HOME

Tel Aviv: Vom Leben in der Seifenblase

Diese Stadt schillert: Wenn die Sonne die Schultern ihrer Bewohner freilegt, das Mittelmeer funkelt und die Nacht taghell leuchtet. In Tel Avis, der tolerantesten Metropole Israels, genießen die Menschen ein Stück Normalität und feiern es mit Übermut.

Von Thorsten Schmitz

Es piept, zwei Mal. Zwei geplatzte Verabredungen. Ich stehe am Gepäckband in Tel Aviv, habe gerade mein Handy eingeschaltet und bin schon versetzt worden. Fast zwölf Jahre habe ich hier gewohnt, vor zwei Jahren bin ich nach Berlin gezogen, und jetzt erinnere ich mich wieder an das wichtigste Wort, das man in dieser Stadt kennen muss: lisromm. Sich locker machen also, flexibel sein.

Israelis sagen, in Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet. Und in Tel Aviv? Da wird gelebt. Dazu gehört, dass man Termine verschiebt und sich nicht festlegt. Und auch, dass es kein Krawattenwetter gibt. Einmal hat es in Tel Aviv geschneit, 1950 war das. Seitdem nie wieder. Auch im Winter braucht man die Sonnenbrille. Im Sommer regnet es sechs Monate lang praktisch nie, dafür kann es so schwül werden wie in Bangkok. Lisromm bedeutet also, auf der Terrasse des edlen Fischrestaurants "Fortuna del Mar" am Segelboothafen in Birkenstocksandalen zu sitzen.

Ungestüme Stadt und beruhigendes Meer

Ich könnte mich jetzt über die Absagen aufregen. Auch über den Taxifahrer, der mich überzeugen möchte, ohne Taxameter in die Stadt zu fahren (was die Stadtverwaltung seit drei Jahren verbietet). Ich kann aber auch das Fenster herunterkurbeln und mich von der warmen Luft streicheln lassen. Wenn man in Berlin Mützen und Schals trägt, blühen in Tel Aviv die Bougainvilleen. "Frühlingshügel" haben die ersten 66 Familien vor 102 Jahren die Stadt genannt. Heute leben hier 390.000 Menschen. Wenn man die Vororte dazuzählt, kommt man auf zwei Millionen.

Zu lisromm gehört auch, dass ständig das Telefon klingelt. Avishai ist am Apparat, ein Surfer, mit dem ich mich für übermorgen verabredet habe. Die Wellenvorhersage sei plötzlich gut, ob ich Lust hätte, mich jetzt gleich am Chof Maaravi zu treffen, der "Westcoast" von Tel Aviv. Während ich auf Avishai warte, sehe ich einer jungen Frau beim Yoga zu, die gerade den Sonnengruß übt. Gleich neben ihr stehen zwei Jungs mit den Füßen im Wasser und spielen Matkot, Strandtennis mit Holzschlägern und schwarzem Gummiball. Genau nach dieser Mischung habe ich in Berlin immer Heimweh: eine ungestüme Stadt im Rücken und ein beruhigendes Meer vor mir.

Keine versteckten Schwulenbars

Im Sommer treffen sich schon frühmorgens um fünf am Gordon-Strand Senioren zur Gymnastik, darunter viele, die als Kinder in der Nazizeit nach Palästina kamen. Weiter südlich stürzen sich Einwanderer aus Russland ins Mittelmeer, auch im Winter bei zwei Meter hohen Wellen. Freitags, wenn bei Sonnenuntergang der Sabbat beginnt, trommeln Hippies und Hare-Krishna-Anhänger auf Bongos und kiffen sich ins Wochenende. Und im Norden, zu Füßen des gerade neu angelegten Unabhängigkeitsparks, ist ein Strandabschnitt nur für Ultra-Orthodoxe geöffnet. Sie kommen aus allen Teilen des Landes ausgerechnet nach Tel Aviv, in die unreligiöseste Stadt Israels. Heute ist Männertag, und die Religiösen entledigen sich ihrer schwarzen Hüte und Mäntel und gehen mit ihren Söhnen baden. Direkt nebenan, am Hilton-Strand, der so heißt, weil über ihm das gleichnamige Hotel thront, sonnen sich Schwule, Lesben und Großfamilien.

Vor einem Jahr sorgte ein Bademeister für Schlagzeilen, weil er zwei Männern, die sich im Wasser leidenschaftlich geküsst hatten, Strandverbot erteilen wollte. Der Bademeister war schnell seinen Job los, denn Tel Aviv hält sich viel darauf zugute, besonders gayfriendly zu sein. So sehr, dass es in der Stadt nur ein paar Bars und Clubs für Schwule und Lesben gibt - man ist hier so offen, dass sie keine Reviere brauchen. Mit seinem Surfboard unterm Arm kommt Avishai auf mich zugelaufen. Seine braungrünen Augen strahlen. Vor drei Jahren marschierte die israelische Armee in den Gaza-Streifen ein, gerade mal 60 Kilometer südlich. Und was machte Avishai? Ging mit Freunden surfen. "Was hätte ich machen sollen? Zu Hause bleiben?" Er verzieht das Gesicht. "Tel Aviv ist eine Seifenblase. Es liegt in Israel, aber eigentlich ist die Stadt ein eigener Planet." Er schnappt sich das Surfbrett und paddelt bäuchlings raus.

Avishai arbeitet als Eventmanager in der "Abraxas"-Bar, seine Freundin ist Schauspielerin und spielt gerade in einem Stück, das der Bruder von Premierminister Benjamin Netanjahu geschrieben hat. Sie haben eine Tochter und keine Zeit für Zeitungen, Radio, Fernsehnachrichten. In Tel Aviv lebt man jeden Tag, ohne zurück oder nach vorn zu schauen. Termine macht man, aber man sagt sie auch ab. Man tanzt, "denn es könnte der letzte Tanz sein", sagt Etgar Keret, der Schriftsteller. Er kann sich nicht vorstellen, anderswo in Israel zu leben: "Tel Aviv gibt uns eine Ahnung davon, wie normal wir leben könnten." Normal in Tel Aviv ist, dass die Menschen am Sabbat nicht in die Synagoge gehen, sondern auf der grünen Wiese im Hayarkon-Park unter Bäumen liegen, auf künstlichen Felsen klettern, Rollschuh fahren, grillen. Normal ist, dass man um ein Uhr morgens ausgeht und an Pessach, wenn landesweit für acht Tage Brot und Nudeln aus Supermärkten verbannt sind, Brötchen und Pizza essen kann.

Etwas historisch Bedeutendes wie die Klagemauer oder einen Felsendom sucht man vergebens. Dafür kann man das Wohnhaus des Staatsgründers David Ben-Gurion besuchen. Oder man macht eine Tour durch die weiße Stadt mit ihren 4000 Gebäuden im Bauhausstil, seit 2003 Weltkulturerbe. Zum Frühstück wird gern Omelette mit geröstetem Schinken serviert. Und Fahrrad fahren auf eigenen Wegen, das geht jetzt auch. Der Bürgermeister Ron Huldai ließ welche anlegen, weil er bei seinen Europa-Besuchen so beeindruckt von den Radlern in Berlin, Amsterdam und London war.

Feilschen auf dem Carmel-Markt

Wenn der Strand von Tel Aviv das Wohnzimmer ist, dann muss der Carmel-Markt die Küche sein. Jeder darf die Avocados, Nektarinen und Trauben prüfen, Probieren ist erlaubt, Feilschen erwünscht. Und ehe er sich's versieht, hält der Besucher zehn Plastiktüten in beiden Händen (die Papierversion hat sich auf Tel Avivs größtem Obst- und Gemüsemarkt noch nicht durchgesetzt) und wundert sich, wie wenig er ausgegeben hat. Selbst die Reichen, die im Norden der Stadt auf dem Kikar-Hamedina-Platz Armani-Anzüge und Gucci-Taschen kaufen, gehen zum Carmel-Markt und freuen sich, dass ein Sonnenblumenstrauß hier nur die Hälfte kostet.

Tel Aviver warten nicht auf die Ankunft des Messias - wie die Jerusalemer -, sondern auf das nächste Konzert von Emily Karpel, einer Elektropop-Sängerin. Ich hatte mich gerade wieder einmal treiben lassen, diesmal vom Hunger in ein Lokal am Markt, in dem ich warmen Hummus gegessen hatte, als mein Handy wieder klingelte.

Mieten und Kaufpreise steigen

Emily ist am Telefon. Sie und ihr Lebenspartner Tomer, der als Produzent für sie arbeitet, sind gerade im Sheinkin-Viertel, man könnte sich doch treffen, wenn es denn passt. Emily trägt eine Sonnenbrille, die ihr halbes Gesicht verdeckt, und einen dunkelblauen Sonnenhut, die Fingernägel glänzen rot, die Lippen auch. Wir sitzen im Garten von "Mezze", einem Bio-Lokal, in dem man Vollkornpita und glutenfreie Suppen essen kann. Alle drehen sich nach ihr um. Sie hat gerade ihr zweites Album produziert. Ihr erstes, "Nemashim" (Sommersprossen), war ein riesiger Erfolg. Was sie an Tel Aviv mag? "Die Freiheit, die man in anderen Städten in Israel nicht hat."

Sie kommt gerade aus Berlin. Gefallen habe ihr dort vor allem das Provisorische, was auch Tel Avivs Charme ausmache. In den Jahren nach der Staatsgründung 1948 kamen auf einmal so viele Juden nach Tel Aviv, dass schnell und eher schlecht gebaut wurde. Viele Häuser müssen heute renoviert werden, auch weil die Meerluft sie bröseln lässt. Die Nachfrage nach Wohnraum in Tel Aviv ist so groß, dass Mieten und Kaufpreise wohl Manhattan-Niveau erreicht haben. Auch deshalb wohnen Emily und ihr Mann in Jaffa, dem arabischen Viertel. Jaffa, sagen sie, sei "der neue Süden von Tel Aviv".

Tolerant und tierlieb

Tatsächlich ziehen immer mehr Künstler und junge Leute dorthin, weil sie sich die Mieten im Zentrum nicht mehr leisten können. Die antike Hafenstadt mit ihren Minaretten und Gebäuden aus der osmanischen Zeit wirkt pittoresk und eher schläfrig, jedenfalls verglichen mit den Wolkenkratzern von Tel Aviv, zu dem es seit 1950 gehört. Langsam wird es aber auch teuer, in Jaffa zu wohnen. Häuser werden renoviert, Apartmentanlagen mit Swimmingpools auf Dachterrassen gebaut, die arabischen Einwohner fühlen sich an den Rand gedrängt. Und es ist schick, im alten Jaffa essen zu gehen. Eines der besten Restaurants liegt mitten auf dem Flohmarkt, die "Charcuterie", wo man noch nachts um eins eine Weile warten muss, bis man einen Sitzplatz bekommt.

In Tel Aviv scheint der Nahostkonflikt schon gelöst zu sein. In den Galerien hängt Kunst aus Ramallah im Westjordanland, in Cafés lachen palästinensische Schauspieler mit jüdischen Moderatorinnen, in den Krankenhäusern werden Palästinenser aus dem Gaza-Streifen behandelt. Tolerant ist Tel Aviv - und tierlieb. Zehntausende Katzen streunen durch die Stadt, und geknurrt wird auch. Das Stadtmagazin "Ha'ir" hat herausgefunden, dass fast jeder Single in Tel Aviv einen Hund besitzt, um beim Gassigehen Kontakte zu knüpfen.

Wissenscommunity