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Städtreisen Basel: Der Triumph des kleinen Glücks

Die Stadt macht es ihren Gästen leicht, sie zu mögen: Basel hat nicht nur Kunstmuseen von Weltformat, sondern auch winzige Kneipen und Trödelläden. Tipps für einen Wochenend-Besuch im Dreiländereck.

Von Martina Wimmer

Es gibt bestimmt vielerlei Gründe für das zufriedene Gesicht des Mannes mit der Kapitänsmütze. Aber einer davon muss dieses Glucksen und Gluckern sein, der freundliche Dauerton des großen Stroms im Spiel mit seinem Boot, der ihn den ganzen Tag begleitet. "Kein Boot", sagt der Mann ganz ruhig, "'s Fähri." Um die fünfzig Mal am Tag überquert er den Rhein, um die Menschen von Grossbasel nach Kleinbasel oder retour zu bringen, und es sieht recht entspannt aus, wie er das tut.

Das Fähri hängt an einem Drahtseil, das die Ufer miteinander verbindet, der Fährmann legt das große Ruder um, den Rest besorgt der Fluss, der die Stadt Basel so breit und entschieden in zwei Hälften teilt. Er bestimmt auch das Tempo der Fähre, je nach Strömung und Wasserstand geht es schneller oder langsamer; niemand weiß also, wie lange er warten muss, wenn er die Glocke läutet, um den Fährmann vom gegenüberliegenden Ufer heranzurufen.

Kräutergärtchen am Anleger

Morgens scheint die Sonne auf die Grossbasler Seite, wo sich die Altstadt verschachtelt, die alte Universität am Rheinsprung, die historischen Häuser in der Rittergasse, die heute Anwaltskanzleien, Privatbanken und betuchte Bürger beherbergen, über allen thront das Münster. Abends senkt sich das Licht warm auf Kleinbasel nieder, auf die flachen Handwerkshäuser der einst unterprivilegierten Hälfte der Stadt. Dahinter ragt die Gegenwart in die Höhe, der silbern glänzende Messeturm.

An beiden Ufern hat der Fährmann seine Anlegestelle mit Sonnenblumen und Kräutergärtchen verschönt. Die Fähre selbst hat er sich wohnlich eingerichtet: mit bunten Kissen auf den Bänken, an der Decke hängt ein Fischernetz, ein Gaskocher wärmt Tee und Mittagsmahl. Schon sein Vater hat Menschen gemächlich über den Rhein gebracht, weiter oben, außerhalb der Stadt. Er sagt, es sei immer sein Traumberuf gewesen, ein Fähri in Basel zu pachten. Und wenn er, was selten genug vorkommt, einen der schneidigen Banker überführt, dann glaubt er zu spüren, dass sie manchmal ein bisschen neidig sind auf sein kleines Glück.

Museen von Weltformat

Das kleine Glück ist ein gemeinhin unterschätztes, es verhält sich damit ähnlich wie mit Orten, die nicht so überwältigend und lebensprall daherkommen, dass man sich gleich Hals über Kopf in sie verknallt. Und es passt gut zu dieser Stadt, der drittgrößten der Schweiz mit ihren knapp 200.000 Einwohnern, dass die Fahrten mit dem Fähri zu meinen liebsten Erinnerungen an sie gehören.

Der Fairness halber seien auch die größeren Dimensionen erwähnt. Das Basler Kunstmuseum etwa besitzt eine mächtige Sammlung an Renaissance-Malerei und großartige Exponate aller, die in der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts einen Namen haben. Die britische "Times" hat es jüngst zum fünftbesten Kunstmuseum der Welt gekürt, und mir hat das Haus den spannendsten Regentag des Jahres beschert.

Den zweitbesten hatte ich in der Fondation Beyeler, einem lichten Bau von Renzo Piano, der sich zwanzig Straßenbahn-Minuten vom Basler Zentrum entfernt in sattes Grünland fügt. In dem Monet, Warhol, Rothko, Matisse und viele andere Größen genauso viel Raum haben wie Stammeskunst aus Afrika und Ozeanien. Und wo man im Wintergarten in Kunstbüchern versinken kann und in den Denkpausen mit den Kühen jenseits der Verglasung meditiert.

Unterwegs im "Trämli"

Einen halben Sonnentag habe ich außerdem ohne jede Reue im Museum Tinguely verloren, es war der fröhlichste Museumsbesuch meines Lebens. Das Rappeln und Scheppern und Klingeln und Schnauben der riesigen Maschinen von Jean Tinguely, dem berühmten Sohn der Stadt, ist höchste Kunst. Die schafft, was nicht gerade typisch für solche Häuser ist: einem eine Stimmung einzupflanzen, als wäre man nicht im Museum, sondern auf einer Party, auf der man zwar keinen kennt, aber trotzdem bester Laune ist. Die anderen Gäste, das sind die Besucher, denen man an den Exponaten immer wieder begegnet, wo jeder mit kindlicher Freude auf die Knöpfe drückt, um Bewegung in die bunten Schrottgebilde zu bringen.

Und auch das passt gut in diese Stadt: eine Art grundgesunder Frohsinn, den man gerne teilt, auf Straßen und Plätzen, am Markt vor dem Rathaus aus rotem Sandstein von 1514, das über die Zeit immer weiter gewachsen ist und Anfang des 17. Jahrhunderts von Hans Bock so großartig bemalt wurde. Im "Trämli", das vom staubigen Arbeiter bis zur eleganten Damenrunde alle durch die ganze Stadt kutschiert. In den schmalen Gassen, die in Grossbasel, gesäumt von kleinen, feinen Geschäften, hinauf zum Petersplatz führen. Vornehme Hüte werden dort verkauft, in einem Laden, der so aussieht, als hätte er die Zeit vergessen, aber auch politisch Korrektes wie nachhaltige Mode, Möbel, Dekoration.

Jenseits des globalisierten Konsumrauschs

Beim Schlendern beschleicht einen das Gefühl, dass hier die Hysterie des globalisierten Konsumrauschs noch nicht so sehr zu Hause ist. Und an der kleinen Konditorei Gilgen steht die Basler Gesellschaft am Wochenende auch mal für ihre Süßwaren an, weil dort alles selbst gemacht und vom Allerfeinsten ist.

Was es nicht gibt im wohlsituierten Grossbasel, ist zur Schau gestellter Luxus, Protz und Prunk. Das ist ihnen hier zuwider, dafür sind die Bonzen in Zürich zuständig, diese Distanz, ob scherzhaft ausgesprochen oder trotzig, hört man in Basel bei jedem heraus, den man nach seinem Selbstverständnis fragt. Und gerne fügen sie das eine oder andere Beispiel an für die vornehme Zurückhaltung der vielen sehr vermögenden Bürger der Stadt.

Pharmaindustrie sorgt für Wohlstand

Die Erbin von Hoffmann La Roche, die bis ins hohe Alter mit ihrer rollenden Tasche das Leergut zum Supermarkt brachte, oder die geheimnisvolle Initiative "Ladies First", die vor einem guten Jahrzehnt 17,5 Millionen Franken für einen neuen Theaterbau bereitstellte. Bis heute ist über den illustren Kreis nur bekannt, dass er, so raunt man, aus mehr als drei und weniger als zehn betuchten Damen bestand.

Chemie- und Pharmaindustrie sind das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt, eine historische Folge der Seidenbandfabrikation, die im 16. Jahrhundert den meisten Baslern Arbeit gab. Mit der Erfindung chemischer Textilfarben war der Grundstein für die Der heutigen Global Players gelegt. Internationalen Ruhm verschafft der Stadt außerdem die jährliche Messe für Gegenwartskunst, "Art Basel", sie gilt als größte ihrer Art. Die Ableger in Miami und Hongkong mögen die bessere Fotokulisse abgeben für das zugehörige Schaulaufen, aber am Rhein wurde 1970 von drei Galeristen die Idee geboren.

Winzige Kneipen mit Spitzengardinen

Ein wenig vergessen vom Rest des Landes fühlen sie sich dennoch hier im äußersten Norden, auch viele Reisende fahren an Basel vorbei, auf dem Weg in jene Schweiz, die ihrem Klischee entspricht, mit hohen Bergen, grünen Tälern. Aber das, so denken sie vor allem drüben in Kleinbasel, muss nicht das Schlechteste sein. Man ist dort gern ein bisschen anders. Überquert man die Mittlere Rheinbrücke, deren Vorläufer im Jahr 1225 die erste Verbindung der beiden Siedlungen rechts und links des Rheins gewesen sein soll, lässt man auch das vornehme Grandhotel "Les Trois Rois" hinter sich, das als Aushängeschild der "besseren" Hälfte klassizistisch edel am Grossbasler Ufer residiert.

Was vor einem liegt, war lange Zeit und für eine geübte Großstädterin kaum vorstellbar das No-Go-Area der Stadt. Die Häuser dort sind kleiner, man bestaunt die Jahreszahlen über den alten Holztüren. Bis in das 14. Jahrhundert gehen sie zurück. Winzige Kneipen schützen sich mit Spitzengardinen vor der modernen Welt, auf den Hauptstraßen lebt die multikulturelle Gesellschaft. Dönerbuden, Discounter, Trödelläden, die man hier "Brockenbude" nennt. Nachts bekommt man eine leise Ahnung von der Vergangenheit des Viertels, ein paar rote Laternen sind übrig geblieben, vor dem "Moulin Rouge" und der Bar "Roter Kater" stehen die Damen leicht bekleidet und rauchen.

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