurz vor Beginn des Rosenmontagszugs. Herrlich!

Auch die Stimmung vor Ort war glänzend. Die Frauen des Flüchtlingsdorfes feuerten alle Teilnehmer des Laufes mit schwingenden Zungenlauten an, einer hochtönenden, ohrenbetäubenden Mischung aus Zwitschern und Jodeln. Nach dem Startschuss liefen alle los, während ich gemütlich zusammen mit drei anderen Deutschen anfing zu wandern. Für die anfeuernden Sahauris gaben wir nach dem Start wahrscheinlich ein ziemlich erbärmliches Bild ab. „Corre, corre!“ spornten uns kleine Kinder an, wir allerdings, weder des Sahaurischen noch des Spanischen mächtig, deuteten an, dass wir wohl gewillt wären zu laufen, aber eben nicht so schnell. Und dann forderten die Kleinen „Camalleros“, Kamelle eben, mit denen wir auch nicht dienen konnten.

Müllhalde Westsahara

Wir ließen uns Zeit und orientierten uns an einem pinken Fleck vor uns, einer Läuferin, die wohl unfreiwillig wanderte und die wir sehr uncharmant Frau Piggy tauften. In den Wüstenboden gerammte Pfähle zeigten die Richtung an. Wir sahen jede Menge Sand, aber nicht schönen Wüstensand, sondern steinigen Geröllsand. Und jede Menge Müll. Egal, wo wir in der Wüste unterwegs waren, es lagen alle zehn bis 20 Meter halb vom Sand bedeckte Plastikflaschen, Müllbeutel und Konservendosen herum. Ich hatte den Eindruck, dass wir in Deutschland gar nicht so viel Müll trennen und vermeiden können, wie er in der Wüste herumliegt. Hier war wirklich kein Ort für Wüsten-Romantik, keine Oasen, keine Karawanen, abgesehen von den fünf magersüchtigen Dromedaren, die man uns am Start gezeigt hatte.

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An einer Verpflegungsstation, an der es Wasser und matschige Bananen gab, überholten uns die ersten Marathonläufer, die weit vor unserem Startpunkt losgelaufen waren. Ich beneidete sie nicht, denn sie kämpften mit Gegenwind, der zunehmenden Hitze, den fiesen kurzen Dünensteigungen und den Sandlöchern. Für mich als Wanderer war die Streckenführung sehr angenehm: Wenig Steigungen und weitestgehend flach. Viel zu sehen gab es nicht, ich sichtete einen einzigen Baum. Meiner Meinung nach ist die Bedeutung von Flora am Wegesrand sowieso überschätzt. Ich bin traditionell kein Blümchen-Gucker-Typ und so reichte mir der eine Baum mit etwas Müll darunter auf zwanzig Kilometer völlig.

27 Grad im Schatten - den es nicht gab

Inzwischen hatte ich mit einem sportlichen Mitwanderer, einem jungen KFZ-Mechaniker aus Sachsen, das Tempo ordentlich angezogen. Wir wurden kaum mehr von Marathonläufern überholt. Es war unerträglich heiß geworden. Wir hatten 27 Grad im Schatten, aber den gab es nicht. Ich dachte an ein altes afrikanisches Sprichwort, das ich wenige Stunden zuvor gehört hatte: „Wenn du dem Teufel ins Gesicht blicken willst, schau in der Wüste zum Himmel“. Denn dort brannte der heiße Stern und ging nicht weg.

Von der oft zitierten Stille in der Wüste habe ich nichts mitbekommen. Entweder rasten Sanitär-, Organisations- oder Schaulustigen-Jeeps an uns vorbei, oder die eigenen Schritte knirschten sehr laut und der Wind heulte. Abgesehen davon, dass ich von meinem Begleiter, dem KFZ-Mechaniker, durchgehend vollgequatscht wurde. Es ging unter anderem um Rostschäden und die Wüstentauglichkeit des 190er Mercedes Diesel.

Sehr lustig fand ich, dass uns nach ungefähr fünfzehn Kilometern ein Wegposten in die falsche Richtung schicken wollte. Also quasi in die Wüste. Ich wäre seinem Rat gefolgt, aber mein sächsischer Wanderfreund wies mir den richtigen Weg. Abends erklärte mir ein Sahauri, wir Deutschen wären zu gutgläubig, wir würden echt alles für bare Münze nehmen. Schau an, dachte ich mir, die haben in der Wüste aber wirklich den Schalk im Nacken.

Der Sieg zum Greifen nah

Kurz vor dem Ziel kamen wir an einigen Ziegengehegen vorbei, die sehr fantasievoll aus Blechtonnen, Draht und Autotüren gebastelt worden waren. Die Ziegen sahen bemitleidenswert mager aus und kauten auf Plastikteilen herum. Im Ziel konnte ich hauchdünn vor meinem sächsischen Mechaniker den Sieg im Wanderhalbmarathon in einer Zeit von drei Stunden und 45 Minuten davon tragen. Leider gab es dafür keinen Pokal. Mir ging es sehr gut, im Unterschied zu einigen Läufern, die entkräftet am Tropf hingen oder einen Hitzschlag erlitten hatten.

Meine Saharawanderung war eindeutig ein kolossales Erlebnis gewesen, aber nicht zuletzt wegen der Reisestrapazen schrecke ich vor einer Wiederholung zurück. Mein Exotikbedarf ist demnächst schon gedeckt, wenn ich die Schwäbische Alb erwandern werde. Es muss nicht immer die Wüste sein.

Weitere Infos
2009 wurde der Benefiz-Marathon zu Gunsten der saharauischen Flüchtlinge in der algerischen Sahara zum neunten Mal gestartet - mit knapp 400 Läufern aus 22 Ländern. Es können Distanzen zwischen fünf Kilometern bis Marathon gewalkt, gewandert oder gelaufen werden. Die Uno-Flüchtlingshilfe organisiert mit einem kleinen Reiseveranstalter Reisen zum Lauf, Kosten circa 1200 Euro. Mit einem Teil des Reisepreises werden Hilfsprojekte für die Saharauis gefördert.
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