Reiseziel Mittelmeer, Teil 1 Perpignan - Die Stadt mit viel Drumrum

Heute bummeln und besichtigen, morgen auf die Skipiste und übermorgen an den Strand - Perpignan bietet im Frühling alles.
Von Stéphanie Souron

Als der Mann mit dem gezwirbelten Schnurrbart aus dem Zug steigt, steht die Stadt Spalier. Auf den Straßen winken ihm die Menschen zu, der Mann hält eine Rede, sie ist sein Geschenk an die Stadt: "Der Bahnhof von Perpignan ist das Zentrum der Welt", verkündet er. Die Menschen jubeln. Denn der Mann dort ist Salvador Dalí.

Françoise Quinta sitzt in ihrem Laden auf einem Hocker aus Pappkartons, um sie herum stapelt sich Keramik und Nippes. Sie erzählt diese Geschichte vom August 1965 so, als wäre es gestern gewesen, dass sie in der Altstadt von Perpignan stand und dem Künstler zuwinkte. Quinta, 61, streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und sagt: "Dalí hat uns an diesem Tag aus der Provinzialität geholt." Das Thema liegt ihr sehr am Herzen, denn seit Dalís Besuch sind mehr als 40 Jahre vergangen. Und wenn nicht gerade in der Stadt das internationale Fotofestival stattfindet, steht Perpignan eher im Schatten seiner pulsierenden Nachbarn. "Alle schwärmen von Toulouse, Montpellier und Barcelona. Die sollten mal zu uns kommen, am besten im Frühling."

Im Frühling macht Perpignan nämlich einen auf Sommer, während in großen Teilen Frankreichs noch der Winter hängt. Im März ist es hier schon so warm, dass man barfuß am Strand spazieren kann, zu dem man nur eine Viertelstunde mit dem Auto fährt. Überall auf den Plätzen im Zentrum recken Palmen ihre Wedel gen Himmel. Morgens, mittags und abends haben die Cafés und Restaurants ihre Tische auf den Straßen aufgestellt, man isst Tapas oder gegrillten Fisch, läuft ein paar Meter durch die verwinkelten Gassen und steht schon wieder vor einer Fleißarbeit in Backstein. Perpignan ist zwar klein, aber durchaus sehenswürdig.

Stadt, Strand oder Skisport

Sieben Jahrhunderte bevor Dalí das Potenzial der Stadt erkannte, beschloss schon das Königreich von Mallorca, seinen Sitz nach Perpignan zu verlagern. Die strategisch günstige Lage auf dem Festland und die 320 Sonnentage im Jahr gaben wohl den Ausschlag. Einziges Problem: Perpignan fehlte eine angemessene Herberge für den Hofstaat. Also begann man auf einem Hügel über der Stadt eine imposante Burg zu errichten. Später übernahmen französische Herrscher die Residenz und hübschten die Altstadt mit weiteren Backsteinbauwerken auf.

Schaut man oben vom Hauptturm der Burg aus links auf die Pyrenäen, rechts auf das Meer, muss man unweigerlich an Françoise Quinta denken: "Wenn Sie in Perpignan leben, brauchen Sie keinen Urlaub zu machen", hat sie gesagt. Von hier aus ist man in etwas mehr als einer Stunde im Skigebiet - und in 15 Minuten am Mittelmeer. Man kann sich jeden Tag entscheiden, ob man lieber die Stadt erkundet, am Strand faulenzt oder in den Bergen Sport treibt.

Auf die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen fährt der "Train Jaune". Bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts versorgte der Zug die Bergbewohner mit Nahrungsmitteln. Heute steigen hauptsächlich Touristen in die gelben Waggons und lassen in den 390 Kurven ihre Fotoapparate klicken. Denn die Strecke zählt zu den schönsten Europas. Sie führt vorbei an tiefen Schluchten und dunklen Wäldern, durch schmale Tunnel und über beeindruckende Brücken. Nach etwas mehr als einer Stunde hält der Zug an Frankreichs höchstem Bahnhof auf 1593 Metern, und kurz darauf steht André Grau am Bahnsteig in Font Romeu, mustert einen von oben bis unten und lacht. "Eine Mütze brauchen Sie hier zum Skifahren nicht", sagt er. "Ich hoffe nur, Sie haben Ihre Sonnencreme nicht vergessen."

Grau, 64, trägt eine verspiegelte Sonnenbrille, Schirmkappe und einen roten Wollpullover. Als Junge hat er jede Nacht mit einem Gartenschlauch die Eisbahn vor dem Grand Hotel in Font Romeu hergerichtet, später brachte er bepelzten Damen das Skifahren bei. Denn jahrelang war hier der Treffpunkt für die französische Schickeria. Grau ist heute so etwas wie der Botschafter des Ortes, er kennt jede Kurve und jeden Liftboy, und er sagt, den Schnee im Frühling möge er besonders gern. Schnee haben sie von November bis Mitte April, dazu sehr oft eisblauen Himmel, wolkenfrei. Und während sie andernorts mit Sitzheizungen im Sessellift das Allerheiligste der Touristen pampern, profitiert Font Romeu von der großen Heizung am Himmel.

Man kurvt über mittelschwere Pisten, die Berge fallen weit weniger schroff ab als in den Alpen. Stau an den Liften gibt es höchstens am Wochenende, und dann kann man sich immer noch auf einer der Sonnenterrassen vor den Berghütten in den Liegestuhl fläzen oder an breiten Holztischen "Kaninchen katalanische Art" verspeisen. Grau gönnt sich dazu ein Viertel Rosé, das gehöre sich hier so, danach schmaucht er eine Zigarre und ist nur mit viel gutem Zureden dazu zu bewegen, die Skier noch mal anzuschnallen. "In den Pyrenäen gehen wir alles etwas gemütlicher an als in den Alpen. Schließlich braucht man auch Zeit, um das Panorama zu genießen." Das Panorama in Font Romeu hat in der Tat einen 360°-Wow-Effekt: Unten im Tal treibt der Frühling die ersten bunten Blumen aus der Erde, oben bedeckt der Schnee die Berge noch mit Zuckerguss. Es ist kitschpostkartenartig schön, und Grau sagt: "Das hier ist quasi das Collioure der Berge."

Die Unerschrockenen im Bikini

Collioure liegt ein paar Kilometer südlich von Perpignan. Wer ans Meer will und mehr will, als nur kilometerlangen, weißen Sandstrand wie in den Retortenorten neben der Stadt, der kommt hierher. Kleine, bunte Häuser säumen die Küsten. In den Buchten schaukeln weiße Boote auf dem Wasser, und am Strand liegen schon im März die Unerschrockenen im Bikini herum. Durch die schmalen Gässchen passen keine Autos, deshalb bleibt Platz für die Tische der Restaurants, an denen lautstark große Weltpolitik und kleine Dorfdramen besprochen werden.

In dieses Gemälde hinein ist 1927 Jojo Pous geboren. Seine Großmutter betrieb ein kleines Café unweit vom Strand, später machte Jojos Vater daraus ein Restaurant, und seine Mutter stand in der Küche und kochte Bouillabaisse. Und immer war "Les Templiers" voller Künstler. Sie kamen nach Collioure, weil die Landschaft sie inspirierte: Picasso, Dalí, Matisse, sie alle aßen die Fischsuppe von Jojos Mutter und hinterließen der Familie ein Bild, eine Zeichnung, eine Skulptur. Das Haus hängt voll davon, eine Art Zeitreise durch die Kunststile des 20. Jahrhunderts. "Sie liebten die Farben von Collioure", sagt Jojo, heute 81.

Und sie liebten vermutlich auch den Banyuls, jenen süßen Wein, der auf den Hängen um die Stadt heranreift. Bis hinunter ans Meer reichen die riesigen Terrassen. Kein Wunder, dass die Trauben im Herbst aromatischer sind als sonstwo in der Republik. Selbst in der Kirche von Collioure kommt der Wein zum Einsatz - beim Abendmahl. Nur international konnte er sich nie durchsetzen, zu mächtig ist die Konkurrenz aus Porto. Für den Banyuls bleibt nur die regionale Nische.

Das ist es auch, wovor Françoise Quinta in Perpignan große Angst hat: dass die Stadt nur als verschlafenes Provinznest wahrgenommen wird. Schon mehrfach wollten sie den Flughafen dichtmachen, und der Schnellzuganschluss nach Barcelona lässt seit Jahren auf sich warten. Eine Unverschämtheit sei das, findet Quinta. "Das Zentrum der Welt ohne Flughafen und TGV, das geht doch nicht", sagt sie. Mon Dieu, wenn Dalí das wüsste ...

Teil 2 der Mittelmeer-Serie lesen Sie am kommenden Wochenende: Auf nach Apulien

Tipps und Adressen

Anreise

Perpignan hat einen kleinen Flughafen, der von Air France (ab Paris-Orly) angeflogen wird. Die nächsten Flughäfen sind Barcelona, Gerona und Toulouse.

Unterkunft

Hôtel de la Loge, rue Fabriques d’en Nabot. Nettes Stadthotel, das durchaus mal einen neuen Anstrich vertragen könnte. Dafür unschlagbar günstig. DZ ab 48 Euro. Tel.: 0033/468 34 41 02. Le Crocodile Rouge, rue impasse des cardeurs. Liebevoll geführtes Hotel im Zentrum. Es gibt nur zwei Zimmer, das Frühstück wird auf der Terrasse serviert. DZ/F ab 75 Euro. Tel.: 0033/9712977 59.

Essen und Trinken

Casa Sansa, rue Fabriques Couvertes. Leckere Tapas, katalanische Küche. www.casa-sansa.fr
VIP, rue Grande des Fabriques. Feine französische Küche zu erschwinglichen Preisen. Tel.: 0033/468 51 02 30.
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